Corona Chronicles 6 – Teil 1/2

Es hatte sich angekündigt, eine Nacht lang, einen frühen Morgen. Zu der ohnehin bis zur eklatanten Sauerstoffarmut verdichteten Sommerluft, die uns seit Wochen nicht schlafen lässt, kamen der Nebel und die Feuchtigkeit und das ferne Rumoren über dem Meer. Als das Gewitter schließlich über unseren Köpfen hängt, frage ich mich, wann es das letzte Mal geregnet hat. Vor drei Monaten? Vier? Die Wirklichkeit des brüllend aus dem Himmel fallenden Wassers wirkt wie eine Auferstehung. Wir spüren es bis in die klammen Knochen: Dieser Regen ist vor allem eine Erinnerung an eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist und doch sehr weit hinter uns liegt. „B.C.“, sagte ein Freund kürzlich, „Now it means „Before Corona“. Forget Christ! We are entering a new era, and maybe this is the second coming.“
Der Himmel öffnet sein vollgesogenes Maul. Der erste Regen im Corona-Zeitalter ist kein milder. Der Sturm fegt den Staub über das ausgetrocknete Land und schwemmt das Wasser über eine vom Tropensommer ausgetrocknete Erde. Schwarzer Horizont. Ein verärgertes Biest, ein Segen, ein Notwendigkeit. Wir trainieren im Regen. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn, und hat nicht jener Allerheiligste, dieser seit jeher übers Firmament verankerte Jahwe seine Karriere als jüdischer Wettergott begonnen, bevor ihm die Erfindung des Monotheismus durch Echnatons ekstatische Sonnenverehrung den Weg frei räumte zur begehrtesten, höchsten und weißesten aller Wolken? Jene Wolke, aus der es nun blitzt und donnert?
Als das Gewitter vorbeigezogen ist, fahren wir zurück nach Kuilapalayam. Innerhalb weniger Stunden ist das Dorf um drei Straßensperren bereichert worden, alle an derselben Ecke und in einem Abstand von nur hundert Metern. Die üblichen über die Straße geworfene Baumstämme, vertrocknete Äste und mit Müll gefüllten Reissäcke, die nach spätestens einem halben Tag beiseite geschoben werden, da es für das indische Herz nicht schlimmeres gibt als Dinge, die mehr als einige Stunden im Weg liegen.
Warum diese Roadblocks? – Keiner weiß es. Alle, die ich fragen kann, schütteln den Kopf und versuchen, die Anwesenheit der Blockade mit der üblichen Missachtung aller weltlichen Angelegenheiten zu ignorieren. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Noch immer regnet es leicht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Tag, höre ich mich flüstern, irgendetwas stimmt nicht.
Meinem verkrüppelter Kokosnussverkäufer, die leblosen und krummen Beine zu einem ordentlichen Haufen vor seine Hüfte zusammengestapelt, macht es nichts aus, im Nassen zu sitzen. Dass er ein Meister ist, habe ich schon lange gewusst. Doch heute winkt er mich etwas näher heran, überreicht mir die aufgeschlagene Kokosnuss und flüstert: I can fix bikes too. And get cigarettes and a tailor and chicken.
And booze?, frage ich.
Sorry Sir, very sorry. Me, I am only selling coconut.

Ich brauche einige Zeit, um zu bemerken, dass er fast der einzige ist, der draußen ist. Alle Läden sind geschlossen, obwohl die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken am Vormittag öffnen dürfen. Die wenigen Wagemutigen, die verschwiegen im Dorf herumlaufen, tragen kein Lächeln hinter dem Mundschutz. Sobald es regnet, sind die Straßen normalerweise voller aufgeregter, durch die Pfützen planschender Kinder.
Aber es sind keine Kinder zu sehen.
Irgendetwas stimmt nicht.
Auf meinen Nachhauseweg sehe ich ein halbes dutzend Menschen, die ihre Scooter und Motorräder schieben anstatt zu fahren. Zwei Polizisten stehen am Straßenrand und diskutieren schreiend mit einigen Männern. Ich schaue gar nicht erst in ihre Richtung und gebe Gas. Ein gestrandetes Auto. Leer. Noch eine Frau, die ihr Moped schiebt. Ich habe Glück und erreiche Ramalingam. Erst, als ich Lotta abstelle, reicht meine Sinneswelt die wahren Ereignisse der letzten fünf Minuten nach. Die schwere Luft voller Eukalyptus, das Quaken der Frösche in den Pfützen, eine graue Sonne. Und der Geruch des dampfenden Asphalt, das Parfüm einer schwitzenden Erde. Erst kürzlich lernte ich das Wort, dass man für diesen einzigartigen Geruch gefunden hat: Petrichor. Das aus dem Stein tretende „Blut der Götter“.

