ABOUT MOTORCYCLING – A philosophy of driving.

First the german original. Find the english version below.

ÜBER DAS MOTORRADFAHREN – Kleine Motorrad-Philosophie

Machen wir uns nichts vor und vergessen alles, was wir über die gestalterischen Wunder von Technik und Design wissen, vergessen wir auch den erhitzten Rausch und das Dröhnen des Motors, viel zu naiv in Verbindung gebracht mit Protzigkeit, Lärm oder unnötiger Gefahr: Denn das Motorradfahren ist eine Sucht nach Auflösung. Es reiht sich lautstark ein in andere Unternehmungen ähnlicher Tiefe, namentlich Meditation, Sex, psychogene Drogen etc. Der Aufbruch und das Losfahren, egal wohin: Sie sind verwandt mit dem Versprechen, nirgends ankommen zu müssen.

Derivé. Guy Debord benutzte dieses hübsche kleine Wort, das in der englischen Übersetzung kaum ein anderes Gesicht, wohl aber einen anderen Ton annimmt. Das französiche Derivé ist federleicht, offen, weit wie der Jardin de Luxembourg und flatternd wie ein Vogel. To drift hingegen ist besetzt mit Bestimmtheit, Sturm und Drang, mit Motor, Kraft und Krach. In den 60er Jahren begannen die Situationisten, die eingetrampelten urbanen Pfade und Landkarten außer Kraft zu setzen, indem sie sich ganz dem aufmerksamen derivé, dem „sinnfreien“ Umherschweifen überließen. Es galt und gilt bis heute, die Stadt in einer Art zu erkunden, die fernab der vorgegeben architektonischen Emotionen existiert, und die, situativ von Vorgefundenem zu Vorgefundenem, den Blick auf die Umgebung gleichzeitig aussetzt und verschärft. Die Menschen spazierten durch die Städte und gaben den Orten neue Namen, die nur sie kannten.

Nun ist es jedoch ein enormer Unterschied, wie genau wir uns fortbewegen, und wo. Im Spaziergang steht man allzu gewaltig in der Welt, die immer zu nah ist, um wirklich Abstand zu gewinnen; im Auto ist man zu sehr abgeschirmt, scheinbar gut geschützt und sich somit seiner selbst zu sicher; das Fahrrad muss man selbst in Gang halten, so dass die eigene Körperlichkeit in den Vordergrund tritt und den freien, gerade von den Prämissen des Leibes losgelösten Geistesfluss stört. Auf einem Motorrad jedoch wird man gefahren, während man gleichzeitig der Fahrer ist. Ungeschützt und fern der vorbeirauschenden Welt, die uns ihre vermeintliche Wirklichkeit nur noch in Sekundenbildern einzuflüstern weiß, und gleichzeitig so anwesend als Ich und Selbst, das es kaum vollere Stunden geben könnte. Im Fahren kommen wir diesem Draußensein nahe, welches unsere innerste Wirklichkeit ist. Begreifen wir das Driften nicht in seinem urbanen, vom stop-and-go rythmus eingekerkerten Rahmen, dann ist das Motorradfahren in der ländlichen Weite jenes Unterfangen, das uns am genauesten in die Schnittstelle von Ich und Welt stellt, bzw. uns in genau dieser Schnittstelle verschwinden lässt

