Offener Brief an Tranquebar

Offener Brief an Tranquebar, eingesungen als Koromandel-Küstenlied und Trinkspruch für späte Nachmittage

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
die Sonne steigt durch Mund und Lippe
und brennt das Meer in taube Augen
O weites Simsala du weißt
niemand ist wach, um es zu glauben.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
in der Sonnenmondgleiche der Tage
haust dein Gott der Blüten und Bände
O weites Simsala du weißt
jedem Ziel folgt ein Anfang und dem Beginnen ein Ende.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
Kinder sind alte Fischer geworden
und zählen das Weiß in die Stunden
O weites Simsala du weißt
die Zeit hat keine Erde gefunden.

O Koromandel komm und sing
dein Simsala-Simsalabim
kein Menschlein kennt des Himmels Blau
denn wer hat´s geboren, wer hat´s vermessen
O weites Simsala du weißt
Morgen ist Morgen und alles vergessen.

Auf der Suche nach Panakale

Um fünf Uhr stehst du auf. Weißer Tau wacht oben im Bambus. Um halb sechs fahrt ihr los. Die Nacht ist kühl, das Motorrad wird warm. Du sieht die in Decken gehüllten Männer, die wer weiß wohin gehen und fragst dich, wie viel der Worte und der Zeit ihr eigentlich zu teilen im Stande seid, siehst die Frauen, die sich in die Hauseingänge knien und Kollams auf eine taube Erde zeichnen. Die Kinder schlafen und hüten die großen Gewässer der Träume. Hier und da brennt ein Müllhaufen, Hunde spielen mit Hunden. Ihr fahrt durch Pondicherry, fliegt durch die breiten und leeren Adern der Stadt, und erreicht die Dörfer Vilianurs. Du hältst an und schreibst: Silbern steigt die Dämmerung in den Blütenkopf der ewigen Buriti-Palme. Dann streichst du den Satz und schreibst: Die Dämmerung löscht das Auge.

Es ist Pongal, das tamilische Erntedankfest, ihr seid auf der Suche nach panankale, dem frischen Wasser der Palme. Nur zögerlich wird es hell. So viel rosabrennender Nebel legt sich über das Land, dass es sich darin aufzulösen droht. Gleichzeitig tritt alles näher. Kedar und Gagan finden den See. Zwei dutzend Männer stehen herum und klopfen auf ihre leeren Plastikbecher. Ihr sagt dem Boss, wie viel ihr haben wollt und wartet, bis der Palmenwassermann aus den Kronen zurück ist. Gestern hat er dort oben die frischen Äste angeschnitten und seine bauchigen Tontöpfe über die Stumpen gestülpt. Über Nacht sind sie vollgelaufen. Ihr wartet im dicken Wummern des Grüns und der Banyans, die Erde ist euch in die Stirn gewachsen, der See ist bleiern und warm, ihr wartet, bis eure Flaschen und Becher gefüllt werden. Du trinkst. Du hörst Kedars Warnung: Sobald die Sonne ihre Strahlen über das Land wirft, entfaltet sich die alkoholische Wirkung des Saftes. Dann kippt das süße, klare Wasser. Dann kocht es im Blut. Dann rauscht es im Kopf. Ihr trinkt die Flaschen aus, es wird Tag, das Licht ist gelb und rot geworden, tausend Spiegel fallen in den See. Erst jetzt hörst du die Tempelmusik, die bereits seit Stunden über dem Land schwebt.
Du siehst Kedar, wie er die Flasche leert und über das Wasser schaut.
Du hörst wie er sagt, ich fühle mich leicht.