BEDINGUNG

BEDINGUNG.

Es existiert, wie immer wir sie auch nennen und welche letzte Intention wir Sterblichen ihrem Walten und Drängen auch andichten mögen, eine Kraft, die im immerwährenden Gestaltungsdrang das Seiende in ihre eigene Anwesenheit bringt; ein weltenschaffender Wille, der immer nur jenes ausspielen und gestalten kann, was, ganz im Sinne von Platons Ideen, in ihm bereits angelegt ist. Elementarteilchen kreisen und fliehen, Pflanzen kommunizieren, Tiere fühlen und träumen, Menschen lieben, erkennen und sehnsüchten unter den gierig fallenden Sonnen.
Die Anwesenheit einer intelligenten, planungssicheren und somit unbestreitbar bewussten Kraft, einer Absolutheit, welche die Existenz aller Dinge markiert, ist stets die Bedingung, aus der sich das Unmittelbare manifestiert. Wie kommen wir also dazu, Zauberlinge aus barem Plasma und Proton, uns eher zu erlauben, dieses unergründliche Bewusstsein als „Zufall“ abzutun, als sekundäres Nebenprodukt einer rein materiellen Evolution, die aus dem kosmischen Treffen zweier unbewussten Elemente einen bewussten Geist hervorzuzaubern vermag, wo doch nicht nur unser Herz, sondern auch unser Verstand einzig den genau gegenteiligen Schluss zulässt: Dass dieses Bewusstsein erste Instanz und Ausgangspunkt aller beobachtbaren Weltendinge ist, eine ewige Kraft, welche den materiellen Ausdruck ihrer andauernden Schöpfung stets aus ihrem immateriellen Geist, ja aus ihren den bilderbaren Formen vorgelagerten Bildern entwirft.
Nur eine Bewusstheit kann Bewusstsein hervorbringen.
Nur Leben kreiert Lebendiges.
Nur Seiendes kann werden.