Weite, Geschwindigkeit und Hitze. Für mich, der ich meine Motorradkindheit- und Jugend in Indien verbrachte, sind dies schon immer die besten Voraussetzungen, um so lange verloren zu gehen, bis ich mich neu in einer bekannten Welt vorzufinden weiß. Mein Driften ist Schreiben. Kaum eine Situation, in der mir Anfangszeilen von Gedichten wie Offenbarungen ins Bewusstsein rieselten, ohne, dass ich etwas dafür tun musste. In der Meditation bringt man, grob gesagt, das eigene Ich zum Schweigen, damit das Bewusstsein-an-sich, das sonst mit den nur persönlichen Gedanken und Gefühlen beschäftigt ist, plötzlich einen neuen Raum gewinnt, den es wahrnehmen kann – ein Raum, der schon immer existiert, aber kaum begangen wird. Selbiges bewirkt das Motorradfahren, vor allem in der bereits verlangsamten Realität eines indischen Sommers. Auf dem Motorrad verliert der Fahrer alle Bezüge zu seiner üblichen Wahrnehmungsweise. Während man einerseits vollkommen anwesend ist, rauscht die Welt an dieser Anwesenheit vorbei und trägt den Fahrer hinfort. Hinfort wohin? Die Buddhisten sprechen von Stille und Leere, meinen damit aber keinen Nullpunkt und schon gar kein Nichts. Stille bedeutet Stille von dem üblichen Lärm und Bewegungen einer endlosen Gedankenwelt, Leersein bedeutet lediglich, sich einem anderen Geisteszustand und somit auch einer neuen Sprache zu öffnen. Unsere Bewusstsein erlebt eine infinitesimale Neugeburt, die sich über die Kilometer hinwegstreckt und erst ein Ende findet, wenn wir zu den Gewohnheiten der Ich-Präsenz zurückkehren. Die zuvor erlebte Öffnung aber ist ein großes Amen, das Leersein-Von. Hier sind wir frei und wissen plötzlich, warum. Eine größere Welt fällt uns zu. Um diese neuen Worte und Zeilen, die so schnell kommen wie sie gehen, und das, was so ungefragt und unmittelbar aus der Mitte des Seins in das persönliche Bewusstsein rieselt, für später zu behalten, fahre ich nie ohne ein kleines Aufnahmegerät, das ich stets in der Hosentasche trage und bei Bedarf nur hervorzuholen brauche. Irgendwo im Niemandsland von Tunesien sprach ich kürzlich folgende Sätze in mein Gerät:„Keine Worte erreichen das Land. Was ich noch schreiben kann, ist schon längst geschrieben worden und verbrannt und der großen Sonne, über dem nackten Stein. Die Hitze ist taub für alles, was nicht die direkte, unmittelbare Welt ist. Keine Worte, die ich schreiben könnte, auch diese nicht. Der Wind und der Stein und das Dröhnen und der Staub und die Palme und vielleicht am Horizont das Meer. Beheimatung. Hierfür sind wir geboren. Für nichts anderes werden wir sterben. Man fährt, um verlorenzugehen, was nur bedeutet, dass man fährt, um sich in anderer Gestalt vorzufinden.“

Machen wir uns nichts vor: Durch das Driften, flatternd und dröhnend, wird das Leben zum Kunstwerk.

Let´s not fool ourselves. We need to lay aside everything we know about the wonders of technology and the attraction of motorcycles design. Furthermore, let us also forget about the celestrial  intoxication of driving and the ecstatic roar of an engine, far too naively associated with pretentiousness, machoism or unnecessary danger. We need to cut to the core. Motorcycling is the desire to detach from the world and, more importantly, from oneself. Thus, it can be compared to activities of similar depth, namely meditation, sex, psychoactive drugs etc. When we departure blindly and embark on a journey without a specific aim, driving itself becomes everything. Ultimately, it´s all about the promise of not having to arrive anywhere at all.

The philosopher Guy Debord would use, and thus re-invent, the french word derivé. And while it´s easy to translate it´s meaning into english, it´s consideribly more difficult to tranport it´s tone and insinuation too. Derivé is swift, soft, light as a feather, wide as the Jardin de Luxembourg and fickle like a bird. But at the other side, „to drift“ suggests certainty, determination, Storm and Stress, power and noise. In the sixties, a group called „Situationist International“ began to leave the beaten paths of their cities. Their aim was to redefine the act of drifting, derivé, which became a rather „meaningless“ wandering. These artists and philospohers needed to explore a city in disregard of the existing paths and given guidelines, usually imposed by the architecture of city-planning and it´s suggested emotions and narrativ. By simply experiencing each place and situation for was it actually is, the Situationists do not get lost: They suspend common interpretations while simulatiously sharpening their gaze on the supended objects. People strolled through their well known cities and re-birthed its corners, streets and skies with names only they knew.

