Tempel

Mögen Kirchen oder Moscheen auf die Erde gezimmert worden sein, um sich in ihrer mal pompösen oder kitschigen Ausgeschmücktheit einer vielversprechenden, weil stets alternativen Wirklichkeit zu versichern und, dem dualistischen Gesetz der monotheistischen Kulte entsprechend, dem sich Gegenübergedachten bittstellend zuzuwenden, so sind gerade die Tempel des drawidischen Südens immer nur als Spiegelfläche des eigenen Daseins konzipiert. Das gesamte Vielgötterhaus repräsentiert die elementaren Wirklichkeiten des menschlichen und kosmischen Körpers und eines aller Dingfestbarkeit inhärenten Geistes, dessen diesseitigen Eigenschaften sich über alles erstrecken, was überhaupt existieren kann. Um das garbhagrha, den Mutterleib im singenden Zentrum, wachsen und zerfallen die Arme, steinernde Knochen und Schläfen. Alles ist du. Liebe und Hass, Licht und Schatten, tierischer Instinkt und göttliche Intuition. Nirgendwo lässt sich in ein Außerhalb beten. Ein Tempel ist gebaut worden, um sich selbst zu begegnen.

Agni

Lula weiß es schon. Sie hebt den Kopf und springt die Treppen hinunter in den Sand. Mit großen Augen blickt sie Richtung Meer, welches kaum zu hören ist. Nur zweihundert Meter entfernt rauscht es sanft an sein ewiges Ufer, es sind Millionen Tonnen stetig wanderndes Wasser, die dort unaufhaltsam kommen und gehen, aber heute ist es die Urgewalt eines südindischen Sommers, die auch das Meer erfasst und zum Schweigen gebracht hat.
Schläfrig liegt es in seinem endlosen Becken und wartet.
Ich habe kein Wort gesagt, und wenn, dann hätte Lula es nicht verstanden. Trotzdem spitzen sich ihre Hundeohren in freudiger Erwartung. Natürlich weiß sie, was jetzt passiert, natürlich hat auch sie ein untrügerisches Gefühl für Gezeiten, für den Rhythmus von Tag und Nacht, für die Zyklen der wiederkehrenden Monate. Und natürlich weiß sie um den Vollmond, der zwischen den Palmen aufblitzt und uns den Weg weist, natürlich kennt sie unser Ritual, das sich ein Mal im Monat abspielt wie ein Uhrwerk.
Sie springt los.
Ich werfe mir meinen Sack über die Schulter und folge ihr.
Wir begleiten die lange Wand der Bougainvilleas Richtung Dorf, bis wir das kleine verrostete Tor erreichen. Quietschend schiebe ich es auf und Lula schießt hinaus. Gemeinsam rennen wir runter ans Ufer. Es ist nur ein paar Stunden her, da saßen wir beide an der gleichen Stelle, begleitet von graubärtigen Fischermännern, die ihre Netzte flickten und sich das feuchte Salz in die Haut rieben. Die Männer machten Feierabend nach einem Tag harter Arbeit, sie rochen nach Leder, Fischflossen und Öl, wir aber waren für den Sonnenuntergang gekommen, genauer gesagt: für den Feuerstern.
Jedes Jahr Mitte Mai steigt allabendlich zwischen 18h und 18.30h ein Himmelskörper unterhalb der Venus auf, den die Inder Agni nennen. Agni ist ein altvedischer Begriff und bedeutet Feuer. Dieser seltene Stern begleitet den Sonnenuntergang und ist nur in dieser halben Stunde zu sehen. Nach elf Tagen verabschiedet er sich so plötzlich, wie er gekommen ist, und erscheint erst wieder im folgenden Mai. Die Tamilen kennen diese besondere Zeit des Jahres als katthari, ein eingebürgerter Begriff, der sich vom Englischen cut, also schneiden oder teilen, hersagt: So nennen sie dies neu herabsteigende, schneidend-harte Licht, das den endgültigen Übergang der Jahreszeiten markiert. Dicker, erbarmungsloser Sommer! Ab katthari lebt sie endgültig unter uns, diese brüderliche Hitze einer 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne.
Jetzt aber – die Fischermänner liegen schon längst in ihren Hütten und knirschen mit den Zähnen – ist es der langsam aus dem Meer emporgestiegene Vollmond, der vom Himmel strahlt. Wie eine Nachtsonne balanciert er im Firmament. Der gesamte Strand ist hell erleuchtet, als wolle man die Nacht vertreiben, ohne auf den Tag vertrauen zu müssen. Tiefblau leuchten die Sandkristalle, und das weite Meer liegt vor uns wie Blei. Nur die weißen Schaumkronen der Wellen blitzen immer wieder auf, Sekundenlichter, die sofort in die Tiefe geschluckt werden. Diese stumme Königin dort oben am Himmel, die einst aus dem Körper der Erde herausgeschlagen wurde, sie hat alles verändert: Sind die indischen Nächte sonst mysteriös und geheimniskrämerisch, legt dieses Licht nun die gesamte Welt offen. Das Vorhandene rückt näher an sich selbst heran. Die Nacht hat sich in ein fremdes Bild verwandelt, das uns bestens bekannt ist.
Lula schmiegt sich an mich und schaut über das Meer. Ich könnte schwören, dass auch sie ergriffen ist von solchen Nächten, von weißen leuchtenden Kugeln am Himmel. Eine halbe Stunde bleibe ich noch bei ihr. Selbst die über den Strand tänzelnden Krabben interessieren sie nicht, nicht das Bellen der anderen Hunde in der Ferne. Schließlich stehe ich auf, binde mir den Gummisack mit meiner Verpflegung auf den Rücken und verabschiede mich von Lula. Ab hier muss ich alleine weiter. Mein Ziel: Die vor der Küste ankernden Fischerboote, die mich für die Nacht beherbergen werden.
Das Meer fühlt sich an wie dunkle Tinte, ein zähes und leichtes Element, das mit der schwülen Nacht verschmilzt. Immer wenn ich auftauche, folge ich dem weißen Ball am Himmel. Eine silberne, aus tausend tanzenden Lichtpunkten gezogene Spur liegt auf dem Meer und führt bis an den Horizont.
Als meine Hände schließlich gegen Holz stoßen, ziehe ich mich in den schwankenden Kahn und bleibe eine Weile so liegen, wie ich in ihm lande, die Augen stumm in den Nachthimmel gerichtet. Dann setzte ich mich an den Bug. Das Wasser hängt in dicken glasigen Perlen an meinem Körper. Ich blicke zurück auf das Land, das ich vor zehn Minuten verlassen habe, den glitzernden Strand und die Waagschalen der Palmenblätter, auf denen das Licht schwimmt, die flachen schlafenden Häuser und die dicken Wolken in einem anthrazitfarbenen, sprachlosen Himmel. Eine tropische Skyline, die ehrlicher nicht sein könnte. Selbst Lula ist noch zu erkennen als kleiner lebendiger Punkt, der den Strand auf- und abläuft. Noch eine Stunde wird sie dort bleiben und dann nach Hause laufen, wo ich sie morgen früh mit meiner Ankunft wecken werde.
Bald lege ich mich wieder auf den Rücken und starre in den Mond. Als sei er Musik, schunkelt er im Auge und erzählt. Nach einer Weile erkenne ich die Schattierungen, die hellen und dunklen Landschaften seiner Haut, Krater, Berge und weite Ebenen. Unter mir hingegen spüre ich die Geheimnisse des Meeres, die mich durch die Nacht tragen.
Es dauert nicht lange, um erneut zu verstehen, dass diese einzigartige Welt von den Menschen nichts weiter verlangt als unsere nackte Anwesenheit. Mehr ist es nicht, und es ist auch nicht weniger. Der Raum für Fragen und Antworten bleibt hier verschlossen. Das Meer verlangt nichts und der Himmel kann nicht mehr zeigen als das, was er ohnehin besitzt – das ist die ganze Kunst. Die Welt ist derart stumm, als sei sie gerade erst geboren worden, unbeschwert, vollkommen, ein Ort ohne die hanebüchene Zeit. Ein wahres Paradox dieser Nächte: Ich weiß, dass ich vollkommen alleine bin hier draußen, ein winziger Mensch auf einem riesigen Ozean, und doch fühle ich mich so aufgehoben und beheimatet wie seit einem Monat nicht mehr. Der Welt und meinem bekannten Planeten so fern und allen bekannten Bildern entschwunden, bin ich dieser Erde noch nie so nahe gekommen. Auch, wenn ich bei Sonnenaufgang hier aufwachen und zurückschwimmen werde zu Lula, zurück in mein Leben da drüben, zu Haus, Palme, Schreibtisch und den Gemeinsamkeiten von Schicksal und Leben, so weiß ich doch: Es wird unmöglich sein, von solchen Nächten vollständig zurückzukehren.