Agni

Lula weiß es schon. Sie hebt den Kopf und springt die Treppen hinunter in den Sand. Mit großen Augen blickt sie Richtung Meer, welches kaum zu hören ist. Nur zweihundert Meter entfernt rauscht es sanft an sein ewiges Ufer, es sind Millionen Tonnen stetig wanderndes Wasser, die dort unaufhaltsam kommen und gehen, aber heute ist es die Urgewalt eines südindischen Sommers, die auch das Meer erfasst und zum Schweigen gebracht hat.
Schläfrig liegt es in seinem endlosen Becken und wartet.
Ich habe kein Wort gesagt, und wenn, dann hätte Lula es nicht verstanden. Trotzdem spitzen sich ihre Hundeohren in freudiger Erwartung. Natürlich weiß sie, was jetzt passiert, natürlich hat auch sie ein untrügerisches Gefühl für Gezeiten, für den Rhythmus von Tag und Nacht, für die Zyklen der wiederkehrenden Monate. Und natürlich weiß sie um den Vollmond, der zwischen den Palmen aufblitzt und uns den Weg weist, natürlich kennt sie unser Ritual, das sich ein Mal im Monat abspielt wie ein Uhrwerk.
Sie springt los.
Ich werfe mir meinen Sack über die Schulter und folge ihr.
Wir begleiten die lange Wand der Bougainvilleas Richtung Dorf, bis wir das kleine verrostete Tor erreichen. Quietschend schiebe ich es auf und Lula schießt hinaus. Gemeinsam rennen wir runter ans Ufer. Es ist nur ein paar Stunden her, da saßen wir beide an der gleichen Stelle, begleitet von graubärtigen Fischermännern, die ihre Netzte flickten und sich das feuchte Salz in die Haut rieben. Die Männer machten Feierabend nach einem Tag harter Arbeit, sie rochen nach Leder, Fischflossen und Öl, wir aber waren für den Sonnenuntergang gekommen, genauer gesagt: für den Feuerstern.
Jedes Jahr Mitte Mai steigt allabendlich zwischen 18h und 18.30h ein Himmelskörper unterhalb der Venus auf, den die Inder Agni nennen. Agni ist ein altvedischer Begriff und bedeutet Feuer. Dieser seltene Stern begleitet den Sonnenuntergang und ist nur in dieser halben Stunde zu sehen. Nach elf Tagen verabschiedet er sich so plötzlich, wie er gekommen ist, und erscheint erst wieder im folgenden Mai. Die Tamilen kennen diese besondere Zeit des Jahres als katthari, ein eingebürgerter Begriff, der sich vom Englischen cut, also schneiden oder teilen, hersagt: So nennen sie dies neu herabsteigende, schneidend-harte Licht, das den endgültigen Übergang der Jahreszeiten markiert. Dicker, erbarmungsloser Sommer! Ab katthari lebt sie endgültig unter uns, diese brüderliche Hitze einer 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne.
Jetzt aber – die Fischermänner liegen schon längst in ihren Hütten und knirschen mit den Zähnen – ist es der langsam aus dem Meer emporgestiegene Vollmond, der vom Himmel strahlt. Wie eine Nachtsonne balanciert er im Firmament. Der gesamte Strand ist hell erleuchtet, als wolle man die Nacht vertreiben, ohne auf den Tag vertrauen zu müssen. Tiefblau leuchten die Sandkristalle, und das weite Meer liegt vor uns wie Blei. Nur die weißen Schaumkronen der Wellen blitzen immer wieder auf, Sekundenlichter, die sofort in die Tiefe geschluckt werden. Diese stumme Königin dort oben am Himmel, die einst aus dem Körper der Erde herausgeschlagen wurde, sie hat alles verändert: Sind die indischen Nächte sonst mysteriös und geheimniskrämerisch, legt dieses Licht nun die gesamte Welt offen. Das Vorhandene rückt näher an sich selbst heran. Die Nacht hat sich in ein fremdes Bild verwandelt, das uns bestens bekannt ist.
Lula schmiegt sich an mich und schaut über das Meer. Ich könnte schwören, dass auch sie ergriffen ist von solchen Nächten, von weißen leuchtenden Kugeln am Himmel. Eine halbe Stunde bleibe ich noch bei ihr. Selbst die über den Strand tänzelnden Krabben interessieren sie nicht, nicht das Bellen der anderen Hunde in der Ferne. Schließlich stehe ich auf, binde mir den Gummisack mit meiner Verpflegung auf den Rücken und verabschiede mich von Lula. Ab hier muss ich alleine weiter. Mein Ziel: Die vor der Küste ankernden Fischerboote, die mich für die Nacht beherbergen werden.
Das Meer fühlt sich an wie dunkle Tinte, ein zähes und leichtes Element, das mit der schwülen Nacht verschmilzt. Immer wenn ich auftauche, folge ich dem weißen Ball am Himmel. Eine silberne, aus tausend tanzenden Lichtpunkten gezogene Spur liegt auf dem Meer und führt bis an den Horizont.
Als meine Hände schließlich gegen Holz stoßen, ziehe ich mich in den schwankenden Kahn und bleibe eine Weile so liegen, wie ich in ihm lande, die Augen stumm in den Nachthimmel gerichtet. Dann setzte ich mich an den Bug. Das Wasser hängt in dicken glasigen Perlen an meinem Körper. Ich blicke zurück auf das Land, das ich vor zehn Minuten verlassen habe, den glitzernden Strand und die Waagschalen der Palmenblätter, auf denen das Licht schwimmt, die flachen schlafenden Häuser und die dicken Wolken in einem anthrazitfarbenen, sprachlosen Himmel. Eine tropische Skyline, die ehrlicher nicht sein könnte. Selbst Lula ist noch zu erkennen als kleiner lebendiger Punkt, der den Strand auf- und abläuft. Noch eine Stunde wird sie dort bleiben und dann nach Hause laufen, wo ich sie morgen früh mit meiner Ankunft wecken werde.
Bald lege ich mich wieder auf den Rücken und starre in den Mond. Als sei er Musik, schunkelt er im Auge und erzählt. Nach einer Weile erkenne ich die Schattierungen, die hellen und dunklen Landschaften seiner Haut, Krater, Berge und weite Ebenen. Unter mir hingegen spüre ich die Geheimnisse des Meeres, die mich durch die Nacht tragen.
Es dauert nicht lange, um erneut zu verstehen, dass diese einzigartige Welt von den Menschen nichts weiter verlangt als unsere nackte Anwesenheit. Mehr ist es nicht, und es ist auch nicht weniger. Der Raum für Fragen und Antworten bleibt hier verschlossen. Das Meer verlangt nichