Agni

Lula weiß es schon. Sie hebt den Kopf und springt die Treppen hinunter in den Sand. Mit großen Augen blickt sie Richtung Meer, welches kaum zu hören ist. Nur zweihundert Meter entfernt rauscht es sanft an sein ewiges Ufer, es sind Millionen Tonnen stetig wanderndes Wasser, die dort unaufhaltsam kommen und gehen, aber heute ist es die Urgewalt eines südindischen Sommers, die auch das Meer erfasst und zum Schweigen gebracht hat.
Schläfrig liegt es in seinem endlosen Becken und wartet.
Ich habe kein Wort gesagt, und wenn, dann hätte Lula es nicht verstanden. Trotzdem spitzen sich ihre Hundeohren in freudiger Erwartung. Natürlich weiß sie, was jetzt passiert, natürlich hat auch sie ein untrügerisches Gefühl für Gezeiten, für den Rhythmus von Tag und Nacht, für die Zyklen der wiederkehrenden Monate. Und natürlich weiß sie um den Vollmond, der zwischen den Palmen aufblitzt und uns den Weg weist, natürlich kennt sie unser Ritual, das sich ein Mal im Monat abspielt wie ein Uhrwerk.
Sie springt los.
Ich werfe mir meinen Sack über die Schulter und folge ihr.
Wir begleiten die lange Wand der Bougainvilleas Richtung Dorf, bis wir das kleine verrostete Tor erreichen. Quietschend schiebe ich es auf und Lula schießt hinaus. Gemeinsam rennen wir runter ans Ufer. Es ist nur ein paar Stunden her, da saßen wir beide an der gleichen Stelle, begleitet von graubärtigen Fischermännern, die ihre Netzte flickten und sich das feuchte Salz in die Haut rieben. Die Männer machten Feierabend nach einem Tag harter Arbeit, sie rochen nach Leder, Fischflossen und Öl, wir aber waren für den Sonnenuntergang gekommen, genauer gesagt: für den Feuerstern.
Jedes Jahr Mitte Mai steigt allabendlich zwischen 18h und 18.30h ein Himmelskörper unterhalb der Venus auf, den die Inder Agni nennen. Agni ist ein altvedischer Begriff und bedeutet Feuer. Dieser seltene Stern begleitet den Sonnenuntergang und ist nur in dieser halben Stunde zu sehen. Nach elf Tagen verabschiedet er sich so plötzlich, wie er gekommen ist, und erscheint erst wieder im folgenden Mai. Die Tamilen kennen diese besondere Zeit des Jahres als katthari, ein eingebürgerter Begriff, der sich vom Englischen cut, also schneiden oder teilen, hersagt: So nennen sie dies neu herabsteigende, schneidend-harte Licht, das den endgültigen Übergang der Jahreszeiten markiert. Dicker, erbarmungsloser Sommer! Ab katthari lebt sie endgültig unter uns, diese brüderliche Hitze einer 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne.
Jetzt aber – die Fischermänner liegen schon längst in ihren Hütten und knirschen mit den Zähnen – ist es der langsam aus dem Meer emporgestiegene Vollmond, der vom Himmel strahlt. Wie eine Nachtsonne balanciert er im Firmament. Der gesamte Strand ist hell erleuchtet, als wolle man die Nacht vertreiben, ohne auf den Tag vertrauen zu müssen. Tiefblau leuchten die Sandkristalle, und das weite Meer liegt vor uns wie Blei. Nur die weißen Schaumkronen der Wellen blitzen immer wieder auf, Sekundenlichter, die sofort in die Tiefe geschluckt werden. Diese stumme Königin dort oben am Himmel, die einst aus dem Körper der Erde herausgeschlagen wurde, sie hat alles verändert: Sind die indischen Nächte sonst mysteriös und geheimniskrämerisch, legt dieses Licht nun die gesamte Welt offen. Das Vorhandene rückt näher an sich selbst heran. Die Nacht hat sich in ein fremdes Bild verwandelt, das uns bestens bekannt ist.
Lula schmiegt sich an mich und schaut über das Meer. Ich könnte schwören, dass auch sie ergriffen ist von solchen Nächten, von weißen leuchtenden Kugeln am Himmel. Eine halbe Stunde bleibe ich noch bei ihr. Selbst die über den Strand tänzelnden Krabben interessieren sie nicht, nicht das Bellen der anderen Hunde in der Ferne. Schließlich stehe ich auf, binde mir den Gummisack mit meiner Verpflegung auf den Rücken und verabschiede mich von Lula. Ab hier muss ich alleine weiter. Mein Ziel: Die vor der Küste ankernden Fischerboote, die mich für die Nacht beherbergen werden.
Das Meer fühlt sich an wie dunkle Tinte, ein zähes und leichtes Element, das mit der schwülen Nacht verschmilzt. Immer wenn ich auftauche, folge ich dem weißen Ball am Himmel. Eine silberne, aus tausend tanzenden Lichtpunkten gezogene Spur liegt auf dem Meer und führt bis an den Horizont.
Als meine Hände schließlich gegen Holz stoßen, ziehe ich mich in den schwankenden Kahn und bleibe eine Weile so liegen, wie ich in ihm lande, die Augen stumm in den Nachthimmel gerichtet. Dann setzte ich mich an den Bug. Das Wasser hängt in dicken glasigen Perlen an meinem Körper. Ich blicke zurück auf das Land, das ich vor zehn Minuten verlassen habe, den glitzernden Strand und die Waagschalen der Palmenblätter, auf denen das Licht schwimmt, die flachen schlafenden Häuser und die dicken Wolken in einem anthrazitfarbenen, sprachlosen Himmel. Eine tropische Skyline, die ehrlicher nicht sein könnte. Selbst Lula ist noch zu erkennen als kleiner lebendiger Punkt, der den Strand auf- und abläuft. Noch eine Stunde wird sie dort bleiben und dann nach Hause laufen, wo ich sie morgen früh mit meiner Ankunft wecken werde.
Bald lege ich mich wieder auf den Rücken und starre in den Mond. Als sei er Musik, schunkelt er im Auge und erzählt. Nach einer Weile erkenne ich die Schattierungen, die hellen und dunklen Landschaften seiner Haut, Krater, Berge und weite Ebenen. Unter mir hingegen spüre ich die Geheimnisse des Meeres, die mich durch die Nacht tragen.
Es dauert nicht lange, um erneut zu verstehen, dass diese einzigartige Welt von den Menschen nichts weiter verlangt als unsere nackte Anwesenheit. Mehr ist es nicht, und es ist auch nicht weniger. Der Raum für Fragen und Antworten bleibt hier verschlossen. Das Meer verlangt nichts und der Himmel kann nicht mehr zeigen als das, was er ohnehin besitzt – das ist die ganze Kunst. Die Welt ist derart stumm, als sei sie gerade erst geboren worden, unbeschwert, vollkommen, ein Ort ohne die hanebüchene Zeit. Ein wahres Paradox dieser Nächte: Ich weiß, dass ich vollkommen alleine bin hier draußen, ein winziger Mensch auf einem riesigen Ozean, und doch fühle ich mich so aufgehoben und beheimatet wie seit einem Monat nicht mehr. Der Welt und meinem bekannten Planeten so fern und allen bekannten Bildern entschwunden, bin ich dieser Erde noch nie so nahe gekommen. Auch, wenn ich bei Sonnenaufgang hier aufwachen und zurückschwimmen werde zu Lula, zurück in mein Leben da drüben, zu Haus, Palme, Schreibtisch und den Gemeinsamkeiten von Schicksal und Leben, so weiß ich doch: Es wird unmöglich sein, von solchen Nächten vollständig zurückzukehren.

Corona Chronicles 6 – Teil 1/2

Es hatte sich angekündigt, eine Nacht lang, einen frühen Morgen. Zu der ohnehin bis zur eklatanten Sauerstoffarmut verdichteten Sommerluft, die uns seit Wochen nicht schlafen lässt, kamen der Nebel und die Feuchtigkeit und das ferne Rumoren über dem Meer. Als das Gewitter schließlich über unseren Köpfen hängt, frage ich mich, wann es das letzte Mal geregnet hat. Vor drei Monaten? Vier? Die Wirklichkeit des brüllend aus dem Himmel fallenden Wassers wirkt wie eine Auferstehung. Wir spüren es bis in die klammen Knochen: Dieser Regen ist vor allem eine Erinnerung an eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist und doch sehr weit hinter uns liegt. „B.C.“, sagte ein Freund kürzlich, „Now it means „Before Corona“. Forget Christ! We are entering a new era, and maybe this is the second coming.“
Der Himmel öffnet sein vollgesogenes Maul. Der erste Regen im Corona-Zeitalter ist kein milder. Der Sturm fegt den Staub über das ausgetrocknete Land und schwemmt das Wasser über eine vom Tropensommer ausgetrocknete Erde. Schwarzer Horizont. Ein verärgertes Biest, ein Segen, ein Notwendigkeit. Wir trainieren im Regen. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn, und hat nicht jener Allerheiligste, dieser seit jeher übers Firmament verankerte Jahwe seine Karriere als jüdischer Wettergott begonnen, bevor ihm die Erfindung des Monotheismus durch Echnatons ekstatische Sonnenverehrung den Weg frei räumte zur begehrtesten, höchsten und weißesten aller Wolken? Jene Wolke, aus der es nun blitzt und donnert?
Als das Gewitter vorbeigezogen ist, fahren wir zurück nach Kuilapalayam. Innerhalb weniger Stunden ist das Dorf um drei Straßensperren bereichert worden, alle an derselben Ecke und in einem Abstand von nur hundert Metern. Die üblichen über die Straße geworfene Baumstämme, vertrocknete Äste und mit Müll gefüllten Reissäcke, die nach spätestens einem halben Tag beiseite geschoben werden, da es für das indische Herz nicht schlimmeres gibt als Dinge, die mehr als einige Stunden im Weg liegen.
Warum diese Roadblocks? – Keiner weiß es. Alle, die ich fragen kann, schütteln den Kopf und versuchen, die Anwesenheit der Blockade mit der üblichen Missachtung aller weltlichen Angelegenheiten zu ignorieren. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Noch immer regnet es leicht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Tag, höre ich mich flüstern, irgendetwas stimmt nicht.
Meinem verkrüppelter Kokosnussverkäufer, die leblosen und krummen Beine zu einem ordentlichen Haufen vor seine Hüfte zusammengestapelt, macht es nichts aus, im Nassen zu sitzen. Dass er ein Meister ist, habe ich schon lange gewusst. Doch heute winkt er mich etwas näher heran, überreicht mir die aufgeschlagene Kokosnuss und flüstert: I can fix bikes too. And get cigarettes and a tailor and chicken.
And booze?, frage ich.
Sorry Sir, very sorry. Me, I am only selling coconut.

Ich brauche einige Zeit, um zu bemerken, dass er fast der einzige ist, der draußen ist. Alle Läden sind geschlossen, obwohl die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken am Vormittag öffnen dürfen. Die wenigen Wagemutigen, die verschwiegen im Dorf herumlaufen, tragen kein Lächeln hinter dem Mundschutz. Sobald es regnet, sind die Straßen normalerweise voller aufgeregter, durch die Pfützen planschender Kinder.
Aber es sind keine Kinder zu sehen.
Irgendetwas stimmt nicht.
Auf meinen Nachhauseweg sehe ich ein halbes dutzend Menschen, die ihre Scooter und Motorräder schieben anstatt zu fahren. Zwei Polizisten stehen am Straßenrand und diskutieren schreiend mit einigen Männern. Ich schaue gar nicht erst in ihre Richtung und gebe Gas. Ein gestrandetes Auto. Leer. Noch eine Frau, die ihr Moped schiebt. Ich habe Glück und erreiche Ramalingam. Erst, als ich Lotta abstelle, reicht meine Sinneswelt die wahren Ereignisse der letzten fünf Minuten nach. Die schwere Luft voller Eukalyptus, das Quaken der Frösche in den Pfützen, eine graue Sonne. Und der Geruch des dampfenden Asphalt, das Parfüm einer schwitzenden Erde. Erst kürzlich lernte ich das Wort, dass man für diesen einzigartigen Geruch gefunden hat: Petrichor. Das aus dem Stein tretende „Blut der Götter“.

Ramalingam sitzt an seinem Tisch und schaut sich die Nachrichten an. Ob er wüsste, was draußen vor sich gehe?
Nein.
Sagt das Internet irgendetwas?
Nein.
Was sagen die Nachrichten?
Ach, immer dasselbe.
Er steht auf, bricht einen Neemzweig vom Baum und legt ihn auf die Theke. Neem ist das tamilische Allerheilsmittel. Es hilft gegen Infektionen, Entzündungen, Bakterien, Viren, wahrscheinlich auch gegen Depressionen, pakistanische Kriegsgebärden oder die Trauer, die aufkommt, wenn eine komplette Cricket-Saison abgesagt wird. An allen Türen und Toren kleben seit Wochen vermehrt die zu buscheligen Bündeln zusammengebundenen Zweige, um die Eintretenden aus zwei Metern Abstand zu desinfizieren.
Ramalingam erzählt. Noch vor einer halben Stunde habe die Polizei direkt vor der Farm gewartet und jedem, der sein Essen abgeholt hat, die Schlüssel weggenommen, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ab da an musste geschoben werden. Warum, frage ich erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Und sie ist eindeutig. Er springt auf, greift einen Stock und spielt einen Polizisten, der einen Motorradfahrer vom Bike kloppt. Er lacht. Wir lachen. What to do, sagt er, die Regierung sagt und die Polizei macht, oder die Regierung sagt das eine und die Polizei macht das andere, sie haben ihre lathis (Stöcke) und wir nicht. Tsi Tsu Zack, Zack Tschusch!
Er packt den Stock und schmeißt ihn über die Mauer zu den Papayabäumen. It will be allright, sagt er, und klopft sich die Erde von den Händen. Ich muss an Ashok denken, mit dem ich vor ein paar Tagen all die Horrormeldungen durchgegangen bin, die der hiesige Lockdown verursacht. Abermillionen Arbeitslose, die astronomischen Fälle häuslicher Gewalt, Perspektivlosigkeit, bis ins Mark traumatisierte Kinder, Depression, Angstzustände, zehntausende Selbstmorde, die nicht rückgängig machende Vernichtung von Millionen Existenzen, eine Flut an psychologischen Erkrankungen, Hunderttausende, die der Krebs holen wird, ein unermessliches Stresslevel, endloser Hunger und taube, schier unermessliche Armut.
Todeszahlen durch Covid19 in einem Land, in dem sich fast niemand an den Lockdown und die Hygiene-Vorschriften hält: Unter 2000.
People are dying, sagte ich. It is clear by now that the Lockdown will kill a hundred times more people than Covid19. Strangely enough, nobody seems to care.
They will find a way, war die Antwort Ashoks.
To die? Yes, they found many ways already.
No, we will find a way to deal with the situation. We just stay at home and eat what we have.
Man people dont even have rice any more. And no home to stay in. Ort hey are caged in with violent lunatics?
They will find a way. They will live outside. It´s so hot, outside now is better than inside. And someone will come and feed them.
The government?
No, other people. Or nobody, I dont know. You will see, they will all survive, and others will die. There is just no other way.
Ich lasse mich in meinen Stuhl zurücksinken. Ich weiß, was Ramalingam meint und was Ashok hat sagen wollen. Ich weiß, dass er Recht hat. Dies ist die Realität, ob wir es wollen oder nicht. Viele sterben. Sehr viele sterben. Viele ertragen unermessliches Leid. Viele, das sind vor allem die Armen und die Ärmsten der Armen, mehrere hundert Millionen Inder. Sie ertragen das Leid und diese harte Zeit, weil sie, was Leid und Unrecht angeht, die großen Übenden sind. Sie kämpfen ihr ganzes Leben lang um jeden einzelnen Tag, wie schon ihre Mütter, Großmütter und alle Mütter und Väter vor ihnen Tag um Tag ums Überleben kämpfen mussten. Das ist das Leben: Überleben. Nichts wurde ihnen jemals geschenkt. Sie haben sich zurechtgestutzt am Ertragen-Von. Diese Lehre hat sie so stark gemacht, wie, um ein Bild Nietzsches zu benutzen, ein Baum, dem die gefährlichen Winde und Stürme nur dazu dienten, seine Wurzeln kräftiger ins Erdreich zu schlagen.
Ashok hat Recht.
Große, starke und mächtige Bäume, und morgen beginnt das Leben von neuem. Inder finden immer einen Weg, gerade dann, wenn sich von alleine keiner mehr auftut.

 

Bevor ich aufbreche, gehe ich zur Straße und schaue, ob die Luft rein ist. Lotta ist launisch. Ich brauche zehn Versuche, um sie zu starten. „She is a real bitch“, waren die wahren Worte der Vorbesitzerin, „and it takes a bitch to drive her!“ Unbeschadet gelangen wir nach Hause. Die kleine Pfütze vor dem Kühlschrank verrät, dass es erneut keinen Strom gibt. Der Stromausfall wird den gesamten Tag andauern, genauso wie letzten Sonntag und alle weiteren Sonntage von nun an, bis Juli, bis der Sommermonsun kommt. Niemanden erstaunt es, dass gerade jetzt im Sommer, bei 38 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80%, den Menschen genau jener kostbare Strom abgesägt wird, der die lebenswichtigen Ventilatoren speist. Es ist einfach zu typisch für ein Land, das sich stets für das Folgenreiche und gegen die Folgerichtigkeit entscheidet.
Ich wische die Pfütze auf. Den wärmer werdenden Joghurt schabe ich mit einem Teelöffel aus der Packung. Draußen stelle ich den Verandastuhl in den glänzenden, perlreinen, frisch gewaschenen Garten. Covida geht auf die Jagd. Ängstlich vermeidet sie jede Pfütze, ja selbst das nasse Erdreich ist ihrer Reinlichkeit suspekt. Eine Killerin, die alles frisst, was sich bewegt, jedem lebendigen Ding dem Kopf abreißt, sich noch zuckende Geckoschwänze auf der Zunge zergehen lässt und doch peinlichst darauf achtet, bei ihren reptiloiden Säuberungen die samtenen Pfötchen nicht schmutzig werden zu lassen. Kurz, eine Katze.
Noch immer die grauen Wolken ohne ein Anzeichen von Blau. Ich telefoniere mit vier tamilischen Freunden, um zu erfahren, was los ist. Die harten Maßnahmen der Polizei, die alles absperrt, Motorradschlüssel konfisziert und wahllos verprügelt, gelten nur heute, sagt der erste. Das ganze dauert eine Woche, sagt der zweite. Der dritte: Es ist ein Drei-Tages-Shutdown, auch die Lebensmittelgeschäfte haben zu, alles, die Polizei schmeißt dein Fahrrad in den Wald oder den Fluss, wenn du draußen rumfährst. Der Lockdown wird auf den gesamten Mai ausgeweitet and we are all fucked. Stay at home!
Freund Nummer vier weiß nicht, wovon ich spreche, antwortet aber dennoch. Inder werden dem Fragenden lieber den Weg zur Hölle weisen oder ein nutzloses Märchen improvisieren, anstatt keine Antwort zu geben. Vom Kap Kanjakumari bis in den Himalaya gilt: Falsch ist nicht, auf eine Frage keine Antwort zu wissen, sondern nur, keine Antwort zu geben. Er sagt: Vier Tage!
Vier Tage was?
Naja, vier Tage, du weißt schon.
Nein, ich weiß nicht, deswegen ruf ich ja an.
Vier Tage … ja … der Prime Minister war im Fernsehen, er hat alles gesagt, aber die einzelnen Staaten können auch entscheiden, ähhh, wann die Shops wieder aufmachen … glaube ich. Meine Tante in Coimbatore hat auch erzählt, äh, naja, dass dort die Straßen zu sind, man munkelt, ob bald die Liquor Store wieder öffnen dürfen, das hat der Chief Minister von Pondy gesagt, gestern. Äh nein, sorry: heute!