Ramalingam sitzt an seinem Tisch und schaut sich die Nachrichten an. Ob er wüsste, was draußen vor sich gehe?
Nein.
Sagt das Internet irgendetwas?
Nein.
Was sagen die Nachrichten?
Ach, immer dasselbe.
Er steht auf, bricht einen Neemzweig vom Baum und legt ihn auf die Theke. Neem ist das tamilische Allerheilsmittel. Es hilft gegen Infektionen, Entzündungen, Bakterien, Viren, wahrscheinlich auch gegen Depressionen, pakistanische Kriegsgebärden oder die Trauer, die aufkommt, wenn eine komplette Cricket-Saison abgesagt wird. An allen Türen und Toren kleben seit Wochen vermehrt die zu buscheligen Bündeln zusammengebundenen Zweige, um die Eintretenden aus zwei Metern Abstand zu desinfizieren.
Ramalingam erzählt. Noch vor einer halben Stunde habe die Polizei direkt vor der Farm gewartet und jedem, der sein Essen abgeholt hat, die Schlüssel weggenommen, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ab da an musste geschoben werden. Warum, frage ich erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Und sie ist eindeutig. Er springt auf, greift einen Stock und spielt einen Polizisten, der einen Motorradfahrer vom Bike kloppt. Er lacht. Wir lachen. What to do, sagt er, die Regierung sagt und die Polizei macht, oder die Regierung sagt das eine und die Polizei macht das andere, sie haben ihre lathis (Stöcke) und wir nicht. Tsi Tsu Zack, Zack Tschusch!
Er packt den Stock und schmeißt ihn über die Mauer zu den Papayabäumen. It will be allright, sagt er, und klopft sich die Erde von den Händen. Ich muss an Ashok denken, mit dem ich vor ein paar Tagen all die Horrormeldungen durchgegangen bin, die der hiesige Lockdown verursacht. Abermillionen Arbeitslose, die astronomischen Fälle häuslicher Gewalt, Perspektivlosigkeit, bis ins Mark traumatisierte Kinder, Depression, Angstzustände, zehntausende Selbstmorde, die nicht rückgängig machende Vernichtung von Millionen Existenzen, eine Flut an psychologischen Erkrankungen, Hunderttausende, die der Krebs holen wird, ein unermessliches Stresslevel, endloser Hunger und taube, schier unermessliche Armut.
Todeszahlen durch Covid19 in einem Land, in dem sich fast niemand an den Lockdown und die Hygiene-Vorschriften hält: Unter 2000.
People are dying, sagte ich. It is clear by now that the Lockdown will kill a hundred times more people than Covid19. Strangely enough, nobody seems to care.
They will find a way, war die Antwort Ashoks.
To die? Yes, they found many ways already.
No, we will find a way to deal with the situation. We just stay at home and eat what we have.
Man people dont even have rice any more. And no home to stay in. Ort hey are caged in with violent lunatics?
They will find a way. They will live outside. It´s so hot, outside now is better than inside. And someone will come and feed them.
The government?
No, other people. Or nobody, I dont know. You will see, they will all survive, and others will die. There is just no other way.
Ich lasse mich in meinen Stuhl zurücksinken. Ich weiß, was Ramalingam meint und was Ashok hat sagen wollen. Ich weiß, dass er Recht hat. Dies ist die Realität, ob wir es wollen oder nicht. Viele sterben. Sehr viele sterben. Viele ertragen unermessliches Leid. Viele, das sind vor allem die Armen und die Ärmsten der Armen, mehrere hundert Millionen Inder. Sie ertragen das Leid und diese harte Zeit, weil sie, was Leid und Unrecht angeht, die großen Übenden sind. Sie kämpfen ihr ganzes Leben lang um jeden einzelnen Tag, wie schon ihre Mütter, Großmütter und alle Mütter und Väter vor ihnen Tag um Tag ums Überleben kämpfen mussten. Das ist das Leben: Überleben. Nichts wurde ihnen jemals geschenkt. Sie haben sich zurechtgestutzt am Ertragen-Von. Diese Lehre hat sie so stark gemacht, wie, um ein Bild Nietzsches zu benutzen, ein Baum, dem die gefährlichen Winde und Stürme nur dazu dienten, seine Wurzeln kräftiger ins Erdreich zu schlagen.
Ashok hat Recht.
Große, starke und mächtige Bäume, und morgen beginnt das Leben von neuem. Inder finden immer einen Weg, gerade dann, wenn sich von alleine keiner mehr auftut.

