Corona Chronicles 5 – Isolation Spezial

Selbst jetzt, genau ein Jahr nach meiner Rückkehr auf die Erde, besitzt das Staunen noch immer eine andere Qualität. Als ich nach drei Monaten Schwerelosigkeit wieder auf der Oberfläche einer verlebendigt durch das endschwarze Nichts des Universums driftenden Gesteinskugel stand, hatte ich die ersten Tage das Gefühl, der Himmel sei ein zweiter, gasblauer Planet, der extrem dicht an den Baumgrenzen schwebte. Er wog und drückte und war schön und gefahrenreich. Dieses Gefühl hat sich mittlerweile verflüchtigt; der Rest ist geblieben. Das Unverständnis über eine fundamental vorhandene Welt, die bis in ihre letzten Wipfel und Atome beseelt ist mit Wachstum und sprachlos machender Schöpfungskraft, mit Blüten und Welktum, Geburt und Zerfall, Geist und Materie. Nichts von alledem, was uns umgibt, ist selbstverständlich. Keine Farbe, keine Erythrozyten, keine liederhaften Elegien oder eine ewige Gegenwart, über die wir nie hinauskommen. Das Vorgefundene ist so wundergleich wie das schlichte Blau des Himmels, und gerade jene Gewöhnlichkeiten, die uns am vertrautesten erscheinen, sind bei genauerer Betrachtung nichts als die ersten und letzten Geheimnisse einer sich stets aufs Neue offenbarenden Welt.
Vor vielen Jahren verbrachte ich ganz in der Nähe, in den kühlen Bergen Tamil Nadus, den Sommer in einem Zen-Meditationszentrum, das über eine wunderbare Bibliothek verfügte. In den „Aufzeichnungen der blauen Klippe“ las ich damals jene Strophen, die mich seitdem überall hin begleiten, ob zum Mars oder nach Indien:

Before attaining enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

At the moment of enlightenment,
mountains are no longer mountains, nor are rivers rivers.

But after accomplishing enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

Ich Frühjahr letzten Jahres nahm ich an einer Schwerelosigkeits-Studie der Nasa teil. Von insgesamt drei Monaten Isolation, die ich und elf andere „terrestrische Astronauten“ in einem Weltraumforschungszentrum verbrachten, mussten wir zwei Monate ununterbrochen im Bett verbringen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Füße. Acht Wochen lang sind wir kein einziges Mal aufgestanden. Alles, auch das Essen, Duschen, Trinken, die Toilettengänge, Zentrifugenfahrten und die zahlreichen Experimente fanden in dieser Kopftieflage statt. In naher Zukunft wird man die ersten Menschen zum Mars schicken, und wir konnten unseren Anteil dazu beitragen, dass dieses größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte erfolgreich sein wird, indem wir diese Reise auf unserem simulierten Raumschiff vorwegnahmen.

Neben all den körperlichen und psychischen Herausforderungen, die solch eine Isolation beinhaltet, hatte ich vor allem damit zu kämpfen, die „natürliche Welt“ zu vermissen. Gegen Ende der Studie merkte ich eindeutig, wie mich das ununterbrochene Drinnen-Sein zu entkräften begann. Mein Weltenraum war weißwandig, steril, klimatisiert. Alles in mir verlangte nach Farben und ungefilterter Luft, nach der Stille der Wälder und den Salzwinden der Meere, nach einem großen, großen Atem. Kurz: nach ebenjenem planetarischen Bezug, der bislang für all meine wahren Stunden verantwortlich war.
Im Laufe der Mars-Isolation träumte ich von all der Normalität, die ich zur Zeit, während meiner sechswöchigen Ausgangssperre in Indien, reichlich besitze. Der wunschlose Himmel über meinem Kopf, das wuchernde Farbenspiel eines südindischen Sommers und seiner gärenden, räuchergeweihten Lüfte, die schockierende Hitze und ein übermächtiger Mond, der lautlos durch die Sternenklarnächte steigt. Seitdem es zu heiß ist, um drinnen zu schlafen, habe ich mein Nachtquartier auf dem Dach aufgeschlagen, die Augen ungläubig auf die Ewigkeit gerichtet, die sich hier von Horizont zu Horizont erstreckt. Selbst der Mars klebt stecknadelgroß im Heuhaufen der Sterne, der meine allnächtliche Decke ist.
Viel mehr kann man nicht verlangen, ohne den Zorn Gottes auf sich zu ziehen. Und dennoch: Nach vier Wochen indischem Lockdown fühle ich mich beengter als während der absoluten Bewegungslosigkeit der Marsreise, dem fremdbestimmten Stilleliegen auf den 2,5 qm² meines Bettes. Es ist vor allem ein Aspekt der erneuten Isolation, der mir besonders zu schaffen macht: Die Einschränkung der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.
Das Gefühl dieser Hilfslosigkeit ist unbekannt. Selbst, wenn ich dringend ins nur wenige Kilometer entfernte Pondicherry fahren müsste, weil ein Freund im Sterben liegt, könnte ich es nicht. Überall sind die Straßen abgeriegelt, die Polizei konfisziert Motorräder und verhängt heftige Geldstrafen, ganz zu schweigen von den easy aus der Gelenkschmiere indischer Hüftknochen hervordreschenden Stockschläge, die gülden auf die eigenen Gliedmaßen niederfahren, sobald man in Schlagweite gerät. Und was, wenn meinen Großmüttern oder Eltern in Deutschland etwas geschehen würde? Womöglich wird es noch Monate dauern, bis ich das nächste Flugzeug nehmen kann, obwohl ich kerngesund bin. Somit ist es also geschehen. Seit zwanzig Jahren reise ich permanent um den Planeten, doch zum ersten Mal ist mir im großen Stile die Freiheit genommen, mich einfach auf den Weg zu machen, um irgendwo verloren zu gehen.

Der Unterschied zum Vorjahr lässt sich kaum überbewerten: Als ich die Nasa-Studie antrat, gab ich meine Freiheit freiwillig ab. Drei Monate lang keinen Sonnenstrahl in den Händen zu halten, fast nur kopfunter im Bett, kein Alkohol oder sonstige Genussmittel, strenge Essens- und Schlafvorgaben, Muskelatrophie, Knochenabbau und der Verlust meiner Fähigkeit, auf zwei Beinen zu stehen? – kein Problem, solange es meine Entscheidung und ich willens war, diese Herausforderung anzunehmen. Aber gezwungen zu werden, seine Freiheiten aufzugeben und zehn Anti-Corona Maßnahmen befolgen zu müssen, von denen acht hoffnungslos sinn- und wirkungslos sind? Den Verlust von etlichen Grundrechten zu ertragen, ohne zu wissen, wann und ob jene Sonderregelungen wieder von Menschen außer Kraft gesetzt werden, die vor allem am Ausbau ihrer Macht interessiert sind? Das Leben nun völlig in den Händen von Politikern und Polizei zu wissen, den stets mangelhaften Kräften eines nicht sonderlich altruistischen Staatsapparates, der mehr an der kompletten Überwachung seiner Bürger interessiert ist als an Fürsorge oder gar „Gesundheit“?

Aber es hilft nichts: Ich muss heute dieselben Methoden anwenden wie vor einem Jahr, um jene Dinge zu akzeptieren, welche ich gerade nicht ändern kann. Selbst ohne Isolation gibt es niemals eine andere Aufgabe als die vollkommene Hingabe an die So-oder-so-Welt. Im Buddhismus spricht man vom Sonnenschein-Buddha und Mondschein-Buddha, um klarzustellen, dass all unseren holden oder dunklen Gefühlszuständen letztendlich ein und dieselbe Wahrheit zugrunde liegt: die Vergänglichkeit.

Meine ersten beiden Jahre in Indien und Sri Lanka verbrachte ich fast ausschließlich in Klöstern und Meditationszentren. Tausende Stunden Meditation und das Studieren von Zen-Texten und des Hinduismus haben mich weiß Gott nicht weise gemacht, aber hoffentlich doch das Entscheidende gelehrt.
In Meditationssitzungen geschieht das, was wir auch aus der Isolation kennen: Ohne die Chance zu haben, vor sich selbst zu fliehen, ist man mehr denn je auf genau dieses Selbst zurückgeworfen. Es gibt keine Beschäftigung mehr, in die man sich und seine Überzeugungen retten kann, keinen Ausweg, den der Geist aus dieser Stunde zu nehmen weiß. Es gibt nur das, was gerade ist – oder eben zu sein scheint. Im radikalen Vorhandensein mit sich selbst rückt somit jene Identität in den Fokus, die man ein Leben lang voraussetzt, ohne sich ihrer überhaupt versichert zu haben: Das Ich.
Die erste Lehre der Meditation ist zugleich die entscheidende. Unnötig davon zu sprechen, dass es dem blanken Verrauschen im endlosen Schwebezustand des Nirwanas bedarf, wenn für eine gewaltige Einsicht, die ein ganzes Leben verändern kann, allein die allererste Erkenntnis der Meditation genügt. Jeder Übende merkt schneller, als ihm oder ihr lieb sein kann, dass man weder Herr noch Herrin im eigenen Hause ist und dass die Person, die man zu sein glaubte, nicht existiert. Es ist eine Erfahrung, die, am Senkblei von Panik und Euphorie befestigt, bis auf den Grund der Knochen und in die tiefsten Wasser der Seele zu sinken vermag. Ich bin nicht die Dinge, die ich denke und fühle! Gedanken, Erinnerungen, Wünsche und Emotionen rauschen durch mein Bewusstsein, wo sie lediglich wahrgenommen werden. Aber von wem? Von mir? Von einem substanziellen Ich? Wer ist dann dieser Zeuge, dieses ominöse Ich-Subjekt, das den unaufhörlich kommen und gehenden Eindrücken gegenübergestellt wird, den Regungen eines fremden Willens, die man mit aller Anstrengung weder zu stoppen oder zu kontrollieren vermag?
Es ist genau diese Identifikation des Beobachters mit den Beobachtungen, welche die Buddhisten nicht nur als Illusionen entlarvt haben, sondern auch als denjenigen Akt beschreiben, der für jedwedes Leid verantwortlich ist. Hat der Meditierende zum ersten Mal Abstand genommen von den zu beobachtbaren Objekten des eigenen Geistes, die wie Wolken über einen strahlend blauen Himmel schweben, folgt bereits der nächste Schritt: Das vollkommene Hineinsinken in dieses Zeugen-Bewusstsein, das in der Allesgesamtheit der Welt weder das eine noch das andere ist. Es ist ein ewig vorhandener Geisteszustand, ein Sein hinter allen Formen des Seienden, das namenlos bleiben muss, weil es mit einer Sprache, die sich um die beobachtbaren Phänomene der dualistischen Weltwerdung rankt, nicht zu bebildern ist. Friede, Liebe, Gott, göttliches Bewusstsein, Shiva – all dies sind vollkommen richtige und falsche Worte. Im Wumenguan, einer Sammlung von Koans und den dazugehörigen Kommentaren großer Zen-Meister, findet sich diese Strophe:
„Wer über Falsch und Richtig spricht,
ist ein Mensch des Falschen und Richtigen.“
Wenn wir auf eine Welt stoßen, in der die Sprache nichts mehr zu beworten hat, sind wir angekommen. Womöglich sogar im Ich, das sich als nicht lokalisierbar erweist.