Immerhin ahne ich, wo er die Information mit den vier Tagen her hat. Seit heute sind fünf große tamilische Städte in den totalen Lockdown geschickt worden. Der schlechten Laune halber hat man sich gedacht, die Schrauben, die keine Wirkung zeigen, noch ein wenig enger zu ziehen. Die horrende Sinnlosigkeit dieses vier Tage langem Extrem-Lockdowns ist mit keiner Sprache angemessen zu beschreiben. Am Beispiel von dem, was gerade in Chennai geschieht, lässt sich somit wunderbar illustrieren, wie Politiker Indiens und Tamil Nadus mit ihrer Verantwortung umgehen.
Alle acht Millionen Einwohner der Megacity hatten genau fünf Stunden Zeit, sich …



Fortsetzung folgt.

Corona Chronicles 5 – Isolation Spezial

Selbst jetzt, genau ein Jahr nach meiner Rückkehr auf die Erde, besitzt das Staunen noch immer eine andere Qualität. Als ich nach drei Monaten Schwerelosigkeit wieder auf der Oberfläche einer verlebendigt durch das endschwarze Nichts des Universums driftenden Gesteinskugel stand, hatte ich die ersten Tage das Gefühl, der Himmel sei ein zweiter, gasblauer Planet, der extrem dicht an den Baumgrenzen schwebte. Er wog und drückte und war schön und gefahrenreich. Dieses Gefühl hat sich mittlerweile verflüchtigt; der Rest ist geblieben. Das Unverständnis über eine fundamental vorhandene Welt, die bis in ihre letzten Wipfel und Atome beseelt ist mit Wachstum und sprachlos machender Schöpfungskraft, mit Blüten und Welktum, Geburt und Zerfall, Geist und Materie. Nichts von alledem, was uns umgibt, ist selbstverständlich. Keine Farbe, keine Erythrozyten, keine liederhaften Elegien oder eine ewige Gegenwart, über die wir nie hinauskommen. Das Vorgefundene ist so wundergleich wie das schlichte Blau des Himmels, und gerade jene Gewöhnlichkeiten, die uns am vertrautesten erscheinen, sind bei genauerer Betrachtung nichts als die ersten und letzten Geheimnisse einer sich stets aufs Neue offenbarenden Welt.
Vor vielen Jahren verbrachte ich ganz in der Nähe, in den kühlen Bergen Tamil Nadus, den Sommer in einem Zen-Meditationszentrum, das über eine wunderbare Bibliothek verfügte. In den „Aufzeichnungen der blauen Klippe“ las ich damals jene Strophen, die mich seitdem überall hin begleiten, ob zum Mars oder nach Indien:

Before attaining enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

At the moment of enlightenment,
mountains are no longer mountains, nor are rivers rivers.

But after accomplishing enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

Ich Frühjahr letzten Jahres nahm ich an einer Schwerelosigkeits-Studie der Nasa teil. Von insgesamt drei Monaten Isolation, die ich und elf andere „terrestrische Astronauten“ in einem Weltraumforschungszentrum verbrachten, mussten wir zwei Monate ununterbrochen im Bett verbringen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Füße. Acht Wochen lang sind wir kein einziges Mal aufgestanden. Alles, auch das Essen, Duschen, Trinken, die Toilettengänge, Zentrifugenfahrten und die zahlreichen Experimente fanden in dieser Kopftieflage statt. In naher Zukunft wird man die ersten Menschen zum Mars schicken, und wir konnten unseren Anteil dazu beitragen, dass dieses größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte erfolgreich sein wird, indem wir diese Reise auf unserem simulierten Raumschiff vorwegnahmen.

Neben all den körperlichen und psychischen Herausforderungen, die solch eine Isolation beinhaltet, hatte ich vor allem damit zu kämpfen, die „natürliche Welt“ zu vermissen. Gegen Ende der Studie merkte ich eindeutig, wie mich das ununterbrochene Drinnen-Sein zu entkräften begann. Mein Weltenraum war weißwandig, steril, klimatisiert. Alles in mir verlangte nach Farben und ungefilterter Luft, nach der Stille der Wälder und den Salzwinden der Meere, nach einem großen, großen Atem. Kurz: nach ebenjenem planetarischen Bezug, der bislang für all meine wahren Stunden verantwortlich war.
Im Laufe der Mars-Isolation träumte ich von all der Normalität, die ich zur Zeit, während meiner sechswöchigen Ausgangssperre in Indien, reichlich besitze. Der wunschlose Himmel über meinem Kopf, das wuchernde Farbenspiel eines südindischen Sommers und seiner gärenden, räuchergeweihten Lüfte, die schockierende Hitze und ein übermächtiger Mond, der lautlos durch die Sternenklarnächte steigt. Seitdem es zu heiß ist, um drinnen zu schlafen, habe ich mein Nachtquartier auf dem Dach aufgeschlagen, die Augen ungläubig auf die Ewigkeit gerichtet, die sich hier von Horizont zu Horizont erstreckt. Selbst der Mars klebt stecknadelgroß im Heuhaufen der Sterne, der meine allnächtliche Decke ist.
Viel mehr kann man nicht verlangen, ohne den Zorn Gottes auf sich zu ziehen. Und dennoch: Nach vier Wochen indischem Lockdown fühle ich mich beengter als während der absoluten Bewegungslosigkeit der Marsreise, dem fremdbestimmten Stilleliegen auf den 2,5 qm² meines Bettes. Es ist vor allem ein Aspekt der erneuten Isolation, der mir besonders zu schaffen macht: Die Einschränkung der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.
Das Gefühl dieser Hilfslosigkeit ist unbekannt. Selbst, wenn ich dringend ins nur wenige Kilometer entfernte Pondicherry fahren müsste, weil ein Freund im Sterben liegt, könnte ich es nicht. Überall sind die Straßen abgeriegelt, die Polizei konfisziert Motorräder und verhängt heftige Geldstrafen, ganz zu schweigen von den easy aus der Gelenkschmiere indischer Hüftknochen hervordreschenden Stockschläge, die gülden auf die eigenen Gliedmaßen niederfahren, sobald man in Schlagweite gerät. Und was, wenn meinen Großmüttern oder Eltern in Deutschland etwas geschehen würde? Womöglich wird es noch Monate dauern, bis ich das nächste Flugzeug nehmen kann, obwohl ich kerngesund bin. Somit ist es also geschehen. Seit zwanzig Jahren reise ich permanent um den Planeten, doch zum ersten Mal ist mir im großen Stile die Freiheit genommen, mich einfach auf den Weg zu machen, um irgendwo verloren zu gehen.

Der Unterschied zum Vorjahr lässt sich kaum überbewerten: Als ich die Nasa-Studie antrat, gab ich meine Freiheit freiwillig ab. Drei Monate lang keinen Sonnenstrahl in den Händen zu halten, fast nur kopfunter im Bett, kein Alkohol oder sonstige Genussmittel, strenge Essens- und Schlafvorgaben, Muskelatrophie, Knochenabbau und der Verlust meiner Fähigkeit, auf zwei Beinen zu stehen? – kein Problem, solange es meine Entscheidung und ich willens war, diese Herausforderung anzunehmen. Aber gezwungen zu werden, seine Freiheiten aufzugeben und zehn Anti-Corona Maßnahmen befolgen zu müssen, von denen acht hoffnungslos sinn- und wirkungslos sind? Den Verlust von etlichen Grundrechten zu ertragen, ohne zu wissen, wann und ob jene Sonderregelungen wieder von Menschen außer Kraft gesetzt werden, die vor allem am Ausbau ihrer Macht interessiert sind? Das Leben nun völlig in den Händen von Politikern und Polizei zu wissen, den stets mangelhaften Kräften eines nicht sonderlich altruistischen Staatsapparates, der mehr an der kompletten Überwachung seiner Bürger interessiert ist als an Fürsorge oder gar „Gesundheit“?

Aber es hilft nichts: Ich muss heute dieselben Methoden anwenden wie vor einem Jahr, um jene Dinge zu akzeptieren, welche ich gerade nicht ändern kann. Selbst ohne Isolation gibt es niemals eine andere Aufgabe als die vollkommene Hingabe an die So-oder-so-Welt. Im Buddhismus spricht man vom Sonnenschein-Buddha und Mondschein-Buddha, um klarzustellen, dass all unseren holden oder dunklen Gefühlszuständen letztendlich ein und dieselbe Wahrheit zugrunde liegt: die Vergänglichkeit.

