ABOUT MOTORCYCLING – A philosophy of driving.

First the german original. Find the english version below.

ÜBER DAS MOTORRADFAHREN – Kleine Motorrad-Philosophie

Machen wir uns nichts vor und vergessen alles, was wir über die gestalterischen Wunder von Technik und Design wissen, vergessen wir auch den erhitzten Rausch und das Dröhnen des Motors, viel zu naiv in Verbindung gebracht mit Protzigkeit, Lärm oder unnötiger Gefahr: Denn das Motorradfahren ist eine Sucht nach Auflösung. Es reiht sich lautstark ein in andere Unternehmungen ähnlicher Tiefe, namentlich Meditation, Sex, psychogene Drogen etc. Der Aufbruch und das Losfahren, egal wohin: Sie sind verwandt mit dem Versprechen, nirgends ankommen zu müssen.

Derivé. Guy Debord benutzte dieses hübsche kleine Wort, das in der englischen Übersetzung kaum ein anderes Gesicht, wohl aber einen anderen Ton annimmt. Das französiche Derivé ist federleicht, offen, weit wie der Jardin de Luxembourg und flatternd wie ein Vogel. To drift hingegen ist besetzt mit Bestimmtheit, Sturm und Drang, mit Motor, Kraft und Krach. In den 60er Jahren begannen die Situationisten, die eingetrampelten urbanen Pfade und Landkarten außer Kraft zu setzen, indem sie sich ganz dem aufmerksamen derivé, dem „sinnfreien“ Umherschweifen überließen. Es galt und gilt bis heute, die Stadt in einer Art zu erkunden, die fernab der vorgegeben architektonischen Emotionen existiert, und die, situativ von Vorgefundenem zu Vorgefundenem, den Blick auf die Umgebung gleichzeitig aussetzt und verschärft. Die Menschen spazierten durch die Städte und gaben den Orten neue Namen, die nur sie kannten.

Nun ist es jedoch ein enormer Unterschied, wie genau wir uns fortbewegen, und wo. Im Spaziergang steht man allzu gewaltig in der Welt, die immer zu nah ist, um wirklich Abstand zu gewinnen; im Auto ist man zu sehr abgeschirmt, scheinbar gut geschützt und sich somit seiner selbst zu sicher; das Fahrrad muss man selbst in Gang halten, so dass die eigene Körperlichkeit in den Vordergrund tritt und den freien, gerade von den Prämissen des Leibes losgelösten Geistesfluss stört. Auf einem Motorrad jedoch wird man gefahren, während man gleichzeitig der Fahrer ist. Ungeschützt und fern der vorbeirauschenden Welt, die uns ihre vermeintliche Wirklichkeit nur noch in Sekundenbildern einzuflüstern weiß, und gleichzeitig so anwesend als Ich und Selbst, das es kaum vollere Stunden geben könnte. Im Fahren kommen wir diesem Draußensein nahe, welches unsere innerste Wirklichkeit ist. Begreifen wir das Driften nicht in seinem urbanen, vom stop-and-go rythmus eingekerkerten Rahmen, dann ist das Motorradfahren in der ländlichen Weite jenes Unterfangen, das uns am genauesten in die Schnittstelle von Ich und Welt stellt, bzw. uns in genau dieser Schnittstelle verschwinden lässt

Weite, Geschwindigkeit und Hitze. Für mich, der ich meine Motorradkindheit- und Jugend in Indien verbrachte, sind dies schon immer die besten Voraussetzungen, um so lange verloren zu gehen, bis ich mich neu in einer bekannten Welt vorzufinden weiß. Mein Driften ist Schreiben. Kaum eine Situation, in der mir Anfangszeilen von Gedichten wie Offenbarungen ins Bewusstsein rieselten, ohne, dass ich etwas dafür tun musste. In der Meditation bringt man, grob gesagt, das eigene Ich zum Schweigen, damit das Bewusstsein-an-sich, das sonst mit den nur persönlichen Gedanken und Gefühlen beschäftigt ist, plötzlich einen neuen Raum gewinnt, den es wahrnehmen kann – ein Raum, der schon immer existiert, aber kaum begangen wird. Selbiges bewirkt das Motorradfahren, vor allem in der bereits verlangsamten Realität eines indischen Sommers. Auf dem Motorrad verliert der Fahrer alle Bezüge zu seiner üblichen Wahrnehmungsweise. Während man einerseits vollkommen anwesend ist, rauscht die Welt an dieser Anwesenheit vorbei und trägt den Fahrer hinfort. Hinfort wohin? Die Buddhisten sprechen von Stille und Leere, meinen damit aber keinen Nullpunkt und schon gar kein Nichts. Stille bedeutet Stille von dem üblichen Lärm und Bewegungen einer endlosen Gedankenwelt, Leersein bedeutet lediglich, sich einem anderen Geisteszustand und somit auch einer neuen Sprache zu öffnen. Unsere Bewusstsein erlebt eine infinitesimale Neugeburt, die sich über die Kilometer hinwegstreckt und erst ein Ende findet, wenn wir zu den Gewohnheiten der Ich-Präsenz zurückkehren. Die zuvor erlebte Öffnung aber ist ein großes Amen, das Leersein-Von. Hier sind wir frei und wissen plötzlich, warum. Eine größere Welt fällt uns zu. Um diese neuen Worte und Zeilen, die so schnell kommen wie sie gehen, und das, was so ungefragt und unmittelbar aus der Mitte des Seins in das persönliche Bewusstsein rieselt, für später zu behalten, fahre ich nie ohne ein kleines Aufnahmegerät, das ich stets in der Hosentasche trage und bei Bedarf nur hervorzuholen brauche. Irgendwo im Niemandsland von Tunesien sprach ich kürzlich folgende Sätze in mein Gerät:„Keine Worte erreichen das Land. Was ich noch schreiben kann, ist schon längst geschrieben worden und verbrannt und der großen Sonne, über dem nackten Stein. Die Hitze ist taub für alles, was nicht die direkte, unmittelbare Welt ist. Keine Worte, die ich schreiben könnte, auch diese nicht. Der Wind und der Stein und das Dröhnen und der Staub und die Palme und vielleicht am Horizont das Meer. Beheimatung. Hierfür sind wir geboren. Für nichts anderes werden wir sterben. Man fährt, um verlorenzugehen, was nur bedeutet, dass man fährt, um sich in anderer Gestalt vorzufinden.“

