Corona Chronicles 6 – Teil 1/2

Es hatte sich angekündigt, eine Nacht lang, einen frühen Morgen. Zu der ohnehin bis zur eklatanten Sauerstoffarmut verdichteten Sommerluft, die uns seit Wochen nicht schlafen lässt, kamen der Nebel und die Feuchtigkeit und das ferne Rumoren über dem Meer. Als das Gewitter schließlich über unseren Köpfen hängt, frage ich mich, wann es das letzte Mal geregnet hat. Vor drei Monaten? Vier? Die Wirklichkeit des brüllend aus dem Himmel fallenden Wassers wirkt wie eine Auferstehung. Wir spüren es bis in die klammen Knochen: Dieser Regen ist vor allem eine Erinnerung an eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist und doch sehr weit hinter uns liegt. „B.C.“, sagte ein Freund kürzlich, „Now it means „Before Corona“. Forget Christ! We are entering a new era, and maybe this is the second coming.“
Der Himmel öffnet sein vollgesogenes Maul. Der erste Regen im Corona-Zeitalter ist kein milder. Der Sturm fegt den Staub über das ausgetrocknete Land und schwemmt das Wasser über eine vom Tropensommer ausgetrocknete Erde. Schwarzer Horizont. Ein verärgertes Biest, ein Segen, ein Notwendigkeit. Wir trainieren im Regen. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn, und hat nicht jener Allerheiligste, dieser seit jeher übers Firmament verankerte Jahwe seine Karriere als jüdischer Wettergott begonnen, bevor ihm die Erfindung des Monotheismus durch Echnatons ekstatische Sonnenverehrung den Weg frei räumte zur begehrtesten, höchsten und weißesten aller Wolken? Jene Wolke, aus der es nun blitzt und donnert?
Als das Gewitter vorbeigezogen ist, fahren wir zurück nach Kuilapalayam. Innerhalb weniger Stunden ist das Dorf um drei Straßensperren bereichert worden, alle an derselben Ecke und in einem Abstand von nur hundert Metern. Die üblichen über die Straße geworfene Baumstämme, vertrocknete Äste und mit Müll gefüllten Reissäcke, die nach spätestens einem halben Tag beiseite geschoben werden, da es für das indische Herz nicht schlimmeres gibt als Dinge, die mehr als einige Stunden im Weg liegen.
Warum diese Roadblocks? – Keiner weiß es. Alle, die ich fragen kann, schütteln den Kopf und versuchen, die Anwesenheit der Blockade mit der üblichen Missachtung aller weltlichen Angelegenheiten zu ignorieren. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Noch immer regnet es leicht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Tag, höre ich mich flüstern, irgendetwas stimmt nicht.
Meinem verkrüppelter Kokosnussverkäufer, die leblosen und krummen Beine zu einem ordentlichen Haufen vor seine Hüfte zusammengestapelt, macht es nichts aus, im Nassen zu sitzen. Dass er ein Meister ist, habe ich schon lange gewusst. Doch heute winkt er mich etwas näher heran, überreicht mir die aufgeschlagene Kokosnuss und flüstert: I can fix bikes too. And get cigarettes and a tailor and chicken.
And booze?, frage ich.
Sorry Sir, very sorry. Me, I am only selling coconut.

Ich brauche einige Zeit, um zu bemerken, dass er fast der einzige ist, der draußen ist. Alle Läden sind geschlossen, obwohl die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken am Vormittag öffnen dürfen. Die wenigen Wagemutigen, die verschwiegen im Dorf herumlaufen, tragen kein Lächeln hinter dem Mundschutz. Sobald es regnet, sind die Straßen normalerweise voller aufgeregter, durch die Pfützen planschender Kinder.
Aber es sind keine Kinder zu sehen.
Irgendetwas stimmt nicht.
Auf meinen Nachhauseweg sehe ich ein halbes dutzend Menschen, die ihre Scooter und Motorräder schieben anstatt zu fahren. Zwei Polizisten stehen am Straßenrand und diskutieren schreiend mit einigen Männern. Ich schaue gar nicht erst in ihre Richtung und gebe Gas. Ein gestrandetes Auto. Leer. Noch eine Frau, die ihr Moped schiebt. Ich habe Glück und erreiche Ramalingam. Erst, als ich Lotta abstelle, reicht meine Sinneswelt die wahren Ereignisse der letzten fünf Minuten nach. Die schwere Luft voller Eukalyptus, das Quaken der Frösche in den Pfützen, eine graue Sonne. Und der Geruch des dampfenden Asphalt, das Parfüm einer schwitzenden Erde. Erst kürzlich lernte ich das Wort, dass man für diesen einzigartigen Geruch gefunden hat: Petrichor. Das aus dem Stein tretende „Blut der Götter“.