However, the way we drift is of utter importance. When we walk, the world is close, too close to get lost in. When we drive in a car, we are too shielded from our envirement, seemingly well protected and therefor too sure of our own existence and „privacy“. On the bicycle, it´s us who have to keep the pace going. Your physicality is heavily involved in teh act of moving forward. Your mind cant detach from the requirements of the body, which might ache, sweat, exhausts etc. Only a motocycle allows us to be driven while simultanously being in teh driver´s seat. Here, we are not shielded nor sucked in by the world which is simply flashing by our senses. Our self is present, the mind is thoroughly awake and alert. While being fully emerged in the outer world and the experience of speed, land and sky, we also in sync with our innermost reality. If we dont drive in the confinments of a city, which is always dominated by a heavy stop-and-go-rhythm, but head out to the free and freeflowing rural roads, we can find that magical place where the Self and the World interfaces. and once we find it, we might as well disappear in it.

A vast land, speed and heat. I spent my motorcycle childhood- and youth in India, governed by these three qualities. They are eternally engraved to most of my riding memories. In India, you just go. You dont need a helmet nor a liscense or driving experience, you just fucking go. Travelling the subcontinent from North to South with my bike, I loved to get lost just to be able find myself again somewhere new. My drifting is writing. On the bike, the opening lines of poems and other revelations, linked to a eternal rthythm and sound, simply trickle into my consciousness. I don’t think about them. They simply arrive. Or more specifly: Through driving, my mind is able to open up to their possibilities. It´s like meditation, in which the practisioner, roughly speaking, is silencing his or her own self, allowing for a self-less consciousness to emerge. Once your personal thoughts, inclinations, attachments and memories are out of the picture, the conscious space which is called the mind is still present, still real, still existing – but with different qualities and impressions. We can´t gain anything new. We just bring back to light which was buried. The same meditative process is happening on the motorcycle, espcially in the hot and barren indian summer which has already slowed down any sense of reality. It´s a mediation in motion. We loose the references to our common perceptions. Being fully focused and present, the world is simultanuously rushing by this very presence and carries the driver away. But where to? The Buddha taught about silence and emptiness, but he doesn’t meant a numb place or a dull nothingness. Silence just means the silence from the common noise and movement of our endless though-process, and emptiness means becoming empty of your common self-awareness in order to allow a new identification with the world, a rediscovered reality which brings new intuitions and a new approach to language and music. Our consciousness experiences a infinite rebirth stretching out over the vast kilometers. Once you return to the habituel entity of your I-presence, the trip is over.

The experience of “becoming empty” serves as a great and all abiding amen. We are free. Furthermore, we also know why we are free. A wider world suddenly rests upon us and dares to speak. In order not to loose the “incoming” words and stanzas which flow so naturally into the realms of my consciousness, I never drive without a small recording device in my pocket. Somewhere in rural Tunisia, I recently recorded the following sentences: “No words can touch the totality of the land. Anything that can be written has already been written und casted away under this harsh sun. The stones know and remain silent. The heat is deaf to anything which is not instantanously real, anything which cant serve as the imminent world. There are no words, not even these. It´s all wrong. Only the wind and stones and the dust under the palmtrees, the sea, the horizon. Being home. As humans, we were born for this. We won’t die for anything else. We drive and travel in order to get lost, which simply means discovering and exploring ourselves in a different shape and a new frame of mind.”

Let´s not fool ourselves: Through the process of drifting, fluering and roaring, life becomes a work of art.

Tempel

Mögen Kirchen oder Moscheen auf die Erde gezimmert worden sein, um sich in ihrer mal pompösen oder kitschigen Ausgeschmücktheit einer vielversprechenden, weil stets alternativen Wirklichkeit zu versichern und, dem dualistischen Gesetz der monotheistischen Kulte entsprechend, dem sich Gegenübergedachten bittstellend zuzuwenden, so sind gerade die Tempel des drawidischen Südens immer nur als Spiegelfläche des eigenen Daseins konzipiert. Das gesamte Vielgötterhaus repräsentiert die elementaren Wirklichkeiten des menschlichen und kosmischen Körpers und eines aller Dingfestbarkeit inhärenten Geistes, dessen diesseitigen Eigenschaften sich über alles erstrecken, was überhaupt existieren kann. Um das garbhagrha, den Mutterleib im singenden Zentrum, wachsen und zerfallen die Arme, steinernde Knochen und Schläfen. Alles ist du. Liebe und Hass, Licht und Schatten, tierischer Instinkt und göttliche Intuition. Nirgendwo lässt sich in ein Außerhalb beten. Ein Tempel ist gebaut worden, um sich selbst zu begegnen.

