Corona Chronicles 1

In all meinen indischen Jahren habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, dieses unermessliche Land als ein Konglomerat aller auffindbarer Gegensätze zu beschreiben, das von keiner weltlichen Macht zu kontrollieren ist. Genau hier liegt der große Unterschied zum Nachbarreich China, welches auf der anderen Seite des Himalayas über die ungefähr gleiche und gleichsam ungeheure Einwohnerzahl regiert. Spätestens seit der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ wurde jegliches Gebet und Jenseitsdenken aus den Köpfen der Menschen verbannt und nur noch ein striktes Diesseits gepredigt, das allein mit der rechten ideologisch-technokratischen Anstrengung zu einem Paradies auf Erden gestaltet werden kann. China stampft in Krisenzeiten ein komplettes – und funktionstüchtiges! – Krankenhaus in ein paar Tagen aus der Erde und wird von einer Partei geführt, die sich auf den absoluten Gehorsam ihrer Untertanen verlassen kann. In Indien aber weiß man nichts von solch einer gespenstischen Herrschaft. Hier existiert noch immer eine altehrwürdige Welt, seit ungezählten Äonen in die kollektive Psyche der Bewohner gegraben, welche gerade die Handhabung jener Fäden, an denen die Schicksale der Lebenden hängen, niemals einem Lebewesen anvertrauen, welches die Biologen allzu nüchtern zu den Primaten zählen. Menschen, von Schopenhauer nur bipedis genannt, kommen und gehen auf sterblichen Füßen, die Götter aber bleiben – und sind somit die einzigen, die wahre Autorität genießen.

Die gravierende Vernachlässigung des materiellen und sichtbaren Aspekts der Natur beweist heute noch jeden Tag, wie sehr man stets auf das Überirdische und dessen Führung vertraut. Und es sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, dass es egal ist, ob die göttlichen Hände den Einzelnen zermalmen oder hinauf tragen in elysische Höhen: der Weg oder die Pflicht (dharma) ist allein, die Entscheidungen der Götter zu akzeptieren.

Mit dem Einzug des Coronavirus in das Land wird in den kommenden Wochen jenes hübsche Bild erschüttert werden, das sich die politische Führungsriege bislang von sich selbst gezeichnet hat. Man ist ziemlich stolz auf die Screenings, die seit Januar an den Flughäfen vorgenommen wurden, oder die Reisebeschränkungen, die der Staat Schritt für Schritt und ohne viel Panikmache verhängt hat. Und trotzdem weiß jeder Einwohner dieses Landes, dass vieles der überwiegend symbolträchtigen Politik vergessen sein wird, wenn sich der Virus nun doch ausbreitet und es auch dem Letzten dämmern wird, dass 150.000 Tests wohl nicht ausreichen werden für 1,3 Milliarden Menschen. Ist das indische Gesundheitssystem chronisch unterfinanziert, chaotisch, unzuverlässig und ineffizient? Ja. Hat die WHO Recht, wenn sie behauptet, gerade Indien könne mit den positiven Erfahrungen aus der Pocken- und Poliobekämpfung eine Ausbreitung im Land verhindern? Ja. Wie immer gilt das indische Paradox: Von allem, was man über Indien behaupten kann, ist das Gegenteil genauso wahr oder falsch.

Zweifelsfrei ist lediglich, dass seit nunmehr fast zwei Wochen ein Mann trocken ins Telefon hustet, sobald man eine Nummer wählt. Dem Auswurf der virtuellen Viren folgt eine Anleitung, welche persönlichen Vorkehrungen gegen das Corona-Virus getroffen werden können – alles gängige Hygienepraktiken, die kein Inder befolgt oder aufgrund von Mittellosigkeit befolgen kann. Schön und gut, aber zu wenig, wenn, wie es nun geschieht, die (noch geringen) Infektionsfälle steigen und steigen. Das Indian Council for Medical Research hat bereits im Februar eine Studie veröffentlicht, in der es heißt, eine Epidemie sei in Indien nicht mehr zu verhindern. Es ist allein den rigorosen Tests an den Flughäfen zu verdanken, dass sie 45 Tage später ausbricht als erwartet. Ob dies genug Zeit ist, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, wird sich zeigen.

Gefährlicher als das Virus selbst sind auch in Indien ohnehin die Falschmeldungen, die vor allem in den sozialen Medien kursieren. Hier geht es nicht nur um die handelsübliche Bandbreite aus politisch oder religiös motivierten Verschwörungstheorien, sondern insbesondere um die Suche nach einem Schuldigen, der in Form des Ausländers schon gefunden worden ist. In Goa berichten Touristen von einer aufgeheizten Stimmung und aggressivem Verhalten gegenüber Nicht-Indern, in Kerala wird weißen Reisenden „Corona Corona“ hinterhergeschrien. Der Nachbar einer Bekannten berichtete, das Gesundheitsministerium hätte ihm und allen anderen Indern die Aufforderung geschickt, sich sicherheitshalber von Weißen fernzuhalten: Sie seien es, die das Virus aus Europa nach Indien importiert hätten. Kaum noch auszumachen, ob dies alles stimmt, aber die Stimmung ist gemacht. Meine Bekannte erreicht ihren Nachbarn nicht, um die Meldung für mich zu verifizieren. So bleibt alles Hörensagen und stetige Halbwahrheit. Vor einige Tagen erreichte mich die Mitteilung, hier in Auroville, einem Experimentdorf mit Einwohnern aus 50 Nationen, sei bereits der erste Fall bei einem weißen Gast aufgetreten, und die Polizei hätte alles abgeriegelt. Quelle dieser Behauptung: Krankenschwestern aus dem Nachbardorf. Drei Tage später wissen wir endgültig, dass dieses Gerücht keinen Funken Wahrheit enthielt.

Von den letzten 18 Jahren meines Lebens habe ich die meiste Zeit in Indien verbracht, ich weiß nur allzu gut, was es braucht, um die friedlich dahinsäuselnde Masse in einen gewaltigen Mob zu verwandelt. Davon sind wir zum Glück sehr weit entfernt und ich bin optimistisch, dass dies auch so bleiben wird. Solange die Versorgung mit Essen, Wasser und Obdach weiterhin und vor allem für jene gewährleistet ist, deren Arbeit und Einkommen gerade vollkommen wegbrechen, dann kann es Indien schaffen, sich ohne soziale Konflikte aus dieser Krise zu navigieren. Oder aber, das Gegenteil tritt ein …

Ab heute sind die Maßnahmen derart verschärft worden, dass sie den Verhältnissen in Deutschland sehr ähnlich sind. Jeglicher Verkehr zwischen den innerindischen Staaten und Distrikten ist eingestellt, alle nicht systemrelevanten Geschäfte müssen schließen, Schulen und Co. sind schon längst verwaist und bleiben es auch. Alles liegt brach. Kein Bus fährt, kein Flugzeug fliegt, Restaurants dürfen nur noch Speisen zum Mitnehmen anbieten. Und diejenigen Reisenden aus dem Ausland, die noch hier sind, werden wohl keine andere Chance haben, als den Sommer in Indien zu verbringen.

Gestern Abend, vor dem landesweiten Lockdown, bin ich noch einmal nach Pondicherry gefahren, wo vom viel beschworenen social distancing bislang nur das Soziale und keine Distanz zu sehen war. Ja, es waren etwas weniger Menschen unterwegs, aber im Großen und Ganzen ging alles seinen gewohnten Gang. Kein Wunder, dass Vertreter der AIADMK, der tamilischen Oppositionspartei, der lokalen Regierung „Lethargie“ im Umgang mit dem Corona-Virus vorwerfen und eine Freundin aus Rajasthan, die seit einer Woche das Haus nicht mehr verlassen hat, entgeistert durchs Telefon brüllte: „Du bist wo, in Pondy? Und da sind überall Menschen auf der Straße?“

Im Liquor Store herrschte ein Andrang, als trennten uns nur noch Zentimeter von der Apokalypse. Zwei knüppelschwingende Polizisten sorgten dafür, dass sich die blutrot angelaufenen Kunden tatsächlich in einer Schlange einordneten, etwas, was ich in Indien noch nie erlebt habe. Kein schweißgebadeter Halbkreis brachial anstürmender Massen, sondern eine verdammte Schlange! In einem Alkoholladen! Außergewöhnliche Zeiten erfordern augenscheinlich außergewöhnliche Maßnahmen. Den Eingang hatte man zugesperrt, immer wieder wurde er kurz geöffnet, um Männer hinein oder hinaus zu lassen. Drängeleien, Schubser, Geschrei, eine kleine Prügelei – mir aber begegnete man mit der üblichen Freude und Neugier, mit denen die Inder ihre Besucher zu verwöhnen wissen. Ich schüttelte einige Hände und kaufte zwei Flaschen Old Monk, ich wollte nicht gierig erscheinen. Der Kerl hinter mir hustete mir kontinuierlich in den Nacken, eine Gruppe wollte ein Foto mit mir schießen, ich gehorchte, wer weiß, was morgen sein wird. Zurück auf der Straße kam mir einer der Polizisten nachgerannt und hielt mir, der ich gerade mit dem Schnaps in der Hand mein Motorrad bestiegen hatte, die Hand hin. „No Problem“, sagte er, „no Corona in Tamil Nadu!“ Ich griff zu. Vielleicht war es unser Pakt, den Göttern unser Vertrauen auszusprechen.