 

Bevor ich aufbreche, gehe ich zur Straße und schaue, ob die Luft rein ist. Lotta ist launisch. Ich brauche zehn Versuche, um sie zu starten. „She is a real bitch“, waren die wahren Worte der Vorbesitzerin, „and it takes a bitch to drive her!“ Unbeschadet gelangen wir nach Hause. Die kleine Pfütze vor dem Kühlschrank verrät, dass es erneut keinen Strom gibt. Der Stromausfall wird den gesamten Tag andauern, genauso wie letzten Sonntag und alle weiteren Sonntage von nun an, bis Juli, bis der Sommermonsun kommt. Niemanden erstaunt es, dass gerade jetzt im Sommer, bei 38 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80%, den Menschen genau jener kostbare Strom abgesägt wird, der die lebenswichtigen Ventilatoren speist. Es ist einfach zu typisch für ein Land, das sich stets für das Folgenreiche und gegen die Folgerichtigkeit entscheidet.
Ich wische die Pfütze auf. Den wärmer werdenden Joghurt schabe ich mit einem Teelöffel aus der Packung. Draußen stelle ich den Verandastuhl in den glänzenden, perlreinen, frisch gewaschenen Garten. Covida geht auf die Jagd. Ängstlich vermeidet sie jede Pfütze, ja selbst das nasse Erdreich ist ihrer Reinlichkeit suspekt. Eine Killerin, die alles frisst, was sich bewegt, jedem lebendigen Ding dem Kopf abreißt, sich noch zuckende Geckoschwänze auf der Zunge zergehen lässt und doch peinlichst darauf achtet, bei ihren reptiloiden Säuberungen die samtenen Pfötchen nicht schmutzig werden zu lassen. Kurz, eine Katze.
Noch immer die grauen Wolken ohne ein Anzeichen von Blau. Ich telefoniere mit vier tamilischen Freunden, um zu erfahren, was los ist. Die harten Maßnahmen der Polizei, die alles absperrt, Motorradschlüssel konfisziert und wahllos verprügelt, gelten nur heute, sagt der erste. Das ganze dauert eine Woche, sagt der zweite. Der dritte: Es ist ein Drei-Tages-Shutdown, auch die Lebensmittelgeschäfte haben zu, alles, die Polizei schmeißt dein Fahrrad in den Wald oder den Fluss, wenn du draußen rumfährst. Der Lockdown wird auf den gesamten Mai ausgeweitet and we are all fucked. Stay at home!
Freund Nummer vier weiß nicht, wovon ich spreche, antwortet aber dennoch. Inder werden dem Fragenden lieber den Weg zur Hölle weisen oder ein nutzloses Märchen improvisieren, anstatt keine Antwort zu geben. Vom Kap Kanjakumari bis in den Himalaya gilt: Falsch ist nicht, auf eine Frage keine Antwort zu wissen, sondern nur, keine Antwort zu geben. Er sagt: Vier Tage!
Vier Tage was?
Naja, vier Tage, du weißt schon.
Nein, ich weiß nicht, deswegen ruf ich ja an.
Vier Tage … ja … der Prime Minister war im Fernsehen, er hat alles gesagt, aber die einzelnen Staaten können auch entscheiden, ähhh, wann die Shops wieder aufmachen … glaube ich. Meine Tante in Coimbatore hat auch erzählt, äh, naja, dass dort die Straßen zu sind, man munkelt, ob bald die Liquor Store wieder öffnen dürfen, das hat der Chief Minister von Pondy gesagt, gestern. Äh nein, sorry: heute!

Immerhin ahne ich, wo er die Information mit den vier Tagen her hat. Seit heute sind fünf große tamilische Städte in den totalen Lockdown geschickt worden. Der schlechten Laune halber hat man sich gedacht, die Schrauben, die keine Wirkung zeigen, noch ein wenig enger zu ziehen. Die horrende Sinnlosigkeit dieses vier Tage langem Extrem-Lockdowns ist mit keiner Sprache angemessen zu beschreiben. Am Beispiel von dem, was gerade in Chennai geschieht, lässt sich somit wunderbar illustrieren, wie Politiker Indiens und Tamil Nadus mit ihrer Verantwortung umgehen.
Alle acht Millionen Einwohner der Megacity hatten genau fünf Stunden Zeit, sich …



Fortsetzung folgt.

Corona Chronicles 5 – Isolation Spezial

Selbst jetzt, genau ein Jahr nach meiner Rückkehr auf die Erde, besitzt das Staunen noch immer eine andere Qualität. Als ich nach drei Monaten Schwerelosigkeit wieder auf der Oberfläche einer verlebendigt durch das endschwarze Nichts des Universums driftenden Gesteinskugel stand, hatte ich die ersten Tage das Gefühl, der Himmel sei ein zweiter, gasblauer Planet, der extrem dicht an den Baumgrenzen schwebte. Er wog und drückte und war schön und gefahrenreich. Dieses Gefühl hat sich mittlerweile verflüchtigt; der Rest ist geblieben. Das Unverständnis über eine fundamental vorhandene Welt, die bis in ihre letzten Wipfel und Atome beseelt ist mit Wachstum und sprachlos machender Schöpfungskraft, mit Blüten und Welktum, Geburt und Zerfall, Geist und Materie. Nichts von alledem, was uns umgibt, ist selbstverständlich. Keine Farbe, keine Erythrozyten, keine liederhaften Elegien oder eine ewige Gegenwart, über die wir nie hinauskommen. Das Vorgefundene ist so wundergleich wie das schlichte Blau des Himmels, und gerade jene Gewöhnlichkeiten, die uns am vertrautesten erscheinen, sind bei genauerer Betrachtung nichts als die ersten und letzten Geheimnisse einer sich stets aufs Neue offenbarenden Welt.
Vor vielen Jahren verbrachte ich ganz in der Nähe, in den kühlen Bergen Tamil Nadus, den Sommer in einem Zen-Meditationszentrum, das über eine wunderbare Bibliothek verfügte. In den „Aufzeichnungen der blauen Klippe“ las ich damals jene Strophen, die mich seitdem überall hin begleiten, ob zum Mars oder nach Indien:

Before attaining enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

At the moment of enlightenment,
mountains are no longer mountains, nor are rivers rivers.

But after accomplishing enlightenment,
mountains are mountains, rivers are rivers.

Ich Frühjahr letzten Jahres nahm ich an einer Schwerelosigkeits-Studie der Nasa teil. Von insgesamt drei Monaten Isolation, die ich und elf andere „terrestrische Astronauten“ in einem Weltraumforschungszentrum verbrachten, mussten wir zwei Monate ununterbrochen im Bett verbringen, den Kopf sechs Grad tiefer gelagert als die Füße. Acht Wochen lang sind wir kein einziges Mal aufgestanden. Alles, auch das Essen, Duschen, Trinken, die Toilettengänge, Zentrifugenfahrten und die zahlreichen Experimente fanden in dieser Kopftieflage statt. In naher Zukunft wird man die ersten Menschen zum Mars schicken, und wir konnten unseren Anteil dazu beitragen, dass dieses größte Abenteuer der Menschheitsgeschichte erfolgreich sein wird, indem wir diese Reise auf unserem simulierten Raumschiff vorwegnahmen.

Neben all den körperlichen und psychischen Herausforderungen, die solch eine Isolation beinhaltet, hatte ich vor allem damit zu kämpfen, die „natürliche Welt“ zu vermissen. Gegen Ende der Studie merkte ich eindeutig, wie mich das ununterbrochene Drinnen-Sein zu entkräften begann. Mein Weltenraum war weißwandig, steril, klimatisiert. Alles in mir verlangte nach Farben und ungefilterter Luft, nach der Stille der Wälder und den Salzwinden der Meere, nach einem großen, großen Atem. Kurz: nach ebenjenem planetarischen Bezug, der bislang für all meine wahren Stunden verantwortlich war.
Im Laufe der Mars-Isolation träumte ich von all der Normalität, die ich zur Zeit, während meiner sechswöchigen Ausgangssperre in Indien, reichlich besitze. Der wunschlose Himmel über meinem Kopf, das wuchernde Farbenspiel eines südindischen Sommers und seiner gärenden, räuchergeweihten Lüfte, die schockierende Hitze und ein übermächtiger Mond, der lautlos durch die Sternenklarnächte steigt. Seitdem es zu heiß ist, um drinnen zu schlafen, habe ich mein Nachtquartier auf dem Dach aufgeschlagen, die Augen ungläubig auf die Ewigkeit gerichtet, die sich hier von Horizont zu Horizont erstreckt. Selbst der Mars klebt stecknadelgroß im Heuhaufen der Sterne, der meine allnächtliche Decke ist.
Viel mehr kann man nicht verlangen, ohne den Zorn Gottes auf sich zu ziehen. Und dennoch: Nach vier Wochen indischem Lockdown fühle ich mich beengter als während der absoluten Bewegungslosigkeit der Marsreise, dem fremdbestimmten Stilleliegen auf den 2,5 qm² meines Bettes. Es ist vor allem ein Aspekt der erneuten Isolation, der mir besonders zu schaffen macht: Die Einschränkung der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.
Das Gefühl dieser Hilfslosigkeit ist unbekannt. Selbst, wenn ich dringend ins nur wenige Kilometer entfernte Pondicherry fahren müsste, weil ein Freund im Sterben liegt, könnte ich es nicht. Überall sind die Straßen abgeriegelt, die Polizei konfisziert Motorräder und verhängt heftige Geldstrafen, ganz zu schweigen von den easy aus der Gelenkschmiere indischer Hüftknochen hervordreschenden Stockschläge, die gülden auf die eigenen Gliedmaßen niederfahren, sobald man in Schlagweite gerät. Und was, wenn meinen Großmüttern oder Eltern in Deutschland etwas geschehen würde? Womöglich wird es noch Monate dauern, bis ich das nächste Flugzeug nehmen kann, obwohl ich kerngesund bin. Somit ist es also geschehen. Seit zwanzig Jahren reise ich permanent um den Planeten, doch zum ersten Mal ist mir im großen Stile die Freiheit genommen, mich einfach auf den Weg zu machen, um irgendwo verloren zu gehen.

Der Unterschied zum Vorjahr lässt sich kaum überbewerten: Als ich die Nasa-Studie antrat, gab ich meine Freiheit freiwillig ab. Drei Monate lang keinen Sonnenstrahl in den Händen zu halten, fast nur kopfunter im Bett, kein Alkohol oder sonstige Genussmittel, strenge Essens- und Schlafvorgaben, Muskelatrophie, Knochenabbau und der Verlust meiner Fähigkeit, auf zwei Beinen zu stehen? – kein Problem, solange es meine Entscheidung und ich willens war, diese Herausforderung anzunehmen. Aber gezwungen zu werden, seine Freiheiten aufzugeben und zehn Anti-Corona Maßnahmen befolgen zu müssen, von denen acht hoffnungslos sinn- und wirkungslos sind? Den Verlust von etlichen Grundrechten zu ertragen, ohne zu wissen, wann und ob jene Sonderregelungen wieder von Menschen außer Kraft gesetzt werden, die vor allem am Ausbau ihrer Macht interessiert sind? Das Leben nun völlig in den Händen von Politikern und Polizei zu wissen, den stets mangelhaften Kräften eines nicht sonderlich altruistischen Staatsapparates, der mehr an der kompletten Überwachung seiner Bürger interessiert ist als an Fürsorge oder gar „Gesundheit“?

Aber es hilft nichts: Ich muss heute dieselben Methoden anwenden wie vor einem Jahr, um jene Dinge zu akzeptieren, welche ich gerade nicht ändern kann. Selbst ohne Isolation gibt es niemals eine andere Aufgabe als die vollkommene Hingabe an die So-oder-so-Welt. Im Buddhismus spricht man vom Sonnenschein-Buddha und Mondschein-Buddha, um klarzustellen, dass all unseren holden oder dunklen Gefühlszuständen letztendlich ein und dieselbe Wahrheit zugrunde liegt: die Vergänglichkeit.

Meine ersten beiden Jahre in Indien und Sri Lanka verbrachte ich fast ausschließlich in Klöstern und Meditationszentren. Tausende Stunden Meditation und das Studieren von Zen-Texten und des Hinduismus haben mich weiß Gott nicht weise gemacht, aber hoffentlich doch das Entscheidende gelehrt.
In Meditationssitzungen geschieht das, was wir auch aus der Isolation kennen: Ohne die Chance zu haben, vor sich selbst zu fliehen, ist man mehr denn je auf genau dieses Selbst zurückgeworfen. Es gibt keine Beschäftigung mehr, in die man sich und seine Überzeugungen retten kann, keinen Ausweg, den der Geist aus dieser Stunde zu nehmen weiß. Es gibt nur das, was gerade ist – oder eben zu sein scheint. Im radikalen Vorhandensein mit sich selbst rückt somit jene Identität in den Fokus, die man ein Leben lang voraussetzt, ohne sich ihrer überhaupt versichert zu haben: Das Ich.
Die erste Lehre der Meditation ist zugleich die entscheidende. Unnötig davon zu sprechen, dass es dem blanken Verrauschen im endlosen Schwebezustand des Nirwanas bedarf, wenn für eine gewaltige Einsicht, die ein ganzes Leben verändern kann, allein die allererste Erkenntnis der Meditation genügt. Jeder Übende merkt schneller, als ihm oder ihr lieb sein kann, dass man weder Herr noch Herrin im eigenen Hause ist und dass die Person, die man zu sein glaubte, nicht existiert. Es ist eine Erfahrung, die, am Senkblei von Panik und Euphorie befestigt, bis auf den Grund der Knochen und in die tiefsten Wasser der Seele zu sinken vermag. Ich bin nicht die Dinge, die ich denke und fühle! Gedanken, Erinnerungen, Wünsche und Emotionen rauschen durch mein Bewusstsein, wo sie lediglich wahrgenommen werden. Aber von wem? Von mir? Von einem substanziellen Ich? Wer ist dann dieser Zeuge, dieses ominöse Ich-Subjekt, das den unaufhörlich kommen und gehenden Eindrücken gegenübergestellt wird, den Regungen eines fremden Willens, die man mit aller Anstrengung weder zu stoppen oder zu kontrollieren vermag?
Es ist genau diese Identifikation des Beobachters mit den Beobachtungen, welche die Buddhisten nicht nur als Illusionen entlarvt haben, sondern auch als denjenigen Akt beschreiben, der für jedwedes Leid verantwortlich ist. Hat der Meditierende zum ersten Mal Abstand genommen von den zu beobachtbaren Objekten des eigenen Geistes, die wie Wolken über einen strahlend blauen Himmel schweben, folgt bereits der nächste Schritt: Das vollkommene Hineinsinken in dieses Zeugen-Bewusstsein, das in der Allesgesamtheit der Welt weder das eine noch das andere ist. Es ist ein ewig vorhandener Geisteszustand, ein Sein hinter allen Formen des Seienden, das namenlos bleiben muss, weil es mit einer Sprache, die sich um die beobachtbaren Phänomene der dualistischen Weltwerdung rankt, nicht zu bebildern ist. Friede, Liebe, Gott, göttliches Bewusstsein, Shiva – all dies sind vollkommen richtige und falsche Worte. Im Wumenguan, einer Sammlung von Koans und den dazugehörigen Kommentaren großer Zen-Meister, findet sich diese Strophe:
„Wer über Falsch und Richtig spricht,
ist ein Mensch des Falschen und Richtigen.“
Wenn wir auf eine Welt stoßen, in der die Sprache nichts mehr zu beworten hat, sind wir angekommen. Womöglich sogar im Ich, das sich als nicht lokalisierbar erweist.