Agni

Lula weiß es schon. Sie hebt den Kopf und springt die Treppen hinunter in den Sand. Mit großen Augen blickt sie Richtung Meer, welches kaum zu hören ist. Nur zweihundert Meter entfernt rauscht es sanft an sein ewiges Ufer, es sind Millionen Tonnen stetig wanderndes Wasser, die dort unaufhaltsam kommen und gehen, aber heute ist es die Urgewalt eines südindischen Sommers, die auch das Meer erfasst und zum Schweigen gebracht hat.
Schläfrig liegt es in seinem endlosen Becken und wartet.
Ich habe kein Wort gesagt, und wenn, dann hätte Lula es nicht verstanden. Trotzdem spitzen sich ihre Hundeohren in freudiger Erwartung. Natürlich weiß sie, was jetzt passiert, natürlich hat auch sie ein untrügerisches Gefühl für Gezeiten, für den Rhythmus von Tag und Nacht, für die Zyklen der wiederkehrenden Monate. Und natürlich weiß sie um den Vollmond, der zwischen den Palmen aufblitzt und uns den Weg weist, natürlich kennt sie unser Ritual, das sich ein Mal im Monat abspielt wie ein Uhrwerk.
Sie springt los.
Ich werfe mir meinen Sack über die Schulter und folge ihr.
Wir begleiten die lange Wand der Bougainvilleas Richtung Dorf, bis wir das kleine verrostete Tor erreichen. Quietschend schiebe ich es auf und Lula schießt hinaus. Gemeinsam rennen wir runter ans Ufer. Es ist nur ein paar Stunden her, da saßen wir beide an der gleichen Stelle, begleitet von graubärtigen Fischermännern, die ihre Netzte flickten und sich das feuchte Salz in die Haut rieben. Die Männer machten Feierabend nach einem Tag harter Arbeit, sie rochen nach Leder, Fischflossen und Öl, wir aber waren für den Sonnenuntergang gekommen, genauer gesagt: für den Feuerstern.
Jedes Jahr Mitte Mai steigt allabendlich zwischen 18h und 18.30h ein Himmelskörper unterhalb der Venus auf, den die Inder Agni nennen. Agni ist ein altvedischer Begriff und bedeutet Feuer. Dieser seltene Stern begleitet den Sonnenuntergang und ist nur in dieser halben Stunde zu sehen. Nach elf Tagen verabschiedet er sich so plötzlich, wie er gekommen ist, und erscheint erst wieder im folgenden Mai. Die Tamilen kennen diese besondere Zeit des Jahres als katthari, ein eingebürgerter Begriff, der sich vom Englischen cut, also schneiden oder teilen, hersagt: So nennen sie dies neu herabsteigende, schneidend-harte Licht, das den endgültigen Übergang der Jahreszeiten markiert. Dicker, erbarmungsloser Sommer! Ab katthari lebt sie endgültig unter uns, diese brüderliche Hitze einer 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne.
Jetzt aber – die Fischermänner liegen schon längst in ihren Hütten und knirschen mit den Zähnen – ist es der langsam aus dem Meer emporgestiegene Vollmond, der vom Himmel strahlt. Wie eine Nachtsonne balanciert er im Firmament. Der gesamte Strand ist hell erleuchtet, als wolle man die Nacht vertreiben, ohne auf den Tag vertrauen zu müssen. Tiefblau leuchten die Sandkristalle, und das weite Meer liegt vor uns wie Blei. Nur die weißen Schaumkronen der Wellen blitzen immer wieder auf, Sekundenlichter, die sofort in die Tiefe geschluckt werden. Diese stumme Königin dort oben am Himmel, die einst aus dem Körper der Erde herausgeschlagen wurde, sie hat alles verändert: Sind die indischen Nächte sonst mysteriös und geheimniskrämerisch, legt dieses Licht nun die gesamte Welt offen. Das Vorhandene rückt näher an sich selbst heran. Die Nacht hat sich in ein fremdes Bild verwandelt, das uns bestens bekannt ist.