Meine ersten beiden Jahre in Indien und Sri Lanka verbrachte ich fast ausschließlich in Klöstern und Meditationszentren. Tausende Stunden Meditation und das Studieren von Zen-Texten und des Hinduismus haben mich weiß Gott nicht weise gemacht, aber hoffentlich doch das Entscheidende gelehrt.
In Meditationssitzungen geschieht das, was wir auch aus der Isolation kennen: Ohne die Chance zu haben, vor sich selbst zu fliehen, ist man mehr denn je auf genau dieses Selbst zurückgeworfen. Es gibt keine Beschäftigung mehr, in die man sich und seine Überzeugungen retten kann, keinen Ausweg, den der Geist aus dieser Stunde zu nehmen weiß. Es gibt nur das, was gerade ist – oder eben zu sein scheint. Im radikalen Vorhandensein mit sich selbst rückt somit jene Identität in den Fokus, die man ein Leben lang voraussetzt, ohne sich ihrer überhaupt versichert zu haben: Das Ich.
Die erste Lehre der Meditation ist zugleich die entscheidende. Unnötig davon zu sprechen, dass es dem blanken Verrauschen im endlosen Schwebezustand des Nirwanas bedarf, wenn für eine gewaltige Einsicht, die ein ganzes Leben verändern kann, allein die allererste Erkenntnis der Meditation genügt. Jeder Übende merkt schneller, als ihm oder ihr lieb sein kann, dass man weder Herr noch Herrin im eigenen Hause ist und dass die Person, die man zu sein glaubte, nicht existiert. Es ist eine Erfahrung, die, am Senkblei von Panik und Euphorie befestigt, bis auf den Grund der Knochen und in die tiefsten Wasser der Seele zu sinken vermag. Ich bin nicht die Dinge, die ich denke und fühle! Gedanken, Erinnerungen, Wünsche und Emotionen rauschen durch mein Bewusstsein, wo sie lediglich wahrgenommen werden. Aber von wem? Von mir? Von einem substanziellen Ich? Wer ist dann dieser Zeuge, dieses ominöse Ich-Subjekt, das den unaufhörlich kommen und gehenden Eindrücken gegenübergestellt wird, den Regungen eines fremden Willens, die man mit aller Anstrengung weder zu stoppen oder zu kontrollieren vermag?
Es ist genau diese Identifikation des Beobachters mit den Beobachtungen, welche die Buddhisten nicht nur als Illusionen entlarvt haben, sondern auch als denjenigen Akt beschreiben, der für jedwedes Leid verantwortlich ist. Hat der Meditierende zum ersten Mal Abstand genommen von den zu beobachtbaren Objekten des eigenen Geistes, die wie Wolken über einen strahlend blauen Himmel schweben, folgt bereits der nächste Schritt: Das vollkommene Hineinsinken in dieses Zeugen-Bewusstsein, das in der Allesgesamtheit der Welt weder das eine noch das andere ist. Es ist ein ewig vorhandener Geisteszustand, ein Sein hinter allen Formen des Seienden, das namenlos bleiben muss, weil es mit einer Sprache, die sich um die beobachtbaren Phänomene der dualistischen Weltwerdung rankt, nicht zu bebildern ist. Friede, Liebe, Gott, göttliches Bewusstsein, Shiva – all dies sind vollkommen richtige und falsche Worte. Im Wumenguan, einer Sammlung von Koans und den dazugehörigen Kommentaren großer Zen-Meister, findet sich diese Strophe:
„Wer über Falsch und Richtig spricht,
ist ein Mensch des Falschen und Richtigen.“
Wenn wir auf eine Welt stoßen, in der die Sprache nichts mehr zu beworten hat, sind wir angekommen. Womöglich sogar im Ich, das sich als nicht lokalisierbar erweist.

Insgesamt verbrachte ich drei Monate im besagten Meditationszentrum. Ein Mal am Tag konnten die Schüler die Meditationshalle verlassen, um eine Minute mit dem Meister alleine in seinem kleinen Raum zu sitzen. In der Zen-Tradition werden dem Schüler Koans aufgetragen, paradoxe Rätsel, die nur zu „lösen“ sind, wenn der Schüler die gewöhnliche Pfade, die der Verstand einzuschlagen pflegt, tunlichst Richtung Satori (plötzliche Erleuchtung) verlässt.
Auch ich hatte ein Koan bekommen, ohne mir große Mühe zu machen, es zu lösen (vielleicht war ja genau dies das Geheimnis!). Jedenfalls genoss ich den täglichen Gang aus den teilweise anstrengenden Meditationssitzungen runter in den Raum des Meisters, wo wir uns für gewöhnlich schweigend und grinsend gegenübersaßen. Nach einer Minute klingelte er sein Glöckchen, wir verbeugten uns voreinander und ich watschelte zurück. Eines Tages aber wollte ich ihm doch irgendetwas sagen oder präsentieren, obwohl ich wusste, dass ich keine Antwort parat hatte. Keine Antwort zu haben war wahrscheinlich auch nicht die richtige Antwort, aber wer konnte das schon wissen. „Nun?“, sagte er und grinste, als ich vor ihm Platz nahm. Ich begann mit der Lösung des Koans. Sobald ich fertig war, brach er in schallendes Gelächter aus, so mächtig und ansteckend, dass ich nicht anders konnte als mit ihm zu lachen, so lange und so hart, bis ich seitwärts von meinem Kissen viel. Wer schon einmal vor seinem Zen-Meister zusammengekrümmt und Tränen lachend am Boden lag, während dieser ebenfalls so fertig ist, dass er sich den Bauch halten muss und seine ganze Stirn voller Schweiß steht, ja, der kann getrost vergessen, dass es Koans und das ganze Zen-Zeugs überhaupt gibt.
Es war einer der besten Momente meines Lebens. Unser Lachen schallte durch die gesamte Anlage. In den nächsten Tagen wollte jeder von mir wissen, was genau passiert war. Meine Kollegen nahmen an, wir hätten alle möglichen Ich-Bände durchbrochen und seien wie auf einem DMT-Trip durch die Vernichtung unseres Bewusstseins gesegelt, um hellerleuchtet auf keiner anderen Seite wieder aufzutauchen. An diesem Tag ging ich nicht wieder zurück in die Halle, sondern marschierte hysterisch lachend zum Tor hinaus und in den angrenzenden Wald. Als ich unter dem Torbogen stand, konnte ich meinen kreischenden Meister hören, der tatsächlich sein Glöckchen klingelte. Es war das Zeichen: Unsere Sitzung ist beendet.

Diese Lektion mit meinem Meister hat mich gelehrt, nichts zu ernst zu nehmen, schon gar nicht die sogenannte Erleuchtung. Wer über Falsch und Richtig spricht, ist ein Mensch des Falschen und Richtigen. Jahrelang versuchte ich, die eigenen Urteile und Begierden zu bekämpfen, bis ich endlich verstand. Ich kann getrost den lieben langen Tag Urteile fällen, richtige und falsche, solange ich weiß, dass es eben nur Urteile und keine Wahrheiten sind. Das alles ist ein verdammtes Spiel! Ich kann alles sein, denken und sagen, wenn ich nicht in die Versuchung gerate, mich in meinen Identifikationen zu beheimaten. Die Welt ist von größter Bedeutung und gleichzeitig null und nichtig. Eine ergreifendere Wahrheit gibt es nicht. Nichts ist von Dauer. Die gesamte Welt ist vergänglich, zum Untergang verurteilt und doch stets gegenwärtig in ihrer allzu göttlichen Gestaltung, ihrer sich offenkundig auswesenden Liebe. Ob die Flüsse nun Flüsse sind oder nicht, ist reine Dialektik.
Die gegenwärtigen Quarantänebedingungen sind unangenehme Zeiten, die uns an den einzigartigen Umstand erinnern, so schlicht wie ergreifend lebendig zu sein. Was für eine Chance: Wann, wenn nicht in solch außergewöhnlichen Zeiten, gibt es noch die Möglichkeit, sich des Außergewöhnlichen zu versichern?

Corona Chronicles 4

Es ist genau eine Woche her, da rief Ministerpräsident Modi in gewohnt ernsten und zugleich hochsentimentalen Tönen sein milliardenstarkes Volk dazu auf, flammenumwoben im Dunkeln zu hocken. Um genau neun Uhr Abends sollte jeder Inder für neun Minuten den Lichtschalter umlegen und eine Kerze anzünden – oder, in Ermangelung einer Kerze, hochachtungsvoll mit der Taschenlampenfunktion des Handys herumwedeln. Ein Zeichen der Solidarität und des Gemeinsinns, staatsmännisch abgekupfert von fernen Ländern, wo man sich ob der Undurchführbarkeit real performbarer Solidarität für die tägliche Klatschparade, den Körper bereits schwerelos gemacht mit Gin und Chardonney, auf Balkonien einzufinden pflegt.
Böse Zungen werfen dem Ministerpräsidenten nun abermals vor, blinden Auges jene Maßnahmen zu kopieren, die der verherrlichte Westen umsetzt, und somit keinerlei Augenmaß dafür zu besitzen, wie viele Dimensionen die europäischen/chinesischen von den indischen Wirklichkeiten trennen. Andere oder dieselben bösen Zungen prangern die sprachlos machende Planlosigkeit an, mit welcher die hiesigen Lockdown-Lösungen erzwungen und somit die offensichtlichen Missstände fabriziert wurden, Probleme, die derart abzusehen waren wie der bestialisch ins Land einfallende Sommer. Hunderttausende an stillgelegten Bahnhöfen zusammengepferchte Tagelöhner, die aus den Städten in alle Winkel des Landes des Landes strömen, wären nicht einfach, aber in jedem Falle besser zu verhindern gewesen wären, wenn man schlichtweg die Existenz dieser Menschen überhaupt wahrgenommen und somit für die entsprechende Infrastruktur gesorgt hätte, sie nach Hause in ihre Dörfer zu holen. So führte die Ausgangssperre vor allem dazu, dass sich Millionen von Indern, buchstäblich aufeinandergestapelt und ungetested, auf monströse Wanderungen durchs ganze Land begaben. 1,3 Milliarden Menschen hatten genau vier Stunden Zeit, sich auf ihr neues Leben vorzubereiten, von dem niemand wusste, wie lange es andauern wird. Selbst an den Umstand, dass ein Zuhausebleiben zuallererst ein Zuhause benötigt, hat keiner der Verantwortlichen so recht denken wollen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Inder keine einzige Rupie auf der hohen Kante hat, um den Verlust ihrer Arbeit mal so eben ein paar Wochen absitzen zu können – wer schon kaum überlebt, wenn er einer Arbeit nachgeht und alles gut läuft, was wird dann mit diesem Menschen passieren, wenn es kein staatliches Sicherheitsnetz gibt, welches auch nur die ärgsten aller Nöte aufzufangen weiß?