Insgesamt verbrachte ich drei Monate im besagten Meditationszentrum. Ein Mal am Tag konnten die Schüler die Meditationshalle verlassen, um eine Minute mit dem Meister alleine in seinem kleinen Raum zu sitzen. In der Zen-Tradition werden dem Schüler Koans aufgetragen, paradoxe Rätsel, die nur zu „lösen“ sind, wenn der Schüler die gewöhnliche Pfade, die der Verstand einzuschlagen pflegt, tunlichst Richtung Satori (plötzliche Erleuchtung) verlässt.
Auch ich hatte ein Koan bekommen, ohne mir große Mühe zu machen, es zu lösen (vielleicht war ja genau dies das Geheimnis!). Jedenfalls genoss ich den täglichen Gang aus den teilweise anstrengenden Meditationssitzungen runter in den Raum des Meisters, wo wir uns für gewöhnlich schweigend und grinsend gegenübersaßen. Nach einer Minute klingelte er sein Glöckchen, wir verbeugten uns voreinander und ich watschelte zurück. Eines Tages aber wollte ich ihm doch irgendetwas sagen oder präsentieren, obwohl ich wusste, dass ich keine Antwort parat hatte. Keine Antwort zu haben war wahrscheinlich auch nicht die richtige Antwort, aber wer konnte das schon wissen. „Nun?“, sagte er und grinste, als ich vor ihm Platz nahm. Ich begann mit der Lösung des Koans. Sobald ich fertig war, brach er in schallendes Gelächter aus, so mächtig und ansteckend, dass ich nicht anders konnte als mit ihm zu lachen, so lange und so hart, bis ich seitwärts von meinem Kissen viel. Wer schon einmal vor seinem Zen-Meister zusammengekrümmt und Tränen lachend am Boden lag, während dieser ebenfalls so fertig ist, dass er sich den Bauch halten muss und seine ganze Stirn voller Schweiß steht, ja, der kann getrost vergessen, dass es Koans und das ganze Zen-Zeugs überhaupt gibt.
Es war einer der besten Momente meines Lebens. Unser Lachen schallte durch die gesamte Anlage. In den nächsten Tagen wollte jeder von mir wissen, was genau passiert war. Meine Kollegen nahmen an, wir hätten alle möglichen Ich-Bände durchbrochen und seien wie auf einem DMT-Trip durch die Vernichtung unseres Bewusstseins gesegelt, um hellerleuchtet auf keiner anderen Seite wieder aufzutauchen. An diesem Tag ging ich nicht wieder zurück in die Halle, sondern marschierte hysterisch lachend zum Tor hinaus und in den angrenzenden Wald. Als ich unter dem Torbogen stand, konnte ich meinen kreischenden Meister hören, der tatsächlich sein Glöckchen klingelte. Es war das Zeichen: Unsere Sitzung ist beendet.

Diese Lektion mit meinem Meister hat mich gelehrt, nichts zu ernst zu nehmen, schon gar nicht die sogenannte Erleuchtung. Wer über Falsch und Richtig spricht, ist ein Mensch des Falschen und Richtigen. Jahrelang versuchte ich, die eigenen Urteile und Begierden zu bekämpfen, bis ich endlich verstand. Ich kann getrost den lieben langen Tag Urteile fällen, richtige und falsche, solange ich weiß, dass es eben nur Urteile und keine Wahrheiten sind. Das alles ist ein verdammtes Spiel! Ich kann alles sein, denken und sagen, wenn ich nicht in die Versuchung gerate, mich in meinen Identifikationen zu beheimaten. Die Welt ist von größter Bedeutung und gleichzeitig null und nichtig. Eine ergreifendere Wahrheit gibt es nicht. Nichts ist von Dauer. Die gesamte Welt ist vergänglich, zum Untergang verurteilt und doch stets gegenwärtig in ihrer allzu göttlichen Gestaltung, ihrer sich offenkundig auswesenden Liebe. Ob die Flüsse nun Flüsse sind oder nicht, ist reine Dialektik.
Die gegenwärtigen Quarantänebedingungen sind unangenehme Zeiten, die uns an den einzigartigen Umstand erinnern, so schlicht wie ergreifend lebendig zu sein. Was für eine Chance: Wann, wenn nicht in solch außergewöhnlichen Zeiten, gibt es noch die Möglichkeit, sich des Außergewöhnlichen zu versichern?