Lula schmiegt sich an mich und schaut über das Meer. Ich könnte schwören, dass auch sie ergriffen ist von solchen Nächten, von weißen leuchtenden Kugeln am Himmel. Eine halbe Stunde bleibe ich noch bei ihr. Selbst die über den Strand tänzelnden Krabben interessieren sie nicht, nicht das Bellen der anderen Hunde in der Ferne. Schließlich stehe ich auf, binde mir den Gummisack mit meiner Verpflegung auf den Rücken und verabschiede mich von Lula. Ab hier muss ich alleine weiter. Mein Ziel: Die vor der Küste ankernden Fischerboote, die mich für die Nacht beherbergen werden.
Das Meer fühlt sich an wie dunkle Tinte, ein zähes und leichtes Element, das mit der schwülen Nacht verschmilzt. Immer wenn ich auftauche, folge ich dem weißen Ball am Himmel. Eine silberne, aus tausend tanzenden Lichtpunkten gezogene Spur liegt auf dem Meer und führt bis an den Horizont.
Als meine Hände schließlich gegen Holz stoßen, ziehe ich mich in den schwankenden Kahn und bleibe eine Weile so liegen, wie ich in ihm lande, die Augen stumm in den Nachthimmel gerichtet. Dann setzte ich mich an den Bug. Das Wasser hängt in dicken glasigen Perlen an meinem Körper. Ich blicke zurück auf das Land, das ich vor zehn Minuten verlassen habe, den glitzernden Strand und die Waagschalen der Palmenblätter, auf denen das Licht schwimmt, die flachen schlafenden Häuser und die dicken Wolken in einem anthrazitfarbenen, sprachlosen Himmel. Eine tropische Skyline, die ehrlicher nicht sein könnte. Selbst Lula ist noch zu erkennen als kleiner lebendiger Punkt, der den Strand auf- und abläuft. Noch eine Stunde wird sie dort bleiben und dann nach Hause laufen, wo ich sie morgen früh mit meiner Ankunft wecken werde.
Bald lege ich mich wieder auf den Rücken und starre in den Mond. Als sei er Musik, schunkelt er im Auge und erzählt. Nach einer Weile erkenne ich die Schattierungen, die hellen und dunklen Landschaften seiner Haut, Krater, Berge und weite Ebenen. Unter mir hingegen spüre ich die Geheimnisse des Meeres, die mich durch die Nacht tragen.
Es dauert nicht lange, um erneut zu verstehen, dass diese einzigartige Welt von den Menschen nichts weiter verlangt als unsere nackte Anwesenheit. Mehr ist es nicht, und es ist auch nicht weniger. Der Raum für Fragen und Antworten bleibt hier verschlossen. Das Meer verlangt nichts und der Himmel kann nicht mehr zeigen als das, was er ohnehin besitzt – das ist die ganze Kunst. Die Welt ist derart stumm, als sei sie gerade erst geboren worden, unbeschwert, vollkommen, ein Ort ohne die hanebüchene Zeit. Ein wahres Paradox dieser Nächte: Ich weiß, dass ich vollkommen alleine bin hier draußen, ein winziger Mensch auf einem riesigen Ozean, und doch fühle ich mich so aufgehoben und beheimatet wie seit einem Monat nicht mehr. Der Welt und meinem bekannten Planeten so fern und allen bekannten Bildern entschwunden, bin ich dieser Erde noch nie so nahe gekommen. Auch, wenn ich bei Sonnenaufgang hier aufwachen und zurückschwimmen werde zu Lula, zurück in mein Leben da drüben, zu Haus, Palme, Schreibtisch und den Gemeinsamkeiten von Schicksal und Leben, so weiß ich doch: Es wird unmöglich sein, von solchen Nächten vollständig zurückzukehren.