Das, was nun letzten Sonntag unter holdem Kerzenschein geschah, befruchtete gute und böse Zungen gleichermaßen. Die Verehrer des Predigers Modi, der in ihren Augen gekommen ist, ein zielloses Arme-Leute-Land in ein revitalisiertes, mystisch-stolzes Hindustan zu verwandeln, priesen seine Erkenntnisse der vedischen Astrologie und rechneten auf, warum genau an diesem Datum um diese Uhrzeit für genau diese Länge unter dem Einfluss von Planet XY usw. usf. Es gab zudem Stimmen, die behaupteten, dass der von vielen als Demigod wahrgenommene Modi einen genialen Plan im Schilde führte, der zu groß war, um ihn dem gemeinen Volk zu offenbaren. Das Geheimnis: Durch das Ansteigen der Temperatur, die das gleichzeitige Anzünden von Millionen Kerzen verursacht, wäre dem hitzeanfälligen Virus ratzfatz der Garaus gemacht.
Indien wäre nicht Indien, hätten sich nicht sofort nach der Bekanntgabe des Kerzensolidaritätspaktes die Verantwortlichen der Stromwerke warnend zu Wort gemeldet: Das gleichzeitig Aus- und vor all wieder Anschalten des Stromes könnte zum Zusammenbruch des Netzwerks führen! Ironische Zungen behaupten, es könnte sich nun kein passenderes Schauspiel für das moderne Indien entwickeln als dieses viertel-hypothetische Szenario:
Man befehligt einen Lockdown, ohne über die Konsequenzen beratschlagt zu haben. Das halbe Land versinkt in Chaos. Um die Verzweifelten bei Laune zu halten, gibt es Durchhalteparolen und den Verweis auf die Gerechtigkeit Gottes. Weil man hilflos ist, schwört man sich auf das Nationalgefühl ein, indem sich um Kerzenschein versammelt wird. Durch die enorme Schwankung in Netz bricht die Stromversorgung zusammen. Da es keinen Strom gibt, braucht man Kerzen. Kerzen gibt es keine zu kaufen. Die Betreiber des Stromnetzes werden gelyncht. Modi weist die Inder an, das Mahabharata-Epos nachzuspielen, um den indischen Geist zu stärken. Er befiehlt auch die Anhänger anderer Religionen, sich dem Hindu-Spektakel anzuschließen. Während man die Schlacht von Kurukshetra nachspielt, sterben landesweit rund 63.000 Menschen an den Verletzungen durch Schwert- und Dolchwunden. Doch der Strom kommt zurück! Jubelnde Massen auf den Straßen trotz Ausgangssperre, woraufhin die Ausgangssperre verlängert wird usw. usf.

Nun denn. Pflichtbewusst stieg ich am Sonntag aufs Dach und zündete mir um neun Uhr eine Zigarette an, obwohl ich nicht rauche. Einige der Häuser waren dunkel, andere glühbirnenerleuchtet. Die Nachbarskinder rannten mit den Handys durch den Garten und jagten sich mit dem Lichtstrahl. Über Pondicherry sah man Feuerwerk aufsteigen, überall wurden Böller gezündet. Rumms. Rumms. Bumm! Die Nacht bebte und ich stieg bald wieder nach unten, um zu dieser glorreichen Stunde die Nachrichten zu verfolgen. Und tatsächlich, kaum hätte es ein größeres Geschenk geben können! Ich sah den Moderator von India Today, der in Delhi oder Mumbai auf den hellen Nachthimmel zeigt und ungläubig vor sich hin stammelte: „I don´t understand. People are suppose to light candles, not burst crackers. This is not Diwali. Do so many people have firework at home? They cant buy them now, how many crackers have they stored!? I really dont understand, this is not what Modi had in mind …“
Ich spürte eine immense Freude in mir aufsteigen. Dies sind die Momente, in denen man so vollkommen mit Indien versöhnt ist, als gäbe es überhaupt keine Entsöhnung. Trotz aller Katastrophen und trotz allem Horror, der hier so real ist wie die göttliche Liebe und die Zuversicht: Dies ist nicht Deutschland, nicht die USA oder China, dies ist das einzigartige, in seinen eigenen Ideen- und Wirkungskosmos versunkene Indien, beherrschbar nur durch die Sonnengleiche der Götter, ein Indien mit einem Herz so weit wie Kontinente, ein Supra-Herz, welches sich immer nur dem eigenen Supra-Herzen zu unterwerfen weiß, ob dunkel, ob lichtern, egal. Man tut, was man will und was man in jedem neuen Moment für richtig oder falsch hält, und das war´s. Ende der Story. Die Fernsehbilder sind geradezu himmlisch; ich sitze alleine im Haus und kann nicht anders, als schallend zu lachen und dieses Land zu lieben für immer und ewig. Ich bekomme nicht genug, und die Nachrichten servieren munter nach. Videos von Massenprozessionen, die Schulter an Schulter mit ihren Kerzen durch die Straßen laufen, das Anti-Social-Distancing hunderter Trommler und Tanzender, die sich, ihre Handylichter schwingend, in den Armen liegen und lachen und feixen. Irgendwo haben Jugendliche eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes angezündet und jubeln in die Kamera der schockierten Kameramänner, sie haben es geschafft, es gibt sie nun wirklich, die größte Kerze der Welt.
Ooh Modi, was für ein unerschöpfliches Land liegt in deinen Händen. Kein Mensch kann hier auftauchen, um Indien zu verhindern. Jai Hind! Es ist nicht nur das schlimmste und das beste, sondern auch das unabhängigste Land der Erde.

Am nächsten Tag stehe ich wie immer bei Ramalingam und seiner Farm-Kitchen auf der Matte. Als Stammkunde genieße ich herrschaftliche Privilegien, die mich in der wohltemperierten Restaurant-Hierarchie in der Mitte positionieren:
– Polizisten
– Ashok und Dennis
– Sonstige
Müssen die übrigen Kunden ihre Mahlzeit einpacken und mitnehmen, darf ich den curryfarbenen Reisberg vor Ort verspeisen. Die urindische Ausnahme von der Regel. Weiß Modi, dass jeder Inder lediglich in einem unverrückbaren Multiversum von Sekunde zu Sekunde neu verhandelbaren Ausnahmebedingungen und personalisierten Sondergenehmigungen beheimatet ist, dem kein Politiker zu Leibe rücken kann, weil alle Gegenwart so formlos ist wie der Wind? Weiß Modi, dass man nur sich selbst und jener Gottheit etwas schuldig ist, die sich uns bereits unzählige Male bekannt gemacht hat hinter dem ewigen Kreislauf von Leben und Tod? Weiß er, dass er sterben, die Welt aber ohne ihn weitergehen wird?
Ich war mit Peter verabredet. Die Autokorrektur seines Handys hatte aus seinem „Bei Ramalingam?“ ein „bei Ramabimbam?“ gezaubert, und ich bin froh, Rama seinen neuen Namen verraten zu können – er mag ihn nicht. Wirsch winkt er ab. Bimbam hört sich nach Bimbam an, Lingam aber ist der Lendenschatz des Mahadevas, das erste OHM der Schöpfungsfrühe und jene Idee, die Mutter Erde auszugestalten pflegt. Das ist besser als Bimbam. Ich bin einverstanden und wir essen. Peter gehört mit 74 Jahren und ernsthaften Herzproblemen zur coronalen Risikogruppe, aber ein Zuhausebleiben ist ihm unmöglich. Wir halten Abstand und reden und reden, froh, kein einziges Mal das Wort Corona zu erwähnen.

Auf dem Nachhauseweg gerate ich in eine Polizeikontrolle. Der Sommer bringt nicht nur die Jackfruits zum Platzen und schält die Mangos saftig aus ihren Kernen hervor, nein, er kleidet zudem die tamilische Erde mit riesigen gelben Flecken, grelle Blütenmeere, die von den Servicetrees regnen. Inmitten dieses grandiosen Gelbs stehen die beiden Beamten, begleitet von zwei Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums, die gebügelte blaue Hemden und bunte Ausweise um den Hals tragen.
Ich bin ehrlich und sage, ich habe meinen Mundschutz vergessen. Ich habe zwar keine Maske, aber es stimmt, wenn ich eine besäße, hätte ich sie bestimmt vergessen. Die Polizisten sind gnädig, winken ab und watscheln in den Schatten. Doch der Healthworker plärrt mich an, trotz dem er mir glaubt und mich schon fast hat weiterfahren lassen. Kaum ist alles okay und erledigt und jedes Versprechen doppelt versprochen, da erinnert er sich seiner Aufgabe und fährt fort mit seiner Motzerei, darauf ist er getrimmt, aufs Motzen und Rumschimpfen und Plärren, wenn er nicht schimpft und plärrt, arbeitet und existiert er nicht. So tief sitzt er in seinem Hamsterrad, dass nach ein paar Sekunden des Durchatmens seine Litanei wie von Geisterhand betrieben wieder anspringt. Ra-ta-ta-tat. Dieses Laufenlassen ist sein Gebet, sein Goldklumpen, der ihm die Kehle massiert, sein Rettungsring in einer Welt, in der niemand weiß, ob es noch einer Rettung bedarf. Ich höre zu, wackele mit dem Kopf, amma, yes, amma, sari, okay Sir, jaja. Versprochen, morgen!
Dann darf ich abzischen.