Corona Chronicles 4

Es ist genau eine Woche her, da rief Ministerpräsident Modi in gewohnt ernsten und zugleich hochsentimentalen Tönen sein milliardenstarkes Volk dazu auf, flammenumwoben im Dunkeln zu hocken. Um genau neun Uhr Abends sollte jeder Inder für neun Minuten den Lichtschalter umlegen und eine Kerze anzünden – oder, in Ermangelung einer Kerze, hochachtungsvoll mit der Taschenlampenfunktion des Handys herumwedeln. Ein Zeichen der Solidarität und des Gemeinsinns, staatsmännisch abgekupfert von fernen Ländern, wo man sich ob der Undurchführbarkeit real performbarer Solidarität für die tägliche Klatschparade, den Körper bereits schwerelos gemacht mit Gin und Chardonney, auf Balkonien einzufinden pflegt.
Böse Zungen werfen dem Ministerpräsidenten nun abermals vor, blinden Auges jene Maßnahmen zu kopieren, die der verherrlichte Westen umsetzt, und somit keinerlei Augenmaß dafür zu besitzen, wie viele Dimensionen die europäischen/chinesischen von den indischen Wirklichkeiten trennen. Andere oder dieselben bösen Zungen prangern die sprachlos machende Planlosigkeit an, mit welcher die hiesigen Lockdown-Lösungen erzwungen und somit die offensichtlichen Missstände fabriziert wurden, Probleme, die derart abzusehen waren wie der bestialisch ins Land einfallende Sommer. Hunderttausende an stillgelegten Bahnhöfen zusammengepferchte Tagelöhner, die aus den Städten in alle Winkel des Landes des Landes strömen, wären nicht einfach, aber in jedem Falle besser zu verhindern gewesen wären, wenn man schlichtweg die Existenz dieser Menschen überhaupt wahrgenommen und somit für die entsprechende Infrastruktur gesorgt hätte, sie nach Hause in ihre Dörfer zu holen. So führte die Ausgangssperre vor allem dazu, dass sich Millionen von Indern, buchstäblich aufeinandergestapelt und ungetested, auf monströse Wanderungen durchs ganze Land begaben. 1,3 Milliarden Menschen hatten genau vier Stunden Zeit, sich auf ihr neues Leben vorzubereiten, von dem niemand wusste, wie lange es andauern wird. Selbst an den Umstand, dass ein Zuhausebleiben zuallererst ein Zuhause benötigt, hat keiner der Verantwortlichen so recht denken wollen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Inder keine einzige Rupie auf der hohen Kante hat, um den Verlust ihrer Arbeit mal so eben ein paar Wochen absitzen zu können – wer schon kaum überlebt, wenn er einer Arbeit nachgeht und alles gut läuft, was wird dann mit diesem Menschen passieren, wenn es kein staatliches Sicherheitsnetz gibt, welches auch nur die ärgsten aller Nöte aufzufangen weiß?

Das, was nun letzten Sonntag unter holdem Kerzenschein geschah, befruchtete gute und böse Zungen gleichermaßen. Die Verehrer des Predigers Modi, der in ihren Augen gekommen ist, ein zielloses Arme-Leute-Land in ein revitalisiertes, mystisch-stolzes Hindustan zu verwandeln, priesen seine Erkenntnisse der vedischen Astrologie und rechneten auf, warum genau an diesem Datum um diese Uhrzeit für genau diese Länge unter dem Einfluss von Planet XY usw. usf. Es gab zudem Stimmen, die behaupteten, dass der von vielen als Demigod wahrgenommene Modi einen genialen Plan im Schilde führte, der zu groß war, um ihn dem gemeinen Volk zu offenbaren. Das Geheimnis: Durch das Ansteigen der Temperatur, die das gleichzeitige Anzünden von Millionen Kerzen verursacht, wäre dem hitzeanfälligen Virus ratzfatz der Garaus gemacht.
Indien wäre nicht Indien, hätten sich nicht sofort nach der Bekanntgabe des Kerzensolidaritätspaktes die Verantwortlichen der Stromwerke warnend zu Wort gemeldet: Das gleichzeitig Aus- und vor all wieder Anschalten des Stromes könnte zum Zusammenbruch des Netzwerks führen! Ironische Zungen behaupten, es könnte sich nun kein passenderes Schauspiel für das moderne Indien entwickeln als dieses viertel-hypothetische Szenario:
Man befehligt einen Lockdown, ohne über die Konsequenzen beratschlagt zu haben. Das halbe Land versinkt in Chaos. Um die Verzweifelten bei Laune zu halten, gibt es Durchhalteparolen und den Verweis auf die Gerechtigkeit Gottes. Weil man hilflos ist, schwört man sich auf das Nationalgefühl ein, indem sich um Kerzenschein versammelt wird. Durch die enorme Schwankung in Netz bricht die Stromversorgung zusammen. Da es keinen Strom gibt, braucht man Kerzen. Kerzen gibt es keine zu kaufen. Die Betreiber des Stromnetzes werden gelyncht. Modi weist die Inder an, das Mahabharata-Epos nachzuspielen, um den indischen Geist zu stärken. Er befiehlt auch die Anhänger anderer Religionen, sich dem Hindu-Spektakel anzuschließen. Während man die Schlacht von Kurukshetra nachspielt, sterben landesweit rund 63.000 Menschen an den Verletzungen durch Schwert- und Dolchwunden. Doch der Strom kommt zurück! Jubelnde Massen auf den Straßen trotz Ausgangssperre, woraufhin die Ausgangssperre verlängert wird usw. usf.

Nun denn. Pflichtbewusst stieg ich am Sonntag aufs Dach und zündete mir um neun Uhr eine Zigarette an, obwohl ich nicht rauche. Einige der Häuser waren dunkel, andere glühbirnenerleuchtet. Die Nachbarskinder rannten mit den Handys durch den Garten und jagten sich mit dem Lichtstrahl. Über Pondicherry sah man Feuerwerk aufsteigen, überall wurden Böller gezündet. Rumms. Rumms. Bumm! Die Nacht bebte und ich stieg bald wieder nach unten, um zu dieser glorreichen Stunde die Nachrichten zu verfolgen. Und tatsächlich, kaum hätte es ein größeres Geschenk geben können! Ich sah den Moderator von India Today, der in Delhi oder Mumbai auf den hellen Nachthimmel zeigt und ungläubig vor sich hin stammelte: „I don´t understand. People are suppose to light candles, not burst crackers. This is not Diwali. Do so many people have firework at home? They cant buy them now, how many crackers have they stored!? I really dont understand, this is not what Modi had in mind …“
Ich spürte eine immense Freude in mir aufsteigen. Dies sind die Momente, in denen man so vollkommen mit Indien versöhnt ist, als gäbe es überhaupt keine Entsöhnung. Trotz aller Katastrophen und trotz allem Horror, der hier so real ist wie die göttliche Liebe und die Zuversicht: Dies ist nicht Deutschland, nicht die USA oder China, dies ist das einzigartige, in seinen eigenen Ideen- und Wirkungskosmos versunkene Indien, beherrschbar nur durch die Sonnengleiche der Götter, ein Indien mit einem Herz so weit wie Kontinente, ein Supra-Herz, welches sich immer nur dem eigenen Supra-Herzen zu unterwerfen weiß, ob dunkel, ob lichtern, egal. Man tut, was man will und was man in jedem neuen Moment für richtig oder falsch hält, und das war´s. Ende der Story. Die Fernsehbilder sind geradezu himmlisch; ich sitze alleine im Haus und kann nicht anders, als schallend zu lachen und dieses Land zu lieben für immer und ewig. Ich bekomme nicht genug, und die Nachrichten servieren munter nach. Videos von Massenprozessionen, die Schulter an Schulter mit ihren Kerzen durch die Straßen laufen, das Anti-Social-Distancing hunderter Trommler und Tanzender, die sich, ihre Handylichter schwingend, in den Armen liegen und lachen und feixen. Irgendwo haben Jugendliche eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes angezündet und jubeln in die Kamera der schockierten Kameramänner, sie haben es geschafft, es gibt sie nun wirklich, die größte Kerze der Welt.
Ooh Modi, was für ein unerschöpfliches Land liegt in deinen Händen. Kein Mensch kann hier auftauchen, um Indien zu verhindern. Jai Hind! Es ist nicht nur das schlimmste und das beste, sondern auch das unabhängigste Land der Erde.

Am nächsten Tag stehe ich wie immer bei Ramalingam und seiner Farm-Kitchen auf der Matte. Als Stammkunde genieße ich herrschaftliche Privilegien, die mich in der wohltemperierten Restaurant-Hierarchie in der Mitte positionieren:
– Polizisten
– Ashok und Dennis
– Sonstige
Müssen die übrigen Kunden ihre Mahlzeit einpacken und mitnehmen, darf ich den curryfarbenen Reisberg vor Ort verspeisen. Die urindische Ausnahme von der Regel. Weiß Modi, dass jeder Inder lediglich in einem unverrückbaren Multiversum von Sekunde zu Sekunde neu verhandelbaren Ausnahmebedingungen und personalisierten Sondergenehmigungen beheimatet ist, dem kein Politiker zu Leibe rücken kann, weil alle Gegenwart so formlos ist wie der Wind? Weiß Modi, dass man nur sich selbst und jener Gottheit etwas schuldig ist, die sich uns bereits unzählige Male bekannt gemacht hat hinter dem ewigen Kreislauf von Leben und Tod? Weiß er, dass er sterben, die Welt aber ohne ihn weitergehen wird?
Ich war mit Peter verabredet. Die Autokorrektur seines Handys hatte aus seinem „Bei Ramalingam?“ ein „bei Ramabimbam?“ gezaubert, und ich bin froh, Rama seinen neuen Namen verraten zu können – er mag ihn nicht. Wirsch winkt er ab. Bimbam hört sich nach Bimbam an, Lingam aber ist der Lendenschatz des Mahadevas, das erste OHM der Schöpfungsfrühe und jene Idee, die Mutter Erde auszugestalten pflegt. Das ist besser als Bimbam. Ich bin einverstanden und wir essen. Peter gehört mit 74 Jahren und ernsthaften Herzproblemen zur coronalen Risikogruppe, aber ein Zuhausebleiben ist ihm unmöglich. Wir halten Abstand und reden und reden, froh, kein einziges Mal das Wort Corona zu erwähnen.

Auf dem Nachhauseweg gerate ich in eine Polizeikontrolle. Der Sommer bringt nicht nur die Jackfruits zum Platzen und schält die Mangos saftig aus ihren Kernen hervor, nein, er kleidet zudem die tamilische Erde mit riesigen gelben Flecken, grelle Blütenmeere, die von den Servicetrees regnen. Inmitten dieses grandiosen Gelbs stehen die beiden Beamten, begleitet von zwei Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums, die gebügelte blaue Hemden und bunte Ausweise um den Hals tragen.
Ich bin ehrlich und sage, ich habe meinen Mundschutz vergessen. Ich habe zwar keine Maske, aber es stimmt, wenn ich eine besäße, hätte ich sie bestimmt vergessen. Die Polizisten sind gnädig, winken ab und watscheln in den Schatten. Doch der Healthworker plärrt mich an, trotz dem er mir glaubt und mich schon fast hat weiterfahren lassen. Kaum ist alles okay und erledigt und jedes Versprechen doppelt versprochen, da erinnert er sich seiner Aufgabe und fährt fort mit seiner Motzerei, darauf ist er getrimmt, aufs Motzen und Rumschimpfen und Plärren, wenn er nicht schimpft und plärrt, arbeitet und existiert er nicht. So tief sitzt er in seinem Hamsterrad, dass nach ein paar Sekunden des Durchatmens seine Litanei wie von Geisterhand betrieben wieder anspringt. Ra-ta-ta-tat. Dieses Laufenlassen ist sein Gebet, sein Goldklumpen, der ihm die Kehle massiert, sein Rettungsring in einer Welt, in der niemand weiß, ob es noch einer Rettung bedarf. Ich höre zu, wackele mit dem Kopf, amma, yes, amma, sari, okay Sir, jaja. Versprochen, morgen!
Dann darf ich abzischen.

Zuhause erwartet mich Covida. Kaum auszudenken, was ich ohne sie machen würde! Wenn es in den letzten drei Wochen ein Geschenk gab, dann diese Katze. Genau einen Tag vor dem Lockdown tauchte sie Plötzlich auf und shcnurrte um meine Beine. Sie blieb und ich war froh, dass sie da war, verwöhnte sie mit Katzenfutter und Joghurt und Thunfisch. Covida und ich bewohnen nun gemeinsam das Haus. Wenn ich arbeite, legt sie sich auf die Tischplatte, magisch angezogen von der Tastatur meines Laptops, von der ich sie alle zehn Minuten herunterschieben muss. Abends schauen wir zusammen Tiger King. Als die Serie endet, beginnen wir von vorne.
Vollkommen alleine wäre es schwierig gewesen. Mit Covida aber habe ich nun eine Gefährtin, mit der ich reden und der ich auf die Nerven gehen kann, eine Vertraute, die schnurrend auf mich wartet, wenn ich von Ramabimbam zurückkomme und ihr das wabbelige Whiskas in die Schale drücke.
Ich erzähle ihr, dass essentielle Lebensmittel bereits zu „Luxusgütern“ werden, wie es die Economic Times ausdrückt, und erzählte weiter von meiner erfolglosen Jagd nach großen Glasbehältern und Hefe, Utensilien und Zutaten, die ich brauche, um aus den reifen Cashewfrüchten jenen Schnaps zu brauen, der hier feni genannt wird. Covida nickt und schleicht auf die Tastatur. Während ich sie wegschiebe, erzähle ich ihr, dass in der nationalen Hotline für Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt in den letzten zwei Wochen 100.000 Anrufe eingegangen sind, und dass die Dunkelziffer wohl unermesslich ist, weil kaum jemand anruft bei so einer Hotline. Ich erzähle ihr von dem Klempner, der gestern verzweifelt vor der Haustür stand und Arbeit suchte und dem ich nicht helfen konnte; er war wohl der erste von vielen Verzweifelten, die sich bald auf den Weg machen von Haustür zu Haustür. Sie ist traurig. Dann aber zeige ich ihr ein Foto und erzähle dessen Geschichte. Vor einem Lebensmittelgeschäft hat man im Abstand von zwei Metern Kreise gezogen. Hier sollen die einzelnen Kunden abstandsgerecht warten. Das Foto jedoch zeigt nur Einkaufstaschen, die in den Kreisen platzhalterisch abgestellt worden. Die rund zwei Dutzend Eigentümer sitzen derweil dichtgedrängt am Bürgersteig, um sich vernünftig unterhalten zu können. Sie lacht. Ich erzähle ihr, dass es keine abgehärteten und leidgeplagteren Menschen als die Inder gibt, und dass auch dieses Desaster irgendwie gut ausgehen wird. Gleichzeitig versichere ich Covida, dass der Mob die Dörfer und Städte auseinanderreißen wird, sollte das Essen irgendwann aus den Regalen verschwunden sein. Die Angst vor dem Virus ist nur groß, wenn der Hunger gestillt ist. Wer am Verhungern ist und verzweifelt, schert sich nicht mehr drum, ob er sich womöglich mit einem beschissenen Virus anstecken wird. Covida nickt. Solange sie Whiskas und Joghurt und Milch bekommt, ist ihr ebenfalls alles egal. Ich denke an all das Futter für sie und die Hunde, dass ich gebunkert habe. Wer meinen Vorratsschrank aufmacht, wird staunen: Eine Packung Reis, eine Packung dhaal, fünf große Tüten Pedigree, 3 mal Drools und solange Whiskas, bis Joe Exotic aus dem Gefängnis entlassen wird.
Ich bekomme Hunger. Im Garten höre ich die reifen Cashews von den Ästen fallen. Plopp, Rumms. Es ist Zeit, die Ernte einzufahren.

Shiva

Wer dir passt in das Licht zweier Augen
und schon auf Erden angekommen immer
an Bahnhöfen, Tresen, in überfüllten Stadien
den staubigen, heißgefluteten Gassen
auf Ämtern, den Malls und Märkten
im eigenen Hause schlafend und wachend
anwesend so deutlich schon immer
auf Autobahnen, in Cafés, Casinos und Parks
während die Ferngeblickten noch suchen
in Tempeln, Kirchen, Moscheen
in Palästen trotz allem –

O der Gott, den sie sehen können, ist ihnen nichts wert
und der Himmel, der ihre Ernte reift
zu sehr Erdreich geworden
für die blinde Lust ihrer Gebete.

Doch wer dir ins Licht passt, im Auge kommend und gehend
und schon auf Erden angekommen immer
als Bettler-Hannes mit aufgeplatzten Händen
schwarzer Priester der ersten Silbe Om und Ohm
Mütterchen, das Korn mahlend in Tellern und Tassen
der Mörder und Schläger erhobenen Schwertes
der Chai-Wallah süßgesungener Zungen
der Zamindar besetzt mit Diamanten und Runen
der Asket aus dem letzten Knochen biegsamer Weisheit
die Händlerin von Myrrhe, Ingwerzweigen und Zimt
die Schwester mit der Hingabe unbegreiflicher Sonnen
der Mönchsbruder auf gierig zerschlissenen Knien
die Bauern und Wirte in gestärkten Hemden
die Polizistin mit Schlagstock und Kartei
das leuchtende Auge der Sklaven und Schuldner
der Großvater auf dem warmen Stein letztgesungener Tage
die Nachbarin aus Rose und Dorn und Gespinst
der Politiker mit dem Biss schwarzgetränkter Zähne
der Bruder, gewachsen aus der Stirn ewiger Stille
das Kind balancierend auf Stunden und Tagen
das Kind lachend in deinen Augen kommend und gehend
Menschenkind auf Erden
auf Parkplätzen, in den Hallen, Höfen und Gärten
in Palästen trotz allem –

O der Gott, den du sehen kannst
als Taumel, Tiefe, Höhe und Rausch, als Ruf
zweier wartender Augen.