Corona Chronicles 6

Es hatte sich angekündigt, eine Nacht lang, einen frühen Morgen. Zu der ohnehin bis zur eklatanten Sauerstoffarmut verdichteten Sommerluft, die uns seit Wochen nicht schlafen lässt, kamen der Nebel und die Feuchtigkeit und das ferne Rumoren über dem Meer. Als das Gewitter schließlich über unseren Köpfen hängt, frage ich mich, wann es das letzte Mal geregnet hat. Vor drei Monaten? Vier? Die Wirklichkeit des brüllend aus dem Himmel fallenden Wassers wirkt wie eine Auferstehung. Wir spüren es bis in die klammen Knochen: Dieser Regen ist vor allem eine Erinnerung an eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist und doch sehr weit hinter uns liegt. „B.C.“, sagte ein Freund kürzlich, „Now it means „Before Corona“. Forget Christ! We are entering a new era, and maybe this is the second coming.“
Der Himmel öffnet sein vollgesogenes Maul. Der erste Regen im Corona-Zeitalter ist kein milder. Der Sturm fegt den Staub über das ausgetrocknete Land und schwemmt das Wasser über eine vom Tropensommer ausgetrocknete Erde. Schwarzer Horizont. Ein verärgertes Biest, ein Segen, ein Notwendigkeit. Wir trainieren im Regen. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn, und hat nicht jener Allerheiligste, dieser seit jeher übers Firmament verankerte Jahwe seine Karriere als jüdischer Wettergott begonnen, bevor ihm die Erfindung des Monotheismus durch Echnatons ekstatische Sonnenverehrung den Weg frei räumte zur begehrtesten, höchsten und weißesten aller Wolken? Jene Wolke, aus der es nun blitzt und donnert?
Als das Gewitter vorbeigezogen ist, fahren wir zurück nach Kuilapalayam. Innerhalb weniger Stunden ist das Dorf um drei Straßensperren bereichert worden, alle an derselben Ecke und in einem Abstand von nur hundert Metern. Die üblichen über die Straße geworfene Baumstämme, vertrocknete Äste und mit Müll gefüllten Reissäcke, die nach spätestens einem halben Tag beiseite geschoben werden, da es für das indische Herz nicht schlimmeres gibt als Dinge, die mehr als einige Stunden im Weg liegen.
Warum diese Roadblocks? – Keiner weiß es. Alle, die ich fragen kann, schütteln den Kopf und versuchen, die Anwesenheit der Blockade mit der üblichen Missachtung aller weltlichen Angelegenheiten zu ignorieren. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Noch immer regnet es leicht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Tag, höre ich mich flüstern, irgendetwas stimmt nicht.
Meinem verkrüppelter Kokosnussverkäufer, die leblosen und krummen Beine zu einem ordentlichen Haufen vor seine Hüfte zusammengestapelt, macht es nichts aus, im Nassen zu sitzen. Dass er ein Meister ist, habe ich schon lange gewusst. Doch heute winkt er mich etwas näher heran, überreicht mir die aufgeschlagene Kokosnuss und flüstert: I can fix bikes too. And get cigarettes and a tailor and chicken.
And booze?, frage ich.
Sorry Sir, very sorry. Me, I am only selling coconut.

Ich brauche einige Zeit, um zu bemerken, dass er fast der einzige ist, der draußen ist. Alle Läden sind geschlossen, obwohl die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken am Vormittag öffnen dürfen. Die wenigen Wagemutigen, die verschwiegen im Dorf herumlaufen, tragen kein Lächeln hinter dem Mundschutz. Sobald es regnet, sind die Straßen normalerweise voller aufgeregter, durch die Pfützen planschender Kinder.
Aber es sind keine Kinder zu sehen.
Irgendetwas stimmt nicht.
Auf meinen Nachhauseweg sehe ich ein halbes dutzend Menschen, die ihre Scooter und Motorräder schieben anstatt zu fahren. Zwei Polizisten stehen am Straßenrand und diskutieren schreiend mit einigen Männern. Ich schaue gar nicht erst in ihre Richtung und gebe Gas. Ein gestrandetes Auto. Leer. Noch eine Frau, die ihr Moped schiebt. Ich habe Glück und erreiche Ramalingam. Erst, als ich Lotta abstelle, reicht meine Sinneswelt die wahren Ereignisse der letzten fünf Minuten nach. Die schwere Luft voller Eukalyptus, das Quaken der Frösche in den Pfützen, eine graue Sonne. Und der Geruch des dampfenden Asphalt, das Parfüm einer schwitzenden Erde. Erst kürzlich lernte ich das Wort, dass man für diesen einzigartigen Geruch gefunden hat: Petrichor. Das aus dem Stein tretende „Blut der Götter“.

Ramalingam sitzt an seinem Tisch und schaut sich die Nachrichten an. Ob er wüsste, was draußen vor sich gehe?
Nein.
Sagt das Internet irgendetwas?
Nein.
Was sagen die Nachrichten?
Ach, immer dasselbe.
Er steht auf, bricht einen Neemzweig vom Baum und legt ihn auf die Theke. Neem ist das tamilische Allerheilsmittel. Es hilft gegen Infektionen, Entzündungen, Bakterien, Viren, wahrscheinlich auch gegen Depressionen, pakistanische Kriegsgebärden oder die Trauer, die aufkommt, wenn eine komplette Cricket-Saison abgesagt wird. An allen Türen und Toren kleben seit Wochen vermehrt die zu buscheligen Bündeln zusammengebundenen Zweige, um die Eintretenden aus zwei Metern Abstand zu desinfizieren.
Ramalingam erzählt. Noch vor einer halben Stunde habe die Polizei direkt vor der Farm gewartet und jedem, der sein Essen abgeholt hat, die Schlüssel weggenommen, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ab da an musste geschoben werden. Warum, frage ich erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Und sie ist eindeutig. Er springt auf, greift einen Stock und spielt einen Polizisten, der einen Motorradfahrer vom Bike kloppt. Er lacht. Wir lachen. What to do, sagt er, die Regierung sagt und die Polizei macht, oder die Regierung sagt das eine und die Polizei macht das andere, sie haben ihre lathis (Stöcke) und wir nicht. Tsi Tsu Zack, Zack Tschusch!
Er packt den Stock und schmeißt ihn über die Mauer zu den Papayabäumen. It will be allright, sagt er, und klopft sich die Erde von den Händen. Ich muss an Ashok denken, mit dem ich vor ein paar Tagen all die Horrormeldungen durchgegangen bin, die der hiesige Lockdown verursacht. Abermillionen Arbeitslose, die astronomischen Fälle häuslicher Gewalt, Perspektivlosigkeit, bis ins Mark traumatisierte Kinder, Depression, Angstzustände, zehntausende Selbstmorde, die nicht rückgängig machende Vernichtung von Millionen Existenzen, eine Flut an psychologischen Erkrankungen, Hunderttausende, die der Krebs holen wird, ein unermessliches Stresslevel, endloser Hunger und taube, schier unermessliche Armut.
Todeszahlen durch Covid19 in einem Land, in dem sich fast niemand an den Lockdown und die Hygiene-Vorschriften hält: Unter 2000.
People are dying, sagte ich. It is clear by now that the Lockdown will kill a hundred times more people than Covid19. Strangely enough, nobody seems to care.
They will find a way, war die Antwort Ashoks.
To die? Yes, they found many ways already.
No, we will find a way to deal with the situation. We just stay at home and eat what we have.
Man people don´t even have rice any more. And no home to stay in. Or they are caged in with violent lunatics?
They will find a way. They will live outside. It´s so hot, outside now is better than inside. And someone will come and feed them.
The government?
No, other people. Or nobody, I dont know. You will see, they will all survive, and others will die. There is just no other way.
Ich lasse mich in meinen Stuhl zurücksinken. Ich weiß, was Ramalingam meint und was Ashok hat sagen wollen. Ich weiß, dass er Recht hat. Dies ist die Realität, ob wir es wollen oder nicht. Viele sterben. Sehr viele sterben. Viele ertragen unermessliches Leid. Viele, das sind vor allem die Armen und die Ärmsten der Armen, mehrere hundert Millionen Inder. Sie ertragen das Leid und diese harte Zeit, weil sie, was Leid und Unrecht angeht, die großen Übenden sind. Sie kämpfen ihr ganzes Leben lang um jeden einzelnen Tag, wie schon ihre Mütter, Großmütter und alle Mütter und Väter vor ihnen Tag um Tag ums Überleben kämpfen mussten. Das ist das Leben: Überleben. Nichts wurde ihnen jemals geschenkt. Sie haben sich zurechtgestutzt am Ertragen-Von. Diese Lehre hat sie so stark gemacht, wie, um ein Bild Nietzsches zu benutzen, ein Baum, dem die gefährlichen Winde und Stürme nur dazu dienten, seine Wurzeln kräftiger ins Erdreich zu schlagen.
Ashok hat Recht.
Große, starke und mächtige Bäume, und morgen beginnt das Leben von neuem. Inder finden immer einen Weg, gerade dann, wenn sich von alleine keiner mehr auftut.

Bevor ich aufbreche, gehe ich zur Straße und schaue, ob die Luft rein ist. Lotta ist launisch. Ich brauche zehn Versuche, um sie zu starten. „She is a real bitch“, waren die wahren Worte der Vorbesitzerin, „and it takes a bitch to drive her!“ Unbeschadet gelangen wir nach Hause. Die kleine Pfütze vor dem Kühlschrank verrät, dass es erneut keinen Strom gibt. Der Stromausfall wird den gesamten Tag andauern, genauso wie letzten Sonntag und alle weiteren Sonntage von nun an, bis Juli, bis der Sommermonsun kommt. Niemanden erstaunt es, dass gerade jetzt im Sommer, bei 38 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80%, den Menschen genau jener kostbare Strom abgesägt wird, der die lebenswichtigen Ventilatoren speist. Es ist einfach zu typisch für ein Land, das sich stets für das Folgenreiche und gegen die Folgerichtigkeit entscheidet.
Ich wische die Pfütze auf. Den wärmer werdenden Joghurt schabe ich mit einem Teelöffel aus der Packung. Draußen stelle ich den Verandastuhl in den glänzenden, perlreinen, frisch gewaschenen Garten. Covida geht auf die Jagd. Ängstlich vermeidet sie jede Pfütze, ja selbst das nasse Erdreich ist ihrer Reinlichkeit suspekt. Eine Killerin, die alles frisst, was sich bewegt, jedem lebendigen Ding dem Kopf abreißt, sich noch zuckende Geckoschwänze auf der Zunge zergehen lässt und doch peinlichst darauf achtet, bei ihren reptiloiden Säuberungen die samtenen Pfötchen nicht schmutzig werden zu lassen. Kurz, eine Katze.
Noch immer die grauen Wolken ohne ein Anzeichen von Blau. Ich telefoniere mit vier tamilischen Freunden, um zu erfahren, was los ist. Die harten Maßnahmen der Polizei, die alles absperrt, Motorradschlüssel konfisziert und wahllos verprügelt, gelten nur heute, sagt der erste. Das ganze dauert eine Woche, sagt der zweite. Der dritte: Es ist ein Drei-Tages-Shutdown, auch die Lebensmittelgeschäfte haben zu, alles, die Polizei schmeißt dein Fahrrad in den Wald oder den Fluss, wenn du draußen rumfährst. Der Lockdown wird auf den gesamten Mai ausgeweitet and we are all fucked. Stay at home!
Freund Nummer vier weiß nicht, wovon ich spreche, antwortet aber dennoch. Inder werden dem Fragenden lieber den Weg zur Hölle weisen oder ein nutzloses Märchen improvisieren, anstatt keine Antwort zu geben. Vom Kap Kanjakumari bis in den Himalaya gilt: Falsch ist nicht, auf eine Frage keine Antwort zu wissen, sondern nur, keine Antwort zu geben. Er sagt: Vier Tage!
Vier Tage was?
Naja, vier Tage, du weißt schon.
Nein, ich weiß nicht, deswegen ruf ich ja an.
Vier Tage … ja … der Prime Minister war im Fernsehen, er hat alles gesagt, aber die einzelnen Staaten können auch entscheiden, ähhh, wann die Shops wieder aufmachen … glaube ich. Meine Tante in Coimbatore hat auch erzählt, äh, naja, dass dort die Straßen zu sind, man munkelt, ob bald die Liquor Store wieder öffnen dürfen, das hat der Chief Minister von Pondy gesagt, gestern. Äh nein, sorry: heute!