Zuhause erwartet mich Covida. Kaum auszudenken, was ich ohne sie machen würde! Wenn es in den letzten drei Wochen ein Geschenk gab, dann diese Katze. Genau einen Tag vor dem Lockdown tauchte sie Plötzlich auf und shcnurrte um meine Beine. Sie blieb und ich war froh, dass sie da war, verwöhnte sie mit Katzenfutter und Joghurt und Thunfisch. Covida und ich bewohnen nun gemeinsam das Haus. Wenn ich arbeite, legt sie sich auf die Tischplatte, magisch angezogen von der Tastatur meines Laptops, von der ich sie alle zehn Minuten herunterschieben muss. Abends schauen wir zusammen Tiger King. Als die Serie endet, beginnen wir von vorne.
Vollkommen alleine wäre es schwierig gewesen. Mit Covida aber habe ich nun eine Gefährtin, mit der ich reden und der ich auf die Nerven gehen kann, eine Vertraute, die schnurrend auf mich wartet, wenn ich von Ramabimbam zurückkomme und ihr das wabbelige Whiskas in die Schale drücke.
Ich erzähle ihr, dass essentielle Lebensmittel bereits zu „Luxusgütern“ werden, wie es die Economic Times ausdrückt, und erzählte weiter von meiner erfolglosen Jagd nach großen Glasbehältern und Hefe, Utensilien und Zutaten, die ich brauche, um aus den reifen Cashewfrüchten jenen Schnaps zu brauen, der hier feni genannt wird. Covida nickt und schleicht auf die Tastatur. Während ich sie wegschiebe, erzähle ich ihr, dass in der nationalen Hotline für Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt in den letzten zwei Wochen 100.000 Anrufe eingegangen sind, und dass die Dunkelziffer wohl unermesslich ist, weil kaum jemand anruft bei so einer Hotline. Ich erzähle ihr von dem Klempner, der gestern verzweifelt vor der Haustür stand und Arbeit suchte und dem ich nicht helfen konnte; er war wohl der erste von vielen Verzweifelten, die sich bald auf den Weg machen von Haustür zu Haustür. Sie ist traurig. Dann aber zeige ich ihr ein Foto und erzähle dessen Geschichte. Vor einem Lebensmittelgeschäft hat man im Abstand von zwei Metern Kreise gezogen. Hier sollen die einzelnen Kunden abstandsgerecht warten. Das Foto jedoch zeigt nur Einkaufstaschen, die in den Kreisen platzhalterisch abgestellt worden. Die rund zwei Dutzend Eigentümer sitzen derweil dichtgedrängt am Bürgersteig, um sich vernünftig unterhalten zu können. Sie lacht. Ich erzähle ihr, dass es keine abgehärteten und leidgeplagteren Menschen als die Inder gibt, und dass auch dieses Desaster irgendwie gut ausgehen wird. Gleichzeitig versichere ich Covida, dass der Mob die Dörfer und Städte auseinanderreißen wird, sollte das Essen irgendwann aus den Regalen verschwunden sein. Die Angst vor dem Virus ist nur groß, wenn der Hunger gestillt ist. Wer am Verhungern ist und verzweifelt, schert sich nicht mehr drum, ob er sich womöglich mit einem beschissenen Virus anstecken wird. Covida nickt. Solange sie Whiskas und Joghurt und Milch bekommt, ist ihr ebenfalls alles egal. Ich denke an all das Futter für sie und die Hunde, dass ich gebunkert habe. Wer meinen Vorratsschrank aufmacht, wird staunen: Eine Packung Reis, eine Packung dhaal, fünf große Tüten Pedigree, 3 mal Drools und solange Whiskas, bis Joe Exotic aus dem Gefängnis entlassen wird.
Ich bekomme Hunger. Im Garten höre ich die reifen Cashews von den Ästen fallen. Plopp, Rumms. Es ist Zeit, die Ernte einzufahren.

Tamil Nadu

Tamil Nadu. Ich bin mir nicht sicher, ob eine frühere Version meiner selbst schon einmal hier lebte, tief im Schoße einer Zeit und verlorenen Sprache, von der ein Dennis Freischlad nichts mehr wissen kann – oder ob ich die letzten 18 Jahre nur zu oft durch diese Dörfer und Landstriche gereist bin. Aber dies mächtige, brachiale, hartsonnengegerbte und mondträumende Land, das sich so ehrfurchtsvoll hingibt an die Gesamtbedingungen des Lebens: Auf der ganzen Welt gibt es keinen anderen Ort, der mir so bekannt ist.
Die sich am Horizont in großen Felsen aufhügelnde Erde, ins Auge getupft durch den Reigen der Palmen und Banyans, das schillernde Grün der Reisfelder nach dem Monsun, die Lehmhäuser und Keethütten, hinter denen die Tempeltürme das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde wahren. Der Sommer hat sich Berge von Wassermelonen an den Straßenrand getürmt, große grüne Perlen, die man vom Erdboden gekratzt und zwischen die ewigen Tamarindbäume gerollt hat, weise Beschützer, die uns aufnehmen unter ihre mächtigen Kronen. Stumm wachen sie über all diese Dörfer, in die seit Jahrhunderten keine Zukunft eingezogen ist, sie erzählen das gleißende Himmelsblau, den Schweiß, den kommenden Regen, das Warten auf die Zeit und alle Traumbarkeiten, die ein menschliches Herz aufbringen kann. So, wie es das Auge sieht, existiert das Land schon seit Jahrtausenden, eine Ur-Version von Acker, Grün, Bulle und Heim, greifbar wie eine Fotografie, von der nur der Staub zu pusten ist. Eine erste Erde. Ein Land so ewig und unwandelbar wie die Bilder, von der sich allein die eigene Seele zu berichten weiß.

Corona Chronicles 3 (Teil 2/2)

Mohammed hatte nicht gelogen. Die kleine Straßensperre, welche die Schwererziehbaren davon abhalten soll, die größere Polizeikontrolle auf dem Highway zu umgehen, ist direkt vor seinem Haus über die Straße gespannt worden. In das mehrfach um zwei Palmen gewickelte Seil, die freie Passage verhindernd, haben die Verantwortlichen dann noch ein paar Äste und anderweitig Vertrocknetes geworfen, Zeugs, was man eben so am Straßenrand findet. Ein passendes Symbol für die Organisation, mit der man den Lockdown von 1,3 Milliarden Menschen offenkundig nicht organisiert. „Corona Welcome“ steht auf einem Tor nebenan. Wenn es einen Chronisten der Absurdität gäbe, Material fände er reichlich im großen Mudaliyarchavadi.

Ich lebe bereits zu lange in Indien: Mein erster Reflex ist, den Wegversperrer einfach runter zu reißen, so, wie in Indien jegliche unbewachte Absperrung sofort aus dem Weg geräumt wird, wenn und weil sie im Weg steht. Doch Corona-Zeiten sensibilisieren. Ich parke Lotta und klettere über das Seil. Mohammed und die Kinder sitzen im Garten, neben ihnen ein riesiger Haufen Kokosnüsse: Die Ernte, die jetzt niemand mehr abholen kommt.

Mohammed sagt: „Kinder schaut, der Corona-Teufel höchstpersönlich“. Zu einem großen Haufen zusammenumarmt stehen wir da und kichern wortlos über all das, was uns so bewegt, über das Vorhandensein von Viren, die wir nicht sehen, Verordnungen, an die wir nicht glauben, über Sonne Mond und Sterne, die nicht wissen, dass es uns gibt. Ich merke, wie lange ich niemanden mehr umarmt habe. Die Kinder sind fett geworden. Ich sage: Wie kann es sein, dass ihr immer fetter werdet, und sie schlagen sich fröhlich auf die dicken Bäuche und holen mir Kekse und rasgulla. Ihr Vater verschwindet, um Chai zu kochen. Die süß-milchige Pampe lässt vergessen, dass ich nicht weiß, ob vielleicht nicht doch der Mond über uns nachdenkt.
„Its a real shitshow“, sagt Mohammed und zückt sein Handy. Zum Vorschein kommt Pondicherrys Chief Minister Narayanasamy, der in einer Videobotschaft verkündet, alle Wege der Ausländer raus aus Auroville seien gesperrt, und er habe Teams hineingeschickt, um jeden vellakara, jeden Weißling testen zu lassen. Dann verkündet er noch, der Patient, der in Pondy angeblich an Corona gestorben ist, sei gar nicht an Corona gestorben, sondern genesen und aus schierem Unglück zwei Tage darauf an einem Herzinfarkt gestorben.
Mohammed drückt das Video weg.
„It is such a beautiful day. Lets go to the beach!“

Der zugemüllte Pfad zum Strand: Unten liegen das Plastik und die Bierflaschen, auf Augenhöhe hängen die rosa Blüten der Bougainvilleas, oben eine weite Kuppel schweigenden Blaus. Drei Tage ohne das Meer reichen aus, um bei seinem Anblick wieder in unermessliches Staunen zu verfallen. Nur eine infinitesimale Linie trennt das Wasser von Himmel. Wenn man sie lange genug im Auge behält, geht sie verloren. Ich erinnere mich, dass Horizont vom griechischen hóroz abstammt. Die Grenze. Dabei ist er genau dieser nie zu fassende Ort, in dem sich alles auflöst.
Trotz Ausgangssperre ist der Strand voller Menschengruppen. Ferienstimmung, verkündet Mohammed. Von Lockdown oder social distancing nicht die geringste Spur, die jungen Männer werfen sich durchs Wasser, als gelte es jetzt mehr denn je, das Leben zu feiern. Zwei Stunden verbringen wir im Wasser. Das Meer ist unser Spielzeug, unsere Mutter, unser Gebet: Meine Sorgen, mit Lotta nicht wieder nach Hause gelangen zu können, erreichen mich hier nicht. Erschöpft und glückselig torkeln wir schließlich zurück, diesmal jedoch durch eine gänzlich veränderte Stimmung. Der späte Nachmittag hat die Menschen aus ihren Häusern und Hütten hervorgeholt, das halbe Dorf ist auf der Straße, die Bewohner sitzen zusammen und blicken uns wortlos hinterher. Und doch ist etwas anders. Kurz bevor wir Mohammeds schützenden Garten erreichen, fällt es mir auf. Keine Musik. Kein Lachen. Kein Hundegebell und keine herumtobenden Kinder. Stille inmitten eines unablässigen Dorfes, Stille in den Augen all dieser Gesichter.
Sollten wir denn eigentlich nur für das Nötigste das Haus verlassen, nur für Lebensmittel und den Apothekengang? Es sind Worte, die aus meinem Mund kommen, und Mohammed schmunzelt sein allerbestes Schmunzelgrinsen. Er weiß, dass es eine rein rhetorische Frage ist und nichts und niemand auf dieser Welt eine Antwort geben muss. Trotzdem legt er mir lachend die Hand auf die Schulter und sagt: My brother. We are not Germany or France. We simply do it the Indian way.