Insgesamt verbrachte ich drei Monate im besagten Meditationszentrum. Ein Mal am Tag konnten die Schüler die Meditationshalle verlassen, um eine Minute mit dem Meister alleine in seinem kleinen Raum zu sitzen. In der Zen-Tradition werden dem Schüler Koans aufgetragen, paradoxe Rätsel, die nur zu „lösen“ sind, wenn der Schüler die gewöhnliche Pfade, die der Verstand einzuschlagen pflegt, tunlichst Richtung Satori (plötzliche Erleuchtung) verlässt.
Auch ich hatte ein Koan bekommen, ohne mir große Mühe zu machen, es zu lösen (vielleicht war ja genau dies das Geheimnis!). Jedenfalls genoss ich den täglichen Gang aus den teilweise anstrengenden Meditationssitzungen runter in den Raum des Meisters, wo wir uns für gewöhnlich schweigend und grinsend gegenübersaßen. Nach einer Minute klingelte er sein Glöckchen, wir verbeugten uns voreinander und ich watschelte zurück. Eines Tages aber wollte ich ihm doch irgendetwas sagen oder präsentieren, obwohl ich wusste, dass ich keine Antwort parat hatte. Keine Antwort zu haben war wahrscheinlich auch nicht die richtige Antwort, aber wer konnte das schon wissen. „Nun?“, sagte er und grinste, als ich vor ihm Platz nahm. Ich begann mit der Lösung des Koans. Sobald ich fertig war, brach er in schallendes Gelächter aus, so mächtig und ansteckend, dass ich nicht anders konnte als mit ihm zu lachen, so lange und so hart, bis ich seitwärts von meinem Kissen viel. Wer schon einmal vor seinem Zen-Meister zusammengekrümmt und Tränen lachend am Boden lag, während dieser ebenfalls so fertig ist, dass er sich den Bauch halten muss und seine ganze Stirn voller Schweiß steht, ja, der kann getrost vergessen, dass es Koans und das ganze Zen-Zeugs überhaupt gibt.
Es war einer der besten Momente meines Lebens. Unser Lachen schallte durch die gesamte Anlage. In den nächsten Tagen wollte jeder von mir wissen, was genau passiert war. Meine Kollegen nahmen an, wir hätten alle möglichen Ich-Bände durchbrochen und seien wie auf einem DMT-Trip durch die Vernichtung unseres Bewusstseins gesegelt, um hellerleuchtet auf keiner anderen Seite wieder aufzutauchen. An diesem Tag ging ich nicht wieder zurück in die Halle, sondern marschierte hysterisch lachend zum Tor hinaus und in den angrenzenden Wald. Als ich unter dem Torbogen stand, konnte ich meinen kreischenden Meister hören, der tatsächlich sein Glöckchen klingelte. Es war das Zeichen: Unsere Sitzung ist beendet.

Diese Lektion mit meinem Meister hat mich gelehrt, nichts zu ernst zu nehmen, schon gar nicht die sogenannte Erleuchtung. Wer über Falsch und Richtig spricht, ist ein Mensch des Falschen und Richtigen. Jahrelang versuchte ich, die eigenen Urteile und Begierden zu bekämpfen, bis ich endlich verstand. Ich kann getrost den lieben langen Tag Urteile fällen, richtige und falsche, solange ich weiß, dass es eben nur Urteile und keine Wahrheiten sind. Das alles ist ein verdammtes Spiel! Ich kann alles sein, denken und sagen, wenn ich nicht in die Versuchung gerate, mich in meinen Identifikationen zu beheimaten. Die Welt ist von größter Bedeutung und gleichzeitig null und nichtig. Eine ergreifendere Wahrheit gibt es nicht. Nichts ist von Dauer. Die gesamte Welt ist vergänglich, zum Untergang verurteilt und doch stets gegenwärtig in ihrer allzu göttlichen Gestaltung, ihrer sich offenkundig auswesenden Liebe. Ob die Flüsse nun Flüsse sind oder nicht, ist reine Dialektik.
Die gegenwärtigen Quarantänebedingungen sind unangenehme Zeiten, die uns an den einzigartigen Umstand erinnern, so schlicht wie ergreifend lebendig zu sein. Was für eine Chance: Wann, wenn nicht in solch außergewöhnlichen Zeiten, gibt es noch die Möglichkeit, sich des Außergewöhnlichen zu versichern?

“Ja, Mutter Indien hat mich auf dieser Reise noch einmal die drei Dinge gelehrt, die ihre größten Gaben sind.
Dass die eigentliche Welt nicht von der gewöhnlichen zu unterscheiden ist, dass alles gleichermaßen wichtig und unwichtig ist, die Illusion Realität und die Realität Illusion.
Dass meine wahre Beheimatung, die wirklich bewohnbare Welt hinter den lala-trunkenen Spinnereien des Selbstgeschehens liegt und dem Tausendverschönfachten der Welt näher steht als dem Dennis-Freischlad-Ding.
Und dass dies Weltgeschehen, das auch so wunderbar ohne uns sein kann, in diesem Leben nur für uns da ist; dass es das kostbarste Geschenk ist, Weltenwanderer in den Zwischenbilanzen aus Heute und Nimmermorgen sein zu dürfen. Dass wir unsere kleine Zeit haben für diesen einzigen, großartigen Moment des Lebens.”