Tamil Nadu

Tamil Nadu. Ich bin mir nicht sicher, ob eine frühere Version meiner selbst schon einmal hier lebte, tief im Schoße einer Zeit und verlorenen Sprache, von der ein Dennis Freischlad nichts mehr wissen kann – oder ob ich die letzten 18 Jahre nur zu oft durch diese Dörfer und Landstriche gereist bin. Aber dies mächtige, brachiale, hartsonnengegerbte und mondträumende Land, das sich so ehrfurchtsvoll hingibt an die Gesamtbedingungen des Lebens: Auf der ganzen Welt gibt es keinen anderen Ort, der mir so bekannt ist.
Die sich am Horizont in großen Felsen aufhügelnde Erde, ins Auge getupft durch den Reigen der Palmen und Banyans, das schillernde Grün der Reisfelder nach dem Monsun, die Lehmhäuser und Keethütten, hinter denen die Tempeltürme das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde wahren. Der Sommer hat sich Berge von Wassermelonen an den Straßenrand getürmt, große grüne Perlen, die man vom Erdboden gekratzt und zwischen die ewigen Tamarindbäume gerollt hat, weise Beschützer, die uns aufnehmen unter ihre mächtigen Kronen. Stumm wachen sie über all diese Dörfer, in die seit Jahrhunderten keine Zukunft eingezogen ist, sie erzählen das gleißende Himmelsblau, den Schweiß, den kommenden Regen, das Warten auf die Zeit und alle Traumbarkeiten, die ein menschliches Herz aufbringen kann. So, wie es das Auge sieht, existiert das Land schon seit Jahrtausenden, eine Ur-Version von Acker, Grün, Bulle und Heim, greifbar wie eine Fotografie, von der nur der Staub zu pusten ist. Eine erste Erde. Ein Land so ewig und unwandelbar wie die Bilder, von der sich allein die eigene Seele zu berichten weiß.

Offener Brief an Tranquebar

Offener Brief an Tranquebar, eingesungen als Koromandel-Küstenlied und Trinkspruch für späte Nachmittage

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
die Sonne steigt durch Mund und Lippe
und brennt das Meer in taube Augen
O weites Simsala du weißt
niemand ist wach, um es zu glauben.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
in der Sonnenmondgleiche der Tage
haust dein Gott der Blüten und Bände
O weites Simsala du weißt
jedem Ziel folgt ein Anfang und dem Beginnen ein Ende.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
Kinder sind alte Fischer geworden
und zählen das Weiß in die Stunden
O weites Simsala du weißt
die Zeit hat keine Erde gefunden.

O Koromandel komm und sing
dein Simsala-Simsalabim
kein Menschlein kennt des Himmels Blau
denn wer hat´s geboren, wer hat´s vermessen
O weites Simsala du weißt
Morgen ist Morgen und alles vergessen.