Bevor wir durch sein Tor treten, ruft uns seine Nachbarin, eine alte, in sich verschrumpelte Frau, zurück. Woher kommt der? Die Frage gilt mir. Ihr Schrumpelzeigefinger versucht, aus sicherer Entfernung meinen Kopf zu finden. Er ist schon seit vier Monaten im Land, antwortet Mohammed auf tamilisch: noch vor Corona. Wir warten, ob noch was kommt. Die Alte aber ist verstummt. Schweigend schluckt sie seine Antwort herunter und starrt uns an, bis wir im Garten verschwunden sind.
Nach einer erneuten Runde Chai und der obligatorischen Videospielstunde mit den Kindern, die von dem ganzen Corona-Gequatsche zumindest äußerlich unberührt bleiben, mache ich mich auf den Rückweg. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass man die Seil-und-Müll-Straßensperre ans andere Ende der Straße versetzt hat, hinter Lotta. Den Weg, den ich gekommen bin, hat man mir somit abgeschnitten. Als ich alleine durch die schmalen Gassen des Dorfes fahre, fällt mir der Schutz auf, den ich in Begleitung von Mohammed noch hatte. In meiner persönlichen Geschichte mit Indien muss ich lange zurückgraben, um mich an solch feindselige Blicke zu erinnern. Und dass nun ausgerechnet hier, in meinem Zuhause, in meinem Indien, meinem Tamil Nadu, in meinem Periyarmudaliyarchavadi, wo ich so viele Freunde und Bekannte habe, wo mir sonst nur lachende Gesichter entgegenfliegen! Kaum kann ich es begreifen. Die Menschen halten sich Mund und Nase zu, wenn sie mich sehen, ziehen sich das Shirt vors Gesicht und schreien mich an, ich solle verschwinden. Die erste Kreuzung, von der aus ich den Highway erreichen könnte, ist gesperrt, ebenso die Parallelstraße, wo man bei meinem Anblick in die Häuser flüchtet. Erst die letzte Straße, die aus dem Dorf führt, ist frei. Ich stehe auf dem erst kürzlich frisch geteertem Highway und niemand ist da. Was für ein bizarres Nichts und was für eine gewaltige Entfernung zur bekannten Welt, von der ich nicht weiß, ob sie auf einer dieser neuen Bühnen, die sich die Welt gerade zimmert, jemals wieder erscheinen wird.
Da mich im Norden eine Polizeiblockade erwarten wird, klappere ich die mir bekannten Schleichwege ab, die hinauf nach Kuilapalayam und Auroville führen. Nach den ersten Kurven ist überall Schluss. Die Dorfbewohner oder die Behörden haben mit Baumstämmen oder Betonklötzen die Straßen verbarrikadiert. Ich könnte es über Pondicherry versuchen, ahne aber, dass mich dort ebenfalls die Polizei erwartet. Also biege ich erneut auf den gespenstisch leeren Highway. Richtung Norden also! Mir bleibt keine Wahl. Um die Mango-Hill-Road zu erreichen, muss ich an der Straßensperre vorbeikommen.

Vor drei Jahren bin ich mit einem befreundeten Italiener die Küste runter nach Rameshwaram gefahren. Kurz vor der heiligen kleinen Stadt ignorierte ich, der ich in dem Augenblick gerade vorausfuhr, eine mich heran winkende, jedoch harmlose Polizeisperre – und ging davon aus, dass mein Kumpel es mir gleich tat. Mit Entsetzen sah ich im Rückspiegel, wie er tatsächlich anhielt. Ich wartete in sicherer Entfernung. Als er schließlich frei gelassen wurde und neben mir stand, keifte ich ihn an, was ihm denn einfiele, an einem Polizeicheck stehen zu bleiben! Vielleicht bin ich bereits zu lange in Indien. Aber wie jeder normale Bürger dieses Landes habe ich gelernt, den Kontakt zu der Polizei auf das unumgänglichste Minimum zu beschränken. Was sonstwo als Gesetzesbruch interpretiert werden könnte, ist in Indien, wo man sich vor der Polizei mehr fürchten muss als vor Verbrechern, reiner Überlebensinstinkt. Niemals würden jene „Gesetzeshüter“, die an die Straßenposten kommandiert werden, auch nur den kleinen Finger rühren, wenn man freundlich grüßend an ihnen vorbei  rauscht. Es ist ihnen vollkommen egal. Und jene, denen es nicht egal ist, fallen gewiss nicht unter die Philanthropen, was nur ein Grund mehr ist, sich erst recht aus dem Staub zu machen. Unter dem Ausnahmezustand und den beispiellosen Umständen, die wir gerade erleben, bin ich mir jedoch sicher, dass auch diese eingefleischte Ordnung gerade ihr Ende erlebt. Ich spüre eine große Welle Angst in mir aufsteigen und weiß nicht wohin damit.
Ich hätte mir irgendetwas Sinnvolles zurechtlegen sollen. Aber als ich an acht empörten und lathischwingenden Beamten vorbei rase, schreie ich nur: „I am going!“. Dazu lächele ich und werfe den linken Arm kreisend zum Himmel, um mit dieser dämlichen Geste anzudeuten, dass ich nicht lüge und in der Tat irgendwo hinfahre. Mein Herz rast. Ich schalte in den vierten Gang und treibe Lotta an ihr Maximum. Als mich am Fuße der Mango-Hill-Road kein Roadblock erwartet, weiß ich, das Schlimmste geschafft zu haben. Bei der ersten Gelegenheit biege ich von der Straße in einen der unzähligen Waldwege, um auf einer umständlichen aber sicheren Route nach Hause zu gelangen. Trost gibt es hier keinen. Trotz Covida, die ihre Abendportion Hundefutter erwartet, trotz des vermeintlichen Friedens und der Stille oben auf meinem Dach, auf dem ich warte, bis sich die Sonne in den zartesten aller Farben von ihrem Planeten verabschiedet. Fort und verschwunden hinter dem Horizont, dieser harten und unverrückbaren Grenze.

Ich schlafe beschissen. Meine Rituale, mit denen ich stets den Tag beginne, helfen kaum, mich wieder in gewohnte Bahnen zu lenken. Ich setze mich in den Garten. Was für ein prächtiger Morgen, zöge man den Spuk hinter meiner Stirn von der leichtfüßigen Sonne und dem frischen Grün ab, das mein winziger Neembaum sorglos aus seinen Ästen treibt! Covida schnurrt mir um die Füße, Covida bekommt ihre Milch, Covida legt sich hin, um den Tag zu verdösen. Vielleicht sollte ich von ihr lernen, mich ausstrecken, hinlegen, dahinschnurren, den Kopf auf die Hände betten und warten, immer, immer nur warten, bis sich die Dinge verändert haben oder alles so bleibt. Ob ich mir ein anderes Motorrad besorgen sollte, damit man nicht erkennt? Haben sie sich mein Gesicht gemerkt? Mein Nummernschild? Sollte ich nur noch mit Turban auf Lotta unterwegs sein und mit Maske? Ich sollte das alles vergessen, Katze werden und liegen. Vielleicht würde man öfter vor sich hin dösen, wenn es dafür ein besseres Wort als dösen gäbe. Dösen hört sich ein wie das Öffnen von Dosen. Covida reckt sich, rollt sich auf den Rücken und streckt die Beine von sich. Ich aber sehe mich nach Lottas Schlüssel greifen …
Auch wenn ich mir gestern Abend noch geschworen hatte, die nächsten Tage Haus und Garten nicht zu verlassen, fahre ich zu Ramalingam, um in meinem Stammlokal zu frühstücken. Trost. Alles, was ich will, ist Trost. Sein Farm-Restaurant, nur eine Minute entfernt, ist einer der wenigen Speisestuben, die noch für ihre Gäste kochen. Die Verordnungen sagen, dass man sich das Essen nur in Behältern abholen darf, aber wir wären nicht in Indien, wenn Ramalingam nicht auch die weitaus bessere Möglichkeit anböte, als ehrenwerter Stammkunde bei ihm sitzen zu bleiben – mit dem nötigen social distancing versteht sich!
Wir trinken unseren Chai und quatschen. Ich erzähle ihm von meiner gestrigen Tour. Er winkt ab. Alles halb so wild, das Entscheidende sei, pranayama zu üben. Es ist seine Antwort auf alles schon immer. Er lehnt sich in seinem Boss-Stuhl zurecht, räuspert sich und fährt fort. „Wir müssen unseren Atem kontrollieren. All diese dumme Panik wegen diesem Virus, der keine Chance hätte, wenn wir auf unsere Gesundheit achten würden. Und unseren Atem. Ein halbe Stunde am Tag reicht. Es ist ein Lungenkrankheit, oder? pranayama gibt es schon so lange, aber selbst wir Inder praktizieren es nicht, lieber sind sie jetzt alle in Panik. Dummköpfe! Reinigung des Rachens, der Atemwege, dann atmen, atmen, und Bewusstsein, gut essen, kein Gift. Mehr braucht man nicht tun.“
Mittlerweile ist auch Ashok eingetroffen und bekommt seine Idlis.
Gerne würde ich ihnen das mit dem Dösen erzählen.
„Übst du pranayama“, wendet sich Ramalingam an Ashok, „praktizierst du als Inder indisches Wissen?“
Ashok schüttelt lachend den Kopf.
„Ich atme so oder so“, sagt er, „what more shall I do!“
„Dummkopf“, sagt Ramalingam und lehnt sich nach vorne, um auf den Tisch zu pochen. „Aber meine Idlis sind die besten, sie werden dir schon das Leben retten.“
Er bestellt noch eine Runde Chai für uns alle. Was folgt, sind die üblichen Konversationen über die Corona-Maßnahmen. Nationenübergreifend sind wir uns selbstverständlich einig, dass die Politiker korrupte Idioten sind. Seit zwei Tagen gibt es eine neue Verordnung, die besagt, dass alle essentiellen Geschäfte, die noch öffnen dürfen – Supermärkte, Tankstellen, Apotheken – nur noch drei Mal am Tag für jeweils eine Stunde öffnen dürfen. Ich konnte es nicht glauben, als ich gestern davon las. Nur in Indien wird es passieren, dass man Menschenansammlungen verhindern will, indem man alle gleichzeitig an einen Ort schickt!