Ramalingam sitzt an seinem Tisch und schaut sich die Nachrichten an. Ob er wüsste, was draußen vor sich gehe?
Nein.
Sagt das Internet irgendetwas?
Nein.
Was sagen die Nachrichten?
Ach, immer dasselbe.
Er steht auf, bricht einen Neemzweig vom Baum und legt ihn auf die Theke. Neem ist das tamilische Allerheilsmittel. Es hilft gegen Infektionen, Entzündungen, Bakterien, Viren, wahrscheinlich auch gegen Depressionen, pakistanische Kriegsgebärden oder die Trauer, die aufkommt, wenn eine komplette Cricket-Saison abgesagt wird. An allen Türen und Toren kleben seit Wochen vermehrt die zu buscheligen Bündeln zusammengebundenen Zweige, um die Eintretenden aus zwei Metern Abstand zu desinfizieren.
Ramalingam erzählt. Noch vor einer halben Stunde habe die Polizei direkt vor der Farm gewartet und jedem, der sein Essen abgeholt hat, die Schlüssel weggenommen, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ab da an musste geschoben werden. Warum, frage ich erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Und sie ist eindeutig. Er springt auf, greift einen Stock und spielt einen Polizisten, der einen Motorradfahrer vom Bike kloppt. Er lacht. Wir lachen. What to do, sagt er, die Regierung sagt und die Polizei macht, oder die Regierung sagt das eine und die Polizei macht das andere, sie haben ihre lathis (Stöcke) und wir nicht. Tsi Tsu Zack, Zack Tschusch!
Er packt den Stock und schmeißt ihn über die Mauer zu den Papayabäumen. It will be allright, sagt er, und klopft sich die Erde von den Händen. Ich muss an Ashok denken, mit dem ich vor ein paar Tagen all die Horrormeldungen durchgegangen bin, die der hiesige Lockdown verursacht. Abermillionen Arbeitslose, die astronomischen Fälle häuslicher Gewalt, Perspektivlosigkeit, bis ins Mark traumatisierte Kinder, Depression, Angstzustände, zehntausende Selbstmorde, die nicht rückgängig machende Vernichtung von Millionen Existenzen, eine Flut an psychologischen Erkrankungen, Hunderttausende, die der Krebs holen wird, ein unermessliches Stresslevel, endloser Hunger und taube, schier unermessliche Armut.
Todeszahlen durch Covid19 in einem Land, in dem sich fast niemand an den Lockdown und die Hygiene-Vorschriften hält: Unter 2000.
People are dying, sagte ich. It is clear by now that the Lockdown will kill a hundred times more people than Covid19. Strangely enough, nobody seems to care.
They will find a way, war die Antwort Ashoks.
To die? Yes, they found many ways already.
No, we will find a way to deal with the situation. We just stay at home and eat what we have.
Man people dont even have rice any more. And no home to stay in. Ort hey are caged in with violent lunatics?
They will find a way. They will live outside. It´s so hot, outside now is better than inside. And someone will come and feed them.
The government?
No, other people. Or nobody, I dont know. You will see, they will all survive, and others will die. There is just no other way.
Ich lasse mich in meinen Stuhl zurücksinken. Ich weiß, was Ramalingam meint und was Ashok hat sagen wollen. Ich weiß, dass er Recht hat. Dies ist die Realität, ob wir es wollen oder nicht. Viele sterben. Sehr viele sterben. Viele ertragen unermessliches Leid. Viele, das sind vor allem die Armen und die Ärmsten der Armen, mehrere hundert Millionen Inder. Sie ertragen das Leid und diese harte Zeit, weil sie, was Leid und Unrecht angeht, die großen Übenden sind. Sie kämpfen ihr ganzes Leben lang um jeden einzelnen Tag, wie schon ihre Mütter, Großmütter und alle Mütter und Väter vor ihnen Tag um Tag ums Überleben kämpfen mussten. Das ist das Leben: Überleben. Nichts wurde ihnen jemals geschenkt. Sie haben sich zurechtgestutzt am Ertragen-Von. Diese Lehre hat sie so stark gemacht, wie, um ein Bild Nietzsches zu benutzen, ein Baum, dem die gefährlichen Winde und Stürme nur dazu dienten, seine Wurzeln kräftiger ins Erdreich zu schlagen.
Ashok hat Recht.
Große, starke und mächtige Bäume, und morgen beginnt das Leben von neuem. Inder finden immer einen Weg, gerade dann, wenn sich von alleine keiner mehr auftut.

 

Bevor ich aufbreche, gehe ich zur Straße und schaue, ob die Luft rein ist. Lotta ist launisch. Ich brauche zehn Versuche, um sie zu starten. „She is a real bitch“, waren die wahren Worte der Vorbesitzerin, „and it takes a bitch to drive her!“ Unbeschadet gelangen wir nach Hause. Die kleine Pfütze vor dem Kühlschrank verrät, dass es erneut keinen Strom gibt. Der Stromausfall wird den gesamten Tag andauern, genauso wie letzten Sonntag und alle weiteren Sonntage von nun an, bis Juli, bis der Sommermonsun kommt. Niemanden erstaunt es, dass gerade jetzt im Sommer, bei 38 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80%, den Menschen genau jener kostbare Strom abgesägt wird, der die lebenswichtigen Ventilatoren speist. Es ist einfach zu typisch für ein Land, das sich stets für das Folgenreiche und gegen die Folgerichtigkeit entscheidet.
Ich wische die Pfütze auf. Den wärmer werdenden Joghurt schabe ich mit einem Teelöffel aus der Packung. Draußen stelle ich den Verandastuhl in den glänzenden, perlreinen, frisch gewaschenen Garten. Covida geht auf die Jagd. Ängstlich vermeidet sie jede Pfütze, ja selbst das nasse Erdreich ist ihrer Reinlichkeit suspekt. Eine Killerin, die alles frisst, was sich bewegt, jedem lebendigen Ding dem Kopf abreißt, sich noch zuckende Geckoschwänze auf der Zunge zergehen lässt und doch peinlichst darauf achtet, bei ihren reptiloiden Säuberungen die samtenen Pfötchen nicht schmutzig werden zu lassen. Kurz, eine Katze.
Noch immer die grauen Wolken ohne ein Anzeichen von Blau. Ich telefoniere mit vier tamilischen Freunden, um zu erfahren, was los ist. Die harten Maßnahmen der Polizei, die alles absperrt, Motorradschlüssel konfisziert und wahllos verprügelt, gelten nur heute, sagt der erste. Das ganze dauert eine Woche, sagt der zweite. Der dritte: Es ist ein Drei-Tages-Shutdown, auch die Lebensmittelgeschäfte haben zu, alles, die Polizei schmeißt dein Fahrrad in den Wald oder den Fluss, wenn du draußen rumfährst. Der Lockdown wird auf den gesamten Mai ausgeweitet and we are all fucked. Stay at home!
Freund Nummer vier weiß nicht, wovon ich spreche, antwortet aber dennoch. Inder werden dem Fragenden lieber den Weg zur Hölle weisen oder ein nutzloses Märchen improvisieren, anstatt keine Antwort zu geben. Vom Kap Kanjakumari bis in den Himalaya gilt: Falsch ist nicht, auf eine Frage keine Antwort zu wissen, sondern nur, keine Antwort zu geben. Er sagt: Vier Tage!
Vier Tage was?
Naja, vier Tage, du weißt schon.
Nein, ich weiß nicht, deswegen ruf ich ja an.
Vier Tage … ja … der Prime Minister war im Fernsehen, er hat alles gesagt, aber die einzelnen Staaten können auch entscheiden, ähhh, wann die Shops wieder aufmachen … glaube ich. Meine Tante in Coimbatore hat auch erzählt, äh, naja, dass dort die Straßen zu sind, man munkelt, ob bald die Liquor Store wieder öffnen dürfen, das hat der Chief Minister von Pondy gesagt, gestern. Äh nein, sorry: heute!

Immerhin ahne ich, wo er die Information mit den vier Tagen her hat. Seit heute sind fünf große tamilische Städte in den totalen Lockdown geschickt worden. Der schlechten Laune halber hat man sich gedacht, die Schrauben, die keine Wirkung zeigen, noch ein wenig enger zu ziehen. Die horrende Sinnlosigkeit dieses vier Tage langem Extrem-Lockdowns ist mit keiner Sprache angemessen zu beschreiben. Am Beispiel von dem, was gerade in Chennai geschieht, lässt sich somit wunderbar illustrieren, wie Politiker Indiens und Tamil Nadus mit ihrer Verantwortung umgehen.
Alle acht Millionen Einwohner der Megacity hatten genau fünf Stunden Zeit, sich …



Fortsetzung folgt.

Corona Chronicles 4

Es ist genau eine Woche her, da rief Ministerpräsident Modi in gewohnt ernsten und zugleich hochsentimentalen Tönen sein milliardenstarkes Volk dazu auf, flammenumwoben im Dunkeln zu hocken. Um genau neun Uhr Abends sollte jeder Inder für neun Minuten den Lichtschalter umlegen und eine Kerze anzünden – oder, in Ermangelung einer Kerze, hochachtungsvoll mit der Taschenlampenfunktion des Handys herumwedeln. Ein Zeichen der Solidarität und des Gemeinsinns, staatsmännisch abgekupfert von fernen Ländern, wo man sich ob der Undurchführbarkeit real performbarer Solidarität für die tägliche Klatschparade, den Körper bereits schwerelos gemacht mit Gin und Chardonney, auf Balkonien einzufinden pflegt.
Böse Zungen werfen dem Ministerpräsidenten nun abermals vor, blinden Auges jene Maßnahmen zu kopieren, die der verherrlichte Westen umsetzt, und somit keinerlei Augenmaß dafür zu besitzen, wie viele Dimensionen die europäischen/chinesischen von den indischen Wirklichkeiten trennen. Andere oder dieselben bösen Zungen prangern die sprachlos machende Planlosigkeit an, mit welcher die hiesigen Lockdown-Lösungen erzwungen und somit die offensichtlichen Missstände fabriziert wurden, Probleme, die derart abzusehen waren wie der bestialisch ins Land einfallende Sommer. Hunderttausende an stillgelegten Bahnhöfen zusammengepferchte Tagelöhner, die aus den Städten in alle Winkel des Landes des Landes strömen, wären nicht einfach, aber in jedem Falle besser zu verhindern gewesen wären, wenn man schlichtweg die Existenz dieser Menschen überhaupt wahrgenommen und somit für die entsprechende Infrastruktur gesorgt hätte, sie nach Hause in ihre Dörfer zu holen. So führte die Ausgangssperre vor allem dazu, dass sich Millionen von Indern, buchstäblich aufeinandergestapelt und ungetested, auf monströse Wanderungen durchs ganze Land begaben. 1,3 Milliarden Menschen hatten genau vier Stunden Zeit, sich auf ihr neues Leben vorzubereiten, von dem niemand wusste, wie lange es andauern wird. Selbst an den Umstand, dass ein Zuhausebleiben zuallererst ein Zuhause benötigt, hat keiner der Verantwortlichen so recht denken wollen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Inder keine einzige Rupie auf der hohen Kante hat, um den Verlust ihrer Arbeit mal so eben ein paar Wochen absitzen zu können – wer schon kaum überlebt, wenn er einer Arbeit nachgeht und alles gut läuft, was wird dann mit diesem Menschen passieren, wenn es kein staatliches Sicherheitsnetz gibt, welches auch nur die ärgsten aller Nöte aufzufangen weiß?

Das, was nun letzten Sonntag unter holdem Kerzenschein geschah, befruchtete gute und böse Zungen gleichermaßen. Die Verehrer des Predigers Modi, der in ihren Augen gekommen ist, ein zielloses Arme-Leute-Land in ein revitalisiertes, mystisch-stolzes Hindustan zu verwandeln, priesen seine Erkenntnisse der vedischen Astrologie und rechneten auf, warum genau an diesem Datum um diese Uhrzeit für genau diese Länge unter dem Einfluss von Planet XY usw. usf. Es gab zudem Stimmen, die behaupteten, dass der von vielen als Demigod wahrgenommene Modi einen genialen Plan im Schilde führte, der zu groß war, um ihn dem gemeinen Volk zu offenbaren. Das Geheimnis: Durch das Ansteigen der Temperatur, die das gleichzeitige Anzünden von Millionen Kerzen verursacht, wäre dem hitzeanfälligen Virus ratzfatz der Garaus gemacht.
Indien wäre nicht Indien, hätten sich nicht sofort nach der Bekanntgabe des Kerzensolidaritätspaktes die Verantwortlichen der Stromwerke warnend zu Wort gemeldet: Das gleichzeitig Aus- und vor all wieder Anschalten des Stromes könnte zum Zusammenbruch des Netzwerks führen! Ironische Zungen behaupten, es könnte sich nun kein passenderes Schauspiel für das moderne Indien entwickeln als dieses viertel-hypothetische Szenario:
Man befehligt einen Lockdown, ohne über die Konsequenzen beratschlagt zu haben. Das halbe Land versinkt in Chaos. Um die Verzweifelten bei Laune zu halten, gibt es Durchhalteparolen und den Verweis auf die Gerechtigkeit Gottes. Weil man hilflos ist, schwört man sich auf das Nationalgefühl ein, indem sich um Kerzenschein versammelt wird. Durch die enorme Schwankung in Netz bricht die Stromversorgung zusammen. Da es keinen Strom gibt, braucht man Kerzen. Kerzen gibt es keine zu kaufen. Die Betreiber des Stromnetzes werden gelyncht. Modi weist die Inder an, das Mahabharata-Epos nachzuspielen, um den indischen Geist zu stärken. Er befiehlt auch die Anhänger anderer Religionen, sich dem Hindu-Spektakel anzuschließen. Während man die Schlacht von Kurukshetra nachspielt, sterben landesweit rund 63.000 Menschen an den Verletzungen durch Schwert- und Dolchwunden. Doch der Strom kommt zurück! Jubelnde Massen auf den Straßen trotz Ausgangssperre, woraufhin die Ausgangssperre verlängert wird usw. usf.

Nun denn. Pflichtbewusst stieg ich am Sonntag aufs Dach und zündete mir um neun Uhr eine Zigarette an, obwohl ich nicht rauche. Einige der Häuser waren dunkel, andere glühbirnenerleuchtet. Die Nachbarskinder rannten mit den Handys durch den Garten und jagten sich mit dem Lichtstrahl. Über Pondicherry sah man Feuerwerk aufsteigen, überall wurden Böller gezündet. Rumms. Rumms. Bumm! Die Nacht bebte und ich stieg bald wieder nach unten, um zu dieser glorreichen Stunde die Nachrichten zu verfolgen. Und tatsächlich, kaum hätte es ein größeres Geschenk geben können! Ich sah den Moderator von India Today, der in Delhi oder Mumbai auf den hellen Nachthimmel zeigt und ungläubig vor sich hin stammelte: „I don´t understand. People are suppose to light candles, not burst crackers. This is not Diwali. Do so many people have firework at home? They cant buy them now, how many crackers have they stored!? I really dont understand, this is not what Modi had in mind …“
Ich spürte eine immense Freude in mir aufsteigen. Dies sind die Momente, in denen man so vollkommen mit Indien versöhnt ist, als gäbe es überhaupt keine Entsöhnung. Trotz aller Katastrophen und trotz allem Horror, der hier so real ist wie die göttliche Liebe und die Zuversicht: Dies ist nicht Deutschland, nicht die USA oder China, dies ist das einzigartige, in seinen eigenen Ideen- und Wirkungskosmos versunkene Indien, beherrschbar nur durch die Sonnengleiche der Götter, ein Indien mit einem Herz so weit wie Kontinente, ein Supra-Herz, welches sich immer nur dem eigenen Supra-Herzen zu unterwerfen weiß, ob dunkel, ob lichtern, egal. Man tut, was man will und was man in jedem neuen Moment für richtig oder falsch hält, und das war´s. Ende der Story. Die Fernsehbilder sind geradezu himmlisch; ich sitze alleine im Haus und kann nicht anders, als schallend zu lachen und dieses Land zu lieben für immer und ewig. Ich bekomme nicht genug, und die Nachrichten servieren munter nach. Videos von Massenprozessionen, die Schulter an Schulter mit ihren Kerzen durch die Straßen laufen, das Anti-Social-Distancing hunderter Trommler und Tanzender, die sich, ihre Handylichter schwingend, in den Armen liegen und lachen und feixen. Irgendwo haben Jugendliche eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes angezündet und jubeln in die Kamera der schockierten Kameramänner, sie haben es geschafft, es gibt sie nun wirklich, die größte Kerze der Welt.
Ooh Modi, was für ein unerschöpfliches Land liegt in deinen Händen. Kein Mensch kann hier auftauchen, um Indien zu verhindern. Jai Hind! Es ist nicht nur das schlimmste und das beste, sondern auch das unabhängigste Land der Erde.

Am nächsten Tag stehe ich wie immer bei Ramalingam und seiner Farm-Kitchen auf der Matte. Als Stammkunde genieße ich herrschaftliche Privilegien, die mich in der wohltemperierten Restaurant-Hierarchie in der Mitte positionieren:
– Polizisten
– Ashok und Dennis
– Sonstige
Müssen die übrigen Kunden ihre Mahlzeit einpacken und mitnehmen, darf ich den curryfarbenen Reisberg vor Ort verspeisen. Die urindische Ausnahme von der Regel. Weiß Modi, dass jeder Inder lediglich in einem unverrückbaren Multiversum von Sekunde zu Sekunde neu verhandelbaren Ausnahmebedingungen und personalisierten Sondergenehmigungen beheimatet ist, dem kein Politiker zu Leibe rücken kann, weil alle Gegenwart so formlos ist wie der Wind? Weiß Modi, dass man nur sich selbst und jener Gottheit etwas schuldig ist, die sich uns bereits unzählige Male bekannt gemacht hat hinter dem ewigen Kreislauf von Leben und Tod? Weiß er, dass er sterben, die Welt aber ohne ihn weitergehen wird?
Ich war mit Peter verabredet. Die Autokorrektur seines Handys hatte aus seinem „Bei Ramalingam?“ ein „bei Ramabimbam?“ gezaubert, und ich bin froh, Rama seinen neuen Namen verraten zu können – er mag ihn nicht. Wirsch winkt er ab. Bimbam hört sich nach Bimbam an, Lingam aber ist der Lendenschatz des Mahadevas, das erste OHM der Schöpfungsfrühe und jene Idee, die Mutter Erde auszugestalten pflegt. Das ist besser als Bimbam. Ich bin einverstanden und wir essen. Peter gehört mit 74 Jahren und ernsthaften Herzproblemen zur coronalen Risikogruppe, aber ein Zuhausebleiben ist ihm unmöglich. Wir halten Abstand und reden und reden, froh, kein einziges Mal das Wort Corona zu erwähnen.

Auf dem Nachhauseweg gerate ich in eine Polizeikontrolle. Der Sommer bringt nicht nur die Jackfruits zum Platzen und schält die Mangos saftig aus ihren Kernen hervor, nein, er kleidet zudem die tamilische Erde mit riesigen gelben Flecken, grelle Blütenmeere, die von den Servicetrees regnen. Inmitten dieses grandiosen Gelbs stehen die beiden Beamten, begleitet von zwei Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums, die gebügelte blaue Hemden und bunte Ausweise um den Hals tragen.
Ich bin ehrlich und sage, ich habe meinen Mundschutz vergessen. Ich habe zwar keine Maske, aber es stimmt, wenn ich eine besäße, hätte ich sie bestimmt vergessen. Die Polizisten sind gnädig, winken ab und watscheln in den Schatten. Doch der Healthworker plärrt mich an, trotz dem er mir glaubt und mich schon fast hat weiterfahren lassen. Kaum ist alles okay und erledigt und jedes Versprechen doppelt versprochen, da erinnert er sich seiner Aufgabe und fährt fort mit seiner Motzerei, darauf ist er getrimmt, aufs Motzen und Rumschimpfen und Plärren, wenn er nicht schimpft und plärrt, arbeitet und existiert er nicht. So tief sitzt er in seinem Hamsterrad, dass nach ein paar Sekunden des Durchatmens seine Litanei wie von Geisterhand betrieben wieder anspringt. Ra-ta-ta-tat. Dieses Laufenlassen ist sein Gebet, sein Goldklumpen, der ihm die Kehle massiert, sein Rettungsring in einer Welt, in der niemand weiß, ob es noch einer Rettung bedarf. Ich höre zu, wackele mit dem Kopf, amma, yes, amma, sari, okay Sir, jaja. Versprochen, morgen!
Dann darf ich abzischen.

Zuhause erwartet mich Covida. Kaum auszudenken, was ich ohne sie machen würde! Wenn es in den letzten drei Wochen ein Geschenk gab, dann diese Katze. Genau einen Tag vor dem Lockdown tauchte sie Plötzlich auf und shcnurrte um meine Beine. Sie blieb und ich war froh, dass sie da war, verwöhnte sie mit Katzenfutter und Joghurt und Thunfisch. Covida und ich bewohnen nun gemeinsam das Haus. Wenn ich arbeite, legt sie sich auf die Tischplatte, magisch angezogen von der Tastatur meines Laptops, von der ich sie alle zehn Minuten herunterschieben muss. Abends schauen wir zusammen Tiger King. Als die Serie endet, beginnen wir von vorne.
Vollkommen alleine wäre es schwierig gewesen. Mit Covida aber habe ich nun eine Gefährtin, mit der ich reden und der ich auf die Nerven gehen kann, eine Vertraute, die schnurrend auf mich wartet, wenn ich von Ramabimbam zurückkomme und ihr das wabbelige Whiskas in die Schale drücke.
Ich erzähle ihr, dass essentielle Lebensmittel bereits zu „Luxusgütern“ werden, wie es die Economic Times ausdrückt, und erzählte weiter von meiner erfolglosen Jagd nach großen Glasbehältern und Hefe, Utensilien und Zutaten, die ich brauche, um aus den reifen Cashewfrüchten jenen Schnaps zu brauen, der hier feni genannt wird. Covida nickt und schleicht auf die Tastatur. Während ich sie wegschiebe, erzähle ich ihr, dass in der nationalen Hotline für Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt in den letzten zwei Wochen 100.000 Anrufe eingegangen sind, und dass die Dunkelziffer wohl unermesslich ist, weil kaum jemand anruft bei so einer Hotline. Ich erzähle ihr von dem Klempner, der gestern verzweifelt vor der Haustür stand und Arbeit suchte und dem ich nicht helfen konnte; er war wohl der erste von vielen Verzweifelten, die sich bald auf den Weg machen von Haustür zu Haustür. Sie ist traurig. Dann aber zeige ich ihr ein Foto und erzähle dessen Geschichte. Vor einem Lebensmittelgeschäft hat man im Abstand von zwei Metern Kreise gezogen. Hier sollen die einzelnen Kunden abstandsgerecht warten. Das Foto jedoch zeigt nur Einkaufstaschen, die in den Kreisen platzhalterisch abgestellt worden. Die rund zwei Dutzend Eigentümer sitzen derweil dichtgedrängt am Bürgersteig, um sich vernünftig unterhalten zu können. Sie lacht. Ich erzähle ihr, dass es keine abgehärteten und leidgeplagteren Menschen als die Inder gibt, und dass auch dieses Desaster irgendwie gut ausgehen wird. Gleichzeitig versichere ich Covida, dass der Mob die Dörfer und Städte auseinanderreißen wird, sollte das Essen irgendwann aus den Regalen verschwunden sein. Die Angst vor dem Virus ist nur groß, wenn der Hunger gestillt ist. Wer am Verhungern ist und verzweifelt, schert sich nicht mehr drum, ob er sich womöglich mit einem beschissenen Virus anstecken wird. Covida nickt. Solange sie Whiskas und Joghurt und Milch bekommt, ist ihr ebenfalls alles egal. Ich denke an all das Futter für sie und die Hunde, dass ich gebunkert habe. Wer meinen Vorratsschrank aufmacht, wird staunen: Eine Packung Reis, eine Packung dhaal, fünf große Tüten Pedigree, 3 mal Drools und solange Whiskas, bis Joe Exotic aus dem Gefängnis entlassen wird.
Ich bekomme Hunger. Im Garten höre ich die reifen Cashews von den Ästen fallen. Plopp, Rumms. Es ist Zeit, die Ernte einzufahren.

Corona Chronicles 3 (Teil 2/2)

Mohammed hatte nicht gelogen. Die kleine Straßensperre, welche die Schwererziehbaren davon abhalten soll, die größere Polizeikontrolle auf dem Highway zu umgehen, ist direkt vor seinem Haus über die Straße gespannt worden. In das mehrfach um zwei Palmen gewickelte Seil, die freie Passage verhindernd, haben die Verantwortlichen dann noch ein paar Äste und anderweitig Vertrocknetes geworfen, Zeugs, was man eben so am Straßenrand findet. Ein passendes Symbol für die Organisation, mit der man den Lockdown von 1,3 Milliarden Menschen offenkundig nicht organisiert. „Corona Welcome“ steht auf einem Tor nebenan. Wenn es einen Chronisten der Absurdität gäbe, Material fände er reichlich im großen Mudaliyarchavadi.

Ich lebe bereits zu lange in Indien: Mein erster Reflex ist, den Wegversperrer einfach runter zu reißen, so, wie in Indien jegliche unbewachte Absperrung sofort aus dem Weg geräumt wird, wenn und weil sie im Weg steht. Doch Corona-Zeiten sensibilisieren. Ich parke Lotta und klettere über das Seil. Mohammed und die Kinder sitzen im Garten, neben ihnen ein riesiger Haufen Kokosnüsse: Die Ernte, die jetzt niemand mehr abholen kommt.

Mohammed sagt: „Kinder schaut, der Corona-Teufel höchstpersönlich“. Zu einem großen Haufen zusammenumarmt stehen wir da und kichern wortlos über all das, was uns so bewegt, über das Vorhandensein von Viren, die wir nicht sehen, Verordnungen, an die wir nicht glauben, über Sonne Mond und Sterne, die nicht wissen, dass es uns gibt. Ich merke, wie lange ich niemanden mehr umarmt habe. Die Kinder sind fett geworden. Ich sage: Wie kann es sein, dass ihr immer fetter werdet, und sie schlagen sich fröhlich auf die dicken Bäuche und holen mir Kekse und rasgulla. Ihr Vater verschwindet, um Chai zu kochen. Die süß-milchige Pampe lässt vergessen, dass ich nicht weiß, ob vielleicht nicht doch der Mond über uns nachdenkt.
„Its a real shitshow“, sagt Mohammed und zückt sein Handy. Zum Vorschein kommt Pondicherrys Chief Minister Narayanasamy, der in einer Videobotschaft verkündet, alle Wege der Ausländer raus aus Auroville seien gesperrt, und er habe Teams hineingeschickt, um jeden vellakara, jeden Weißling testen zu lassen. Dann verkündet er noch, der Patient, der in Pondy angeblich an Corona gestorben ist, sei gar nicht an Corona gestorben, sondern genesen und aus schierem Unglück zwei Tage darauf an einem Herzinfarkt gestorben.
Mohammed drückt das Video weg.
„It is such a beautiful day. Lets go to the beach!“

Der zugemüllte Pfad zum Strand: Unten liegen das Plastik und die Bierflaschen, auf Augenhöhe hängen die rosa Blüten der Bougainvilleas, oben eine weite Kuppel schweigenden Blaus. Drei Tage ohne das Meer reichen aus, um bei seinem Anblick wieder in unermessliches Staunen zu verfallen. Nur eine infinitesimale Linie trennt das Wasser von Himmel. Wenn man sie lange genug im Auge behält, geht sie verloren. Ich erinnere mich, dass Horizont vom griechischen hóroz abstammt. Die Grenze. Dabei ist er genau dieser nie zu fassende Ort, in dem sich alles auflöst.
Trotz Ausgangssperre ist der Strand voller Menschengruppen. Ferienstimmung, verkündet Mohammed. Von Lockdown oder social distancing nicht die geringste Spur, die jungen Männer werfen sich durchs Wasser, als gelte es jetzt mehr denn je, das Leben zu feiern. Zwei Stunden verbringen wir im Wasser. Das Meer ist unser Spielzeug, unsere Mutter, unser Gebet: Meine Sorgen, mit Lotta nicht wieder nach Hause gelangen zu können, erreichen mich hier nicht. Erschöpft und glückselig torkeln wir schließlich zurück, diesmal jedoch durch eine gänzlich veränderte Stimmung. Der späte Nachmittag hat die Menschen aus ihren Häusern und Hütten hervorgeholt, das halbe Dorf ist auf der Straße, die Bewohner sitzen zusammen und blicken uns wortlos hinterher. Und doch ist etwas anders. Kurz bevor wir Mohammeds schützenden Garten erreichen, fällt es mir auf. Keine Musik. Kein Lachen. Kein Hundegebell und keine herumtobenden Kinder. Stille inmitten eines unablässigen Dorfes, Stille in den Augen all dieser Gesichter.
Sollten wir denn eigentlich nur für das Nötigste das Haus verlassen, nur für Lebensmittel und den Apothekengang? Es sind Worte, die aus meinem Mund kommen, und Mohammed schmunzelt sein allerbestes Schmunzelgrinsen. Er weiß, dass es eine rein rhetorische Frage ist und nichts und niemand auf dieser Welt eine Antwort geben muss. Trotzdem legt er mir lachend die Hand auf die Schulter und sagt: My brother. We are not Germany or France. We simply do it the Indian way.

Bevor wir durch sein Tor treten, ruft uns seine Nachbarin, eine alte, in sich verschrumpelte Frau, zurück. Woher kommt der? Die Frage gilt mir. Ihr Schrumpelzeigefinger versucht, aus sicherer Entfernung meinen Kopf zu finden. Er ist schon seit vier Monaten im Land, antwortet Mohammed auf tamilisch: noch vor Corona. Wir warten, ob noch was kommt. Die Alte aber ist verstummt. Schweigend schluckt sie seine Antwort herunter und starrt uns an, bis wir im Garten verschwunden sind.
Nach einer erneuten Runde Chai und der obligatorischen Videospielstunde mit den Kindern, die von dem ganzen Corona-Gequatsche zumindest äußerlich unberührt bleiben, mache ich mich auf den Rückweg. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass man die Seil-und-Müll-Straßensperre ans andere Ende der Straße versetzt hat, hinter Lotta. Den Weg, den ich gekommen bin, hat man mir somit abgeschnitten. Als ich alleine durch die schmalen Gassen des Dorfes fahre, fällt mir der Schutz auf, den ich in Begleitung von Mohammed noch hatte. In meiner persönlichen Geschichte mit Indien muss ich lange zurückgraben, um mich an solch feindselige Blicke zu erinnern. Und dass nun ausgerechnet hier, in meinem Zuhause, in meinem Indien, meinem Tamil Nadu, in meinem Periyarmudaliyarchavadi, wo ich so viele Freunde und Bekannte habe, wo mir sonst nur lachende Gesichter entgegenfliegen! Kaum kann ich es begreifen. Die Menschen halten sich Mund und Nase zu, wenn sie mich sehen, ziehen sich das Shirt vors Gesicht und schreien mich an, ich solle verschwinden. Die erste Kreuzung, von der aus ich den Highway erreichen könnte, ist gesperrt, ebenso die Parallelstraße, wo man bei meinem Anblick in die Häuser flüchtet. Erst die letzte Straße, die aus dem Dorf führt, ist frei. Ich stehe auf dem erst kürzlich frisch geteertem Highway und niemand ist da. Was für ein bizarres Nichts und was für eine gewaltige Entfernung zur bekannten Welt, von der ich nicht weiß, ob sie auf einer dieser neuen Bühnen, die sich die Welt gerade zimmert, jemals wieder erscheinen wird.
Da mich im Norden eine Polizeiblockade erwarten wird, klappere ich die mir bekannten Schleichwege ab, die hinauf nach Kuilapalayam und Auroville führen. Nach den ersten Kurven ist überall Schluss. Die Dorfbewohner oder die Behörden haben mit Baumstämmen oder Betonklötzen die Straßen verbarrikadiert. Ich könnte es über Pondicherry versuchen, ahne aber, dass mich dort ebenfalls die Polizei erwartet. Also biege ich erneut auf den gespenstisch leeren Highway. Richtung Norden also! Mir bleibt keine Wahl. Um die Mango-Hill-Road zu erreichen, muss ich an der Straßensperre vorbeikommen.

Vor drei Jahren bin ich mit einem befreundeten Italiener die Küste runter nach Rameshwaram gefahren. Kurz vor der heiligen kleinen Stadt ignorierte ich, der ich in dem Augenblick gerade vorausfuhr, eine mich heran winkende, jedoch harmlose Polizeisperre – und ging davon aus, dass mein Kumpel es mir gleich tat. Mit Entsetzen sah ich im Rückspiegel, wie er tatsächlich anhielt. Ich wartete in sicherer Entfernung. Als er schließlich frei gelassen wurde und neben mir stand, keifte ich ihn an, was ihm denn einfiele, an einem Polizeicheck stehen zu bleiben! Vielleicht bin ich bereits zu lange in Indien. Aber wie jeder normale Bürger dieses Landes habe ich gelernt, den Kontakt zu der Polizei auf das unumgänglichste Minimum zu beschränken. Was sonstwo als Gesetzesbruch interpretiert werden könnte, ist in Indien, wo man sich vor der Polizei mehr fürchten muss als vor Verbrechern, reiner Überlebensinstinkt. Niemals würden jene „Gesetzeshüter“, die an die Straßenposten kommandiert werden, auch nur den kleinen Finger rühren, wenn man freundlich grüßend an ihnen vorbei  rauscht. Es ist ihnen vollkommen egal. Und jene, denen es nicht egal ist, fallen gewiss nicht unter die Philanthropen, was nur ein Grund mehr ist, sich erst recht aus dem Staub zu machen. Unter dem Ausnahmezustand und den beispiellosen Umständen, die wir gerade erleben, bin ich mir jedoch sicher, dass auch diese eingefleischte Ordnung gerade ihr Ende erlebt. Ich spüre eine große Welle Angst in mir aufsteigen und weiß nicht wohin damit.
Ich hätte mir irgendetwas Sinnvolles zurechtlegen sollen. Aber als ich an acht empörten und lathischwingenden Beamten vorbei rase, schreie ich nur: „I am going!“. Dazu lächele ich und werfe den linken Arm kreisend zum Himmel, um mit dieser dämlichen Geste anzudeuten, dass ich nicht lüge und in der Tat irgendwo hinfahre. Mein Herz rast. Ich schalte in den vierten Gang und treibe Lotta an ihr Maximum. Als mich am Fuße der Mango-Hill-Road kein Roadblock erwartet, weiß ich, das Schlimmste geschafft zu haben. Bei der ersten Gelegenheit biege ich von der Straße in einen der unzähligen Waldwege, um auf einer umständlichen aber sicheren Route nach Hause zu gelangen. Trost gibt es hier keinen. Trotz Covida, die ihre Abendportion Hundefutter erwartet, trotz des vermeintlichen Friedens und der Stille oben auf meinem Dach, auf dem ich warte, bis sich die Sonne in den zartesten aller Farben von ihrem Planeten verabschiedet. Fort und verschwunden hinter dem Horizont, dieser harten und unverrückbaren Grenze.

Ich schlafe beschissen. Meine Rituale, mit denen ich stets den Tag beginne, helfen kaum, mich wieder in gewohnte Bahnen zu lenken. Ich setze mich in den Garten. Was für ein prächtiger Morgen, zöge man den Spuk hinter meiner Stirn von der leichtfüßigen Sonne und dem frischen Grün ab, das mein winziger Neembaum sorglos aus seinen Ästen treibt! Covida schnurrt mir um die Füße, Covida bekommt ihre Milch, Covida legt sich hin, um den Tag zu verdösen. Vielleicht sollte ich von ihr lernen, mich ausstrecken, hinlegen, dahinschnurren, den Kopf auf die Hände betten und warten, immer, immer nur warten, bis sich die Dinge verändert haben oder alles so bleibt. Ob ich mir ein anderes Motorrad besorgen sollte, damit man nicht erkennt? Haben sie sich mein Gesicht gemerkt? Mein Nummernschild? Sollte ich nur noch mit Turban auf Lotta unterwegs sein und mit Maske? Ich sollte das alles vergessen, Katze werden und liegen. Vielleicht würde man öfter vor sich hin dösen, wenn es dafür ein besseres Wort als dösen gäbe. Dösen hört sich ein wie das Öffnen von Dosen. Covida reckt sich, rollt sich auf den Rücken und streckt die Beine von sich. Ich aber sehe mich nach Lottas Schlüssel greifen …
Auch wenn ich mir gestern Abend noch geschworen hatte, die nächsten Tage Haus und Garten nicht zu verlassen, fahre ich zu Ramalingam, um in meinem Stammlokal zu frühstücken. Trost. Alles, was ich will, ist Trost. Sein Farm-Restaurant, nur eine Minute entfernt, ist einer der wenigen Speisestuben, die noch für ihre Gäste kochen. Die Verordnungen sagen, dass man sich das Essen nur in Behältern abholen darf, aber wir wären nicht in Indien, wenn Ramalingam nicht auch die weitaus bessere Möglichkeit anböte, als ehrenwerter Stammkunde bei ihm sitzen zu bleiben – mit dem nötigen social distancing versteht sich!
Wir trinken unseren Chai und quatschen. Ich erzähle ihm von meiner gestrigen Tour. Er winkt ab. Alles halb so wild, das Entscheidende sei, pranayama zu üben. Es ist seine Antwort auf alles schon immer. Er lehnt sich in seinem Boss-Stuhl zurecht, räuspert sich und fährt fort. „Wir müssen unseren Atem kontrollieren. All diese dumme Panik wegen diesem Virus, der keine Chance hätte, wenn wir auf unsere Gesundheit achten würden. Und unseren Atem. Ein halbe Stunde am Tag reicht. Es ist ein Lungenkrankheit, oder? pranayama gibt es schon so lange, aber selbst wir Inder praktizieren es nicht, lieber sind sie jetzt alle in Panik. Dummköpfe! Reinigung des Rachens, der Atemwege, dann atmen, atmen, und Bewusstsein, gut essen, kein Gift. Mehr braucht man nicht tun.“
Mittlerweile ist auch Ashok eingetroffen und bekommt seine Idlis.
Gerne würde ich ihnen das mit dem Dösen erzählen.
„Übst du pranayama“, wendet sich Ramalingam an Ashok, „praktizierst du als Inder indisches Wissen?“
Ashok schüttelt lachend den Kopf.
„Ich atme so oder so“, sagt er, „what more shall I do!“
„Dummkopf“, sagt Ramalingam und lehnt sich nach vorne, um auf den Tisch zu pochen. „Aber meine Idlis sind die besten, sie werden dir schon das Leben retten.“
Er bestellt noch eine Runde Chai für uns alle. Was folgt, sind die üblichen Konversationen über die Corona-Maßnahmen. Nationenübergreifend sind wir uns selbstverständlich einig, dass die Politiker korrupte Idioten sind. Seit zwei Tagen gibt es eine neue Verordnung, die besagt, dass alle essentiellen Geschäfte, die noch öffnen dürfen – Supermärkte, Tankstellen, Apotheken – nur noch drei Mal am Tag für jeweils eine Stunde öffnen dürfen. Ich konnte es nicht glauben, als ich gestern davon las. Nur in Indien wird es passieren, dass man Menschenansammlungen verhindern will, indem man alle gleichzeitig an einen Ort schickt!

