Agni

Lula weiß es schon. Sie hebt den Kopf und springt die Treppen hinunter in den Sand. Mit großen Augen blickt sie Richtung Meer, welches kaum zu hören ist. Nur zweihundert Meter entfernt rauscht es sanft an sein ewiges Ufer, es sind Millionen Tonnen stetig wanderndes Wasser, die dort unaufhaltsam kommen und gehen, aber heute ist es die Urgewalt eines südindischen Sommers, die auch das Meer erfasst und zum Schweigen gebracht hat.
Schläfrig liegt es in seinem endlosen Becken und wartet.
Ich habe kein Wort gesagt, und wenn, dann hätte Lula es nicht verstanden. Trotzdem spitzen sich ihre Hundeohren in freudiger Erwartung. Natürlich weiß sie, was jetzt passiert, natürlich hat auch sie ein untrügerisches Gefühl für Gezeiten, für den Rhythmus von Tag und Nacht, für die Zyklen der wiederkehrenden Monate. Und natürlich weiß sie um den Vollmond, der zwischen den Palmen aufblitzt und uns den Weg weist, natürlich kennt sie unser Ritual, das sich ein Mal im Monat abspielt wie ein Uhrwerk.
Sie springt los.
Ich werfe mir meinen Sack über die Schulter und folge ihr.
Wir begleiten die lange Wand der Bougainvilleas Richtung Dorf, bis wir das kleine verrostete Tor erreichen. Quietschend schiebe ich es auf und Lula schießt hinaus. Gemeinsam rennen wir runter ans Ufer. Es ist nur ein paar Stunden her, da saßen wir beide an der gleichen Stelle, begleitet von graubärtigen Fischermännern, die ihre Netzte flickten und sich das feuchte Salz in die Haut rieben. Die Männer machten Feierabend nach einem Tag harter Arbeit, sie rochen nach Leder, Fischflossen und Öl, wir aber waren für den Sonnenuntergang gekommen, genauer gesagt: für den Feuerstern.
Jedes Jahr Mitte Mai steigt allabendlich zwischen 18h und 18.30h ein Himmelskörper unterhalb der Venus auf, den die Inder Agni nennen. Agni ist ein altvedischer Begriff und bedeutet Feuer. Dieser seltene Stern begleitet den Sonnenuntergang und ist nur in dieser halben Stunde zu sehen. Nach elf Tagen verabschiedet er sich so plötzlich, wie er gekommen ist, und erscheint erst wieder im folgenden Mai. Die Tamilen kennen diese besondere Zeit des Jahres als katthari, ein eingebürgerter Begriff, der sich vom Englischen cut, also schneiden oder teilen, hersagt: So nennen sie dies neu herabsteigende, schneidend-harte Licht, das den endgültigen Übergang der Jahreszeiten markiert. Dicker, erbarmungsloser Sommer! Ab katthari lebt sie endgültig unter uns, diese brüderliche Hitze einer 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne.
Jetzt aber – die Fischermänner liegen schon längst in ihren Hütten und knirschen mit den Zähnen – ist es der langsam aus dem Meer emporgestiegene Vollmond, der vom Himmel strahlt. Wie eine Nachtsonne balanciert er im Firmament. Der gesamte Strand ist hell erleuchtet, als wolle man die Nacht vertreiben, ohne auf den Tag vertrauen zu müssen. Tiefblau leuchten die Sandkristalle, und das weite Meer liegt vor uns wie Blei. Nur die weißen Schaumkronen der Wellen blitzen immer wieder auf, Sekundenlichter, die sofort in die Tiefe geschluckt werden. Diese stumme Königin dort oben am Himmel, die einst aus dem Körper der Erde herausgeschlagen wurde, sie hat alles verändert: Sind die indischen Nächte sonst mysteriös und geheimniskrämerisch, legt dieses Licht nun die gesamte Welt offen. Das Vorhandene rückt näher an sich selbst heran. Die Nacht hat sich in ein fremdes Bild verwandelt, das uns bestens bekannt ist.