Ramalingam verabschiedet sich aus unserer Unterhaltung, indem er an seinen Chef-Tisch zurückwackelt, die Augen schließt und zu summen beginnt. Mantras purzeln von seinen Lippen. Er atmet. Er stockt die Lungen auf und merkt nicht, wie ein hochgewachsener Polizist das Restaurant betritt.
Ich erkenne ihn sofort. Vor ein paar Tagen war er schon einmal hier. Als er den durch die Nasenflügel pumpenden Ramalingam sieht, verzichtet er darauf, ihn zu begrüßen, und setzt sich an unseren Tisch. Ein hochgewachsener, schöner Mann mit wachen Augen, keiner von diesen wampigen Pöbelpolizisten, die sich den ganzen Tag nur mit Chicken vollstopfen. Ashok tunkt seinen letzten Idli ins Chutney und tut, als sei er nicht da. Instinkte. Der Polizist bestellt. Ich bewundere seine Haare, die leicht wie Wolken auf seinem Kopf herumfedern, sobald er sich bewegt. Langsam klopft er den Staub aus seiner Uniform, die nicht dreckig zu sein scheint, und schiebt seine Mütze auf dem Tisch hin und her.
Wo ich herkomme, fragt er.
Nur einmal schnell schaut er mir direkt in die Augen, dann entweicht sein Blick.
Deutschland. Aber die meiste Zeit lebe ich hier.
In Auroville?
Sozusagen.
Kickboxer?
Er zeigt auf mein T-Shirt. Das rote Leibchen, dass ich von der tamilischen Kickboxing Association bekommen habe und deren Logo trägt, hat also seinen Zweck bereits erfüllt. Ich habe mir vorgenommen, alles auf den tamilischen Volksstolz setzend, nur noch dieses Oberteil zu tragen, immerhin steht auf dem Rücken in leuchtenden Buchstaben TAMIL NADU, INDIA. Wenn das keinen Polizisten, der mir eventuell an den Kragen will, weich und brüderlich stimmt, dann weiß ich auch nicht.
Ich bejahe. Eine glatte Lüge, aber es gilt, die Deckung oben zu halten.
Warum bist du hier, fragt er.
Hier in Auroville?
Hier in Indien. Warum nicht in Deutschland, jetzt, wo es überall Corona gibt?
Das hier ist mein zweites Zuhause. Es fällt mir schwer, in solchen Zeiten einfach zu gehen.
Wärst du in Deutschland nicht besser aufgehoben?
Wer weiß …
Jetzt, bei dieser Hitze?
Stimmt, es ist heiß geworden, aber zumindest scheint die Sonne, in Deutschland hat es gestern geschneit. Haben Sie schon mal Schnee gesehen?
Noch nie. Wie ist das?
Nicht so warm wie Sonnenschein.
Er lacht. Er bekommt seine beiden Dosas, isst wortlos, wäscht sich die Hände und setzt sich wieder hin. Ramalingam ist noch immer versunken und brabbelt und atmet. Ashok bewegt sich so wenig wie möglich, als könne er sich durch dieses Manöver tatsächlich unsichtbar machen. Womöglich hat er sogar das Atmen eingestellt. Wenn ich das Ramalingam erzähle …
Der Polizist sagt: Die meisten Menschen wären beruhigt, wenn sie sicher und bei ihrer Familie wären.
Dann steht er auf und reicht mir die Hand. Sein sanftes Gesicht. Und in den Augen eine Anteilnahme und Herzlichkeit, dass ich aus Verlegenheit beinahe laut losgelacht hätte: Schlagartig wird mir klar, dass seine Fragen nicht dazu dienten, mir den Aufenthalt in seinem Land zum Vorwurf zu machen. Er ist lediglich auf seine Art neugierig und weiß nicht, wie genau er die äußerliche Distanz zwischen den Hautfarben, Sprachen und Kulturen überbrücken soll. Das ist alles. Du bist mein Bruder! Das ist alles, was er hat sagen wollen.
Als ich seine Hand greifen will, zieht er sie weg.
Sorry, grinst er, not allowed to touch hand, keep distance to fight Corona-Virus.
Auf Ramalingam zeigend sagt er: Meditation. He is a good man, a wise man.
Als er, ohne zu bezahlen, verschwunden ist, erinnere ich mich an eine ewige und unkaputtbare indische Wahrheit, die ich kurzzeitig vergessen hatte. Alles gerät stets vom Dunklen ins Licht und vom Licht in die Dunkelheit. Und wir sind ausschließlich da, um dies zu bemerken oder nicht. Sonnen-Buddha, Mond-Buddha. The Indian way.

Corona Chronicles 3 ( Teil 1/2)

Ich packe den leeren Kanister aufs Motorrad. Lotta steht nun bereits seit zwei Tagen und ich habe Mühe, die alte Dame zu starten. Ein Dutzend Mal schwingt der Kickstarter ins Leere. Als ich schließlich mit ihr auf die Landstraße einbiege, ist alles bekannt und vorhanden. Die Hitze, der am eisblauen Himmel klebende Stern, die Königspalmen und Tamarinden, die an mir vorbeischnellen in ihrer selbstverständlichen Vertrautheit und alles wissen wie immer: Hier sind wir. Dies ist deine Welt, die Farben, die dich begleiten, dein Schoß und deine treue Erde. Wir blühen, mein Freund, egal, ob es euch allen an den Kragen geht oder nicht!

Es sind fünf Minuten Fahrt bis zur Trinkwasserausgabe, eine Strecke, auf der ich dank Ausgangssperre mehr Kühen als Menschen begegne. Das vollbepackte, beizend-lärmende und unaufhörliche Indien ist zum Stillstand gekommen. Ich parke Lotta und stelle mich mitten auf die Straße. Niemand. Nichts. Kein Geräusch außer der Mittagshitze und dem nassen Wind in den Ästen. Unwillkürlich muss ich an die dutzende Male denken, die ich von Indien nach Deutschland gereist bin. Plötzlich ist das Leben dann wie abgewürgt, die Lautstärke auf Null heruntergefahren und kaum sind Menschen zu sehen, von all der exorbitanten wie allgegenwärtigen indischen Tierwelt ganz zu schweigen; alles ist unendlich verlangsamt und ernüchtert. Niemand und Nichts und nur noch das Knirschen der eigenen Schritte in der deutschen Aufgeräumtheit. Und nun hier! Trotzdem bin ich kaum verwundert: Indien, diese große Allesmacherin, deren höchste Wirkweise die Paradoxie ist, kann selbst jenes Schauspiel, zu dem sie nicht imstande ist.

Tiefer im Herzen eines immergrünen Aurovilles und seiner rostroten Erdstraßen ahne ich bereits all die Tiere, die kurz davor sind, Herrscher dieser verlassenen Waldwege zu werden. Noch trauen sie dem Braten nicht und hocken gurrend in den Büschen. Die Ausgangssperre wird sie zu Jägern machen. Noch zwei oder drei Tage und sie marschieren durch die Gärten und stecken ihre Köpfe durch Fenster und Türen.

Ich fülle den Kanister auf, ich bin alleine. Gerade hier hätte ich Menschen vermutet, immerhin darf man raus, um Wasser zu holen und Essen einzukaufen. Zuhause schaue ich nach den Cashewnüssen, die zum Trocknen auf dem Dach ausgebreitet sind, und spähe den Baum für die heutige Ernte aus. Als der Anruf von Mohammed kommt, ahne ich bereits, dass irgendetwas nicht stimmt. Noch immer sei fast das gesamte Dorf abgeriegelt, all seine Einnahmen seien weggebrochen, die Bank erreiche er nicht. Nur das Meer funkelt am Ende der Straße, um drei Uhr wolle er mit den Kindern schwimmen gehen. Ob ich kommen möchte?

– Ja. Ich bringe etwas Bargeld mit, nur als Reserve, okay?

– Nein brauchst du nicht, alles ok!

– Ich bringe was mit! Bis gleich.

– Nein!

– Bis gleich …

– Bis gleich …

Das Dorf Mudaliyarchavadi wurde einst von einem Mann aus der Kaste der Mudaliyar regiert. Chavadi bedeutet Dorf. Mudaliyarchavadi dementsprechend das Dorf der Mudaliyar. Bevor der in meiner Vorstellung pompös aufgedunsene Mann starb, teilte er sein Reich in zwei Hälften auf und vermachte es seinen beiden Söhnen. Seitdem gibt es Chinnamudaliyarchavadi, das kleine-, und Periyamudaliyarchavadi, das große Mudaliyarchavadi. Warum ich jetzt auf dem Weg ins Letztere an diese Geschichtsschreibung denke? War es nicht Mohammed, der sie mir vor ein paar Jahren erzählt hat, zu einem Zeitpunkt, als es ähnlich heiß war und ich ebenfalls alle paar Tage diese Route nahm, um ihn und seinen Garten und das Meer zu besuchen? Obwohl die Straße frei ist, fahre ich langsamer als sonst. Auf halber Strecke fällt mir auf, dass ich zumindest ein Tuch hätte mitnehmen sollen, um es mir plakativ um Mund und Nase zu binden. Zwei Polizisten kommen mir auf ihren Motorrädern entgegen. Sie stoppen mich nicht und verschwinden wie kleine braune Tierchen im Rückspiegel. Hinter dem nächsten Dorf nehme ich die weniger befahrene, im Volksmund nur Mango-Hill-Road genannte Straße hinunter zum Meer. Kurz vor der letzten Kurve, wo ich endgültig sicheres Territorium verlasse würde, übermannt mich eine derart dunkle Vorahnung, dass ich von mir selbst gezwungen werde anzuhalten. Lotta rattert im Leerlauf weiter in die Stille, sie ruckelt unter meinem verschwitzten Arsch, während ich mich zu beruhigen versuche. Jede Zelle meines Körpers feuert instinktive Warnungen in mein Bewusstsein, aus den oberen Sphären eines wie auch immer gearteten Supra-Geistes folgen die intuitiven. Ich habe keinen Ausweis dabei, von einem Führerschein oder Fahrzeugpapieren, die ich noch nicht mal besitze, ganz zu schweigen. Ich bin nirgendwo registriert und auf keinen verdammten Virus getestet worden wie die übrigen Ausländer hier. Nein! Und ja: Als ich mit letzter Sicherheit merke, meine Fahrlässigkeit diesmal Ernst zu nehmen, erinnere ich mich gleichzeitig daran, dass ich eben fahrlässig bin und niemals behaupten würde, kein Volltrottel zu sein, der sich guten Gewissens seinen Dummheiten überlässt. Fuck it. Alle großen und unverzichtbaren Erlebnisse meines Lebens beruhen darauf, die Neugier und das Gottvertrauen über die Vernunft gestellt zu haben. Die meiste Zeit geht das schief. Jene Augenblicke aber, in denen tatsächlich gelingt, was nicht sein soll, haben bislang den Wert meines Lebens bestimmt.

Wie im Traum sehe ich mich in den ersten Gang schalten und nach Periyamudaliyarchavadi hinuntergleiten.