Ramalingam verabschiedet sich aus unserer Unterhaltung, indem er an seinen Chef-Tisch zurückwackelt, die Augen schließt und zu summen beginnt. Mantras purzeln von seinen Lippen. Er atmet. Er stockt die Lungen auf und merkt nicht, wie ein hochgewachsener Polizist das Restaurant betritt.
Ich erkenne ihn sofort. Vor ein paar Tagen war er schon einmal hier. Als er den durch die Nasenflügel pumpenden Ramalingam sieht, verzichtet er darauf, ihn zu begrüßen, und setzt sich an unseren Tisch. Ein hochgewachsener, schöner Mann mit wachen Augen, keiner von diesen wampigen Pöbelpolizisten, die sich den ganzen Tag nur mit Chicken vollstopfen. Ashok tunkt seinen letzten Idli ins Chutney und tut, als sei er nicht da. Instinkte. Der Polizist bestellt. Ich bewundere seine Haare, die leicht wie Wolken auf seinem Kopf herumfedern, sobald er sich bewegt. Langsam klopft er den Staub aus seiner Uniform, die nicht dreckig zu sein scheint, und schiebt seine Mütze auf dem Tisch hin und her.
Wo ich herkomme, fragt er.
Nur einmal schnell schaut er mir direkt in die Augen, dann entweicht sein Blick.
Deutschland. Aber die meiste Zeit lebe ich hier.
In Auroville?
Sozusagen.
Kickboxer?
Er zeigt auf mein T-Shirt. Das rote Leibchen, dass ich von der tamilischen Kickboxing Association bekommen habe und deren Logo trägt, hat also seinen Zweck bereits erfüllt. Ich habe mir vorgenommen, alles auf den tamilischen Volksstolz setzend, nur noch dieses Oberteil zu tragen, immerhin steht auf dem Rücken in leuchtenden Buchstaben TAMIL NADU, INDIA. Wenn das keinen Polizisten, der mir eventuell an den Kragen will, weich und brüderlich stimmt, dann weiß ich auch nicht.
Ich bejahe. Eine glatte Lüge, aber es gilt, die Deckung oben zu halten.
Warum bist du hier, fragt er.
Hier in Auroville?
Hier in Indien. Warum nicht in Deutschland, jetzt, wo es überall Corona gibt?
Das hier ist mein zweites Zuhause. Es fällt mir schwer, in solchen Zeiten einfach zu gehen.
Wärst du in Deutschland nicht besser aufgehoben?
Wer weiß …
Jetzt, bei dieser Hitze?
Stimmt, es ist heiß geworden, aber zumindest scheint die Sonne, in Deutschland hat es gestern geschneit. Haben Sie schon mal Schnee gesehen?
Noch nie. Wie ist das?
Nicht so warm wie Sonnenschein.
Er lacht. Er bekommt seine beiden Dosas, isst wortlos, wäscht sich die Hände und setzt sich wieder hin. Ramalingam ist noch immer versunken und brabbelt und atmet. Ashok bewegt sich so wenig wie möglich, als könne er sich durch dieses Manöver tatsächlich unsichtbar machen. Womöglich hat er sogar das Atmen eingestellt. Wenn ich das Ramalingam erzähle …
Der Polizist sagt: Die meisten Menschen wären beruhigt, wenn sie sicher und bei ihrer Familie wären.
Dann steht er auf und reicht mir die Hand. Sein sanftes Gesicht. Und in den Augen eine Anteilnahme und Herzlichkeit, dass ich aus Verlegenheit beinahe laut losgelacht hätte: Schlagartig wird mir klar, dass seine Fragen nicht dazu dienten, mir den Aufenthalt in seinem Land zum Vorwurf zu machen. Er ist lediglich auf seine Art neugierig und weiß nicht, wie genau er die äußerliche Distanz zwischen den Hautfarben, Sprachen und Kulturen überbrücken soll. Das ist alles. Du bist mein Bruder! Das ist alles, was er hat sagen wollen.
Als ich seine Hand greifen will, zieht er sie weg.
Sorry, grinst er, not allowed to touch hand, keep distance to fight Corona-Virus.
Auf Ramalingam zeigend sagt er: Meditation. He is a good man, a wise man.
Als er, ohne zu bezahlen, verschwunden ist, erinnere ich mich an eine ewige und unkaputtbare indische Wahrheit, die ich kurzzeitig vergessen hatte. Alles gerät stets vom Dunklen ins Licht und vom Licht in die Dunkelheit. Und wir sind ausschließlich da, um dies zu bemerken oder nicht. Sonnen-Buddha, Mond-Buddha. The Indian way.