Lula schmiegt sich an mich und schaut über das Meer. Ich könnte schwören, dass auch sie ergriffen ist von solchen Nächten, von weißen leuchtenden Kugeln am Himmel. Eine halbe Stunde bleibe ich noch bei ihr. Selbst die über den Strand tänzelnden Krabben interessieren sie nicht, nicht das Bellen der anderen Hunde in der Ferne. Schließlich stehe ich auf, binde mir den Gummisack mit meiner Verpflegung auf den Rücken und verabschiede mich von Lula. Ab hier muss ich alleine weiter. Mein Ziel: Die vor der Küste ankernden Fischerboote, die mich für die Nacht beherbergen werden.
Das Meer fühlt sich an wie dunkle Tinte, ein zähes und leichtes Element, das mit der schwülen Nacht verschmilzt. Immer wenn ich auftauche, folge ich dem weißen Ball am Himmel. Eine silberne, aus tausend tanzenden Lichtpunkten gezogene Spur liegt auf dem Meer und führt bis an den Horizont.
Als meine Hände schließlich gegen Holz stoßen, ziehe ich mich in den schwankenden Kahn und bleibe eine Weile so liegen, wie ich in ihm lande, die Augen stumm in den Nachthimmel gerichtet. Dann setzte ich mich an den Bug. Das Wasser hängt in dicken glasigen Perlen an meinem Körper. Ich blicke zurück auf das Land, das ich vor zehn Minuten verlassen habe, den glitzernden Strand und die Waagschalen der Palmenblätter, auf denen das Licht schwimmt, die flachen schlafenden Häuser und die dicken Wolken in einem anthrazitfarbenen, sprachlosen Himmel. Eine tropische Skyline, die ehrlicher nicht sein könnte. Selbst Lula ist noch zu erkennen als kleiner lebendiger Punkt, der den Strand auf- und abläuft. Noch eine Stunde wird sie dort bleiben und dann nach Hause laufen, wo ich sie morgen früh mit meiner Ankunft wecken werde.
Bald lege ich mich wieder auf den Rücken und starre in den Mond. Als sei er Musik, schunkelt er im Auge und erzählt. Nach einer Weile erkenne ich die Schattierungen, die hellen und dunklen Landschaften seiner Haut, Krater, Berge und weite Ebenen. Unter mir hingegen spüre ich die Geheimnisse des Meeres, die mich durch die Nacht tragen.
Es dauert nicht lange, um erneut zu verstehen, dass diese einzigartige Welt von den Menschen nichts weiter verlangt als unsere nackte Anwesenheit. Mehr ist es nicht, und es ist auch nicht weniger. Der Raum für Fragen und Antworten bleibt hier verschlossen. Das Meer verlangt nichts und der Himmel kann nicht mehr zeigen als das, was er ohnehin besitzt – das ist die ganze Kunst. Die Welt ist derart stumm, als sei sie gerade erst geboren worden, unbeschwert, vollkommen, ein Ort ohne die hanebüchene Zeit. Ein wahres Paradox dieser Nächte: Ich weiß, dass ich vollkommen alleine bin hier draußen, ein winziger Mensch auf einem riesigen Ozean, und doch fühle ich mich so aufgehoben und beheimatet wie seit einem Monat nicht mehr. Der Welt und meinem bekannten Planeten so fern und allen bekannten Bildern entschwunden, bin ich dieser Erde noch nie so nahe gekommen. Auch, wenn ich bei Sonnenaufgang hier aufwachen und zurückschwimmen werde zu Lula, zurück in mein Leben da drüben, zu Haus, Palme, Schreibtisch und den Gemeinsamkeiten von Schicksal und Leben, so weiß ich doch: Es wird unmöglich sein, von solchen Nächten vollständig zurückzukehren.