Machen wir uns nichts vor: Durch das Driften, flatternd und dröhnend, wird das Leben zum Kunstwerk.

Let´s not fool ourselves. We need to lay aside everything we know about the wonders of technology and the attraction of motorcycles design. Furthermore, let us also forget about the celestrial  intoxication of driving and the ecstatic roar of an engine, far too naively associated with pretentiousness, machoism or unnecessary danger. We need to cut to the core. Motorcycling is the desire to detach from the world and, more importantly, from oneself. Thus, it can be compared to activities of similar depth, namely meditation, sex, psychoactive drugs etc. When we departure blindly and embark on a journey without a specific aim, driving itself becomes everything. Ultimately, it´s all about the promise of not having to arrive anywhere at all.

The philosopher Guy Debord would use, and thus re-invent, the french word derivé. And while it´s easy to translate it´s meaning into english, it´s consideribly more difficult to tranport it´s tone and insinuation too. Derivé is swift, soft, light as a feather, wide as the Jardin de Luxembourg and fickle like a bird. But at the other side, „to drift“ suggests certainty, determination, Storm and Stress, power and noise. In the sixties, a group called „Situationist International“ began to leave the beaten paths of their cities. Their aim was to redefine the act of drifting, derivé, which became a rather „meaningless“ wandering. These artists and philospohers needed to explore a city in disregard of the existing paths and given guidelines, usually imposed by the architecture of city-planning and it´s suggested emotions and narrativ. By simply experiencing each place and situation for was it actually is, the Situationists do not get lost: They suspend common interpretations while simulatiously sharpening their gaze on the supended objects. People strolled through their well known cities and re-birthed its corners, streets and skies with names only they knew.

However, the way we drift is of utter importance. When we walk, the world is close, too close to get lost in. When we drive in a car, we are too shielded from our envirement, seemingly well protected and therefor too sure of our own existence and „privacy“. On the bicycle, it´s us who have to keep the pace going. Your physicality is heavily involved in teh act of moving forward. Your mind cant detach from the requirements of the body, which might ache, sweat, exhausts etc. Only a motocycle allows us to be driven while simultanously being in teh driver´s seat. Here, we are not shielded nor sucked in by the world which is simply flashing by our senses. Our self is present, the mind is thoroughly awake and alert. While being fully emerged in the outer world and the experience of speed, land and sky, we also in sync with our innermost reality. If we dont drive in the confinments of a city, which is always dominated by a heavy stop-and-go-rhythm, but head out to the free and freeflowing rural roads, we can find that magical place where the Self and the World interfaces. and once we find it, we might as well disappear in it.

A vast land, speed and heat. I spent my motorcycle childhood- and youth in India, governed by these three qualities. They are eternally engraved to most of my riding memories. In India, you just go. You dont need a helmet nor a liscense or driving experience, you just fucking go. Travelling the subcontinent from North to South with my bike, I loved to get lost just to be able find myself again somewhere new. My drifting is writing. On the bike, the opening lines of poems and other revelations, linked to a eternal rthythm and sound, simply trickle into my consciousness. I don’t think about them. They simply arrive. Or more specifly: Through driving, my mind is able to open up to their possibilities. It´s like meditation, in which the practisioner, roughly speaking, is silencing his or her own self, allowing for a self-less consciousness to emerge. Once your personal thoughts, inclinations, attachments and memories are out of the picture, the conscious space which is called the mind is still present, still real, still existing – but with different qualities and impressions. We can´t gain anything new. We just bring back to light which was buried. The same meditative process is happening on the motorcycle, espcially in the hot and barren indian summer which has already slowed down any sense of reality. It´s a mediation in motion. We loose the references to our common perceptions. Being fully focused and present, the world is simultanuously rushing by this very presence and carries the driver away. But where to? The Buddha taught about silence and emptiness, but he doesn’t meant a numb place or a dull nothingness. Silence just means the silence from the common noise and movement of our endless though-process, and emptiness means becoming empty of your common self-awareness in order to allow a new identification with the world, a rediscovered reality which brings new intuitions and a new approach to language and music. Our consciousness experiences a infinite rebirth stretching out over the vast kilometers. Once you return to the habituel entity of your I-presence, the trip is over.

The experience of “becoming empty” serves as a great and all abiding amen. We are free. Furthermore, we also know why we are free. A wider world suddenly rests upon us and dares to speak. In order not to loose the “incoming” words and stanzas which flow so naturally into the realms of my consciousness, I never drive without a small recording device in my pocket. Somewhere in rural Tunisia, I recently recorded the following sentences: “No words can touch the totality of the land. Anything that can be written has already been written und casted away under this harsh sun. The stones know and remain silent. The heat is deaf to anything which is not instantanously real, anything which cant serve as the imminent world. There are no words, not even these. It´s all wrong. Only the wind and stones and the dust under the palmtrees, the sea, the horizon. Being home. As humans, we were born for this. We won’t die for anything else. We drive and travel in order to get lost, which simply means discovering and exploring ourselves in a different shape and a new frame of mind.”

Let´s not fool ourselves: Through the process of drifting, fluering and roaring, life becomes a work of art.

Tempel

Mögen Kirchen oder Moscheen auf die Erde gezimmert worden sein, um sich in ihrer mal pompösen oder kitschigen Ausgeschmücktheit einer vielversprechenden, weil stets alternativen Wirklichkeit zu versichern und, dem dualistischen Gesetz der monotheistischen Kulte entsprechend, dem sich Gegenübergedachten bittstellend zuzuwenden, so sind gerade die Tempel des drawidischen Südens immer nur als Spiegelfläche des eigenen Daseins konzipiert. Das gesamte Vielgötterhaus repräsentiert die elementaren Wirklichkeiten des menschlichen und kosmischen Körpers und eines aller Dingfestbarkeit inhärenten Geistes, dessen diesseitigen Eigenschaften sich über alles erstrecken, was überhaupt existieren kann. Um das garbhagrha, den Mutterleib im singenden Zentrum, wachsen und zerfallen die Arme, steinernde Knochen und Schläfen. Alles ist du. Liebe und Hass, Licht und Schatten, tierischer Instinkt und göttliche Intuition. Nirgendwo lässt sich in ein Außerhalb beten. Ein Tempel ist gebaut worden, um sich selbst zu begegnen.

BEDINGUNG

BEDINGUNG.

Es existiert, wie immer wir sie auch nennen und welche letzte Intention wir Sterblichen ihrem Walten und Drängen auch andichten mögen, eine Kraft, die im immerwährenden Gestaltungsdrang das Seiende in ihre eigene Anwesenheit bringt; ein weltenschaffender Wille, der immer nur jenes ausspielen und gestalten kann, was, ganz im Sinne von Platons Ideen, in ihm bereits angelegt ist. Elementarteilchen kreisen und fliehen, Pflanzen kommunizieren, Tiere fühlen und träumen, Menschen lieben, erkennen und sehnsüchten unter den gierig fallenden Sonnen.
Die Anwesenheit einer intelligenten, planungssicheren und somit unbestreitbar bewussten Kraft, einer Absolutheit, welche die Existenz aller Dinge markiert, ist stets die Bedingung, aus der sich das Unmittelbare manifestiert. Wie kommen wir also dazu, Zauberlinge aus barem Plasma und Proton, uns eher zu erlauben, dieses unergründliche Bewusstsein als „Zufall“ abzutun, als sekundäres Nebenprodukt einer rein materiellen Evolution, die aus dem kosmischen Treffen zweier unbewussten Elemente einen bewussten Geist hervorzuzaubern vermag, wo doch nicht nur unser Herz, sondern auch unser Verstand einzig den genau gegenteiligen Schluss zulässt: Dass dieses Bewusstsein erste Instanz und Ausgangspunkt aller beobachtbaren Weltendinge ist, eine ewige Kraft, welche den materiellen Ausdruck ihrer andauernden Schöpfung stets aus ihrem immateriellen Geist, ja aus ihren den bilderbaren Formen vorgelagerten Bildern entwirft.
Nur eine Bewusstheit kann Bewusstsein hervorbringen.
Nur Leben kreiert Lebendiges.
Nur Seiendes kann werden.