Tamil Nadu

Tamil Nadu. Ich bin mir nicht sicher, ob eine frühere Version meiner selbst schon einmal hier lebte, tief im Schoße einer Zeit und verlorenen Sprache, von der ein Dennis Freischlad nichts mehr wissen kann – oder ob ich die letzten 18 Jahre nur zu oft durch diese Dörfer und Landstriche gereist bin. Aber dies mächtige, brachiale, hartsonnengegerbte und mondträumende Land, das sich so ehrfurchtsvoll hingibt an die Gesamtbedingungen des Lebens: Auf der ganzen Welt gibt es keinen anderen Ort, der mir so bekannt ist.
Die sich am Horizont in großen Felsen aufhügelnde Erde, ins Auge getupft durch den Reigen der Palmen und Banyans, das schillernde Grün der Reisfelder nach dem Monsun, die Lehmhäuser und Keethütten, hinter denen die Tempeltürme das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde wahren. Der Sommer hat sich Berge von Wassermelonen an den Straßenrand getürmt, große grüne Perlen, die man vom Erdboden gekratzt und zwischen die ewigen Tamarindbäume gerollt hat, weise Beschützer, die uns aufnehmen unter ihre mächtigen Kronen. Stumm wachen sie über all diese Dörfer, in die seit Jahrhunderten keine Zukunft eingezogen ist, sie erzählen das gleißende Himmelsblau, den Schweiß, den kommenden Regen, das Warten auf die Zeit und alle Traumbarkeiten, die ein menschliches Herz aufbringen kann. So, wie es das Auge sieht, existiert das Land schon seit Jahrtausenden, eine Ur-Version von Acker, Grün, Bulle und Heim, greifbar wie eine Fotografie, von der nur der Staub zu pusten ist. Eine erste Erde. Ein Land so ewig und unwandelbar wie die Bilder, von der sich allein die eigene Seele zu berichten weiß.

Shiva

Wer dir passt in das Licht zweier Augen
und schon auf Erden angekommen immer
an Bahnhöfen, Tresen, in überfüllten Stadien
den staubigen, heißgefluteten Gassen
auf Ämtern, den Malls und Märkten
im eigenen Hause schlafend und wachend
anwesend so deutlich schon immer
auf Autobahnen, in Cafés, Casinos und Parks
während die Ferngeblickten noch suchen
in Tempeln, Kirchen, Moscheen
in Palästen trotz allem –

O der Gott, den sie sehen können, ist ihnen nichts wert
und der Himmel, der ihre Ernte reift
zu sehr Erdreich geworden
für die blinde Lust ihrer Gebete.

Doch wer dir ins Licht passt, im Auge kommend und gehend
und schon auf Erden angekommen immer
als Bettler-Hannes mit aufgeplatzten Händen
schwarzer Priester der ersten Silbe Om und Ohm
Mütterchen, das Korn mahlend in Tellern und Tassen
der Mörder und Schläger erhobenen Schwertes
der Chai-Wallah süßgesungener Zungen
der Zamindar besetzt mit Diamanten und Runen
der Asket aus dem letzten Knochen biegsamer Weisheit
die Händlerin von Myrrhe, Ingwerzweigen und Zimt
die Schwester mit der Hingabe unbegreiflicher Sonnen
der Mönchsbruder auf gierig zerschlissenen Knien
die Bauern und Wirte in gestärkten Hemden
die Polizistin mit Schlagstock und Kartei
das leuchtende Auge der Sklaven und Schuldner
der Großvater auf dem warmen Stein letztgesungener Tage
die Nachbarin aus Rose und Dorn und Gespinst
der Politiker mit dem Biss schwarzgetränkter Zähne
der Bruder, gewachsen aus der Stirn ewiger Stille
das Kind balancierend auf Stunden und Tagen
das Kind lachend in deinen Augen kommend und gehend
Menschenkind auf Erden
auf Parkplätzen, in den Hallen, Höfen und Gärten
in Palästen trotz allem –

O der Gott, den du sehen kannst
als Taumel, Tiefe, Höhe und Rausch, als Ruf
zweier wartender Augen.

Offener Brief an Tranquebar

Offener Brief an Tranquebar, eingesungen als Koromandel-Küstenlied und Trinkspruch für späte Nachmittage

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
die Sonne steigt durch Mund und Lippe
und brennt das Meer in taube Augen
O weites Simsala du weißt
niemand ist wach, um es zu glauben.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
in der Sonnenmondgleiche der Tage
haust dein Gott der Blüten und Bände
O weites Simsala du weißt
jedem Ziel folgt ein Anfang und dem Beginnen ein Ende.

O Koromandel sing
Simsala-Simsalabim
Kinder sind alte Fischer geworden
und zählen das Weiß in die Stunden
O weites Simsala du weißt
die Zeit hat keine Erde gefunden.

O Koromandel komm und sing
dein Simsala-Simsalabim
kein Menschlein kennt des Himmels Blau
denn wer hat´s geboren, wer hat´s vermessen
O weites Simsala du weißt
Morgen ist Morgen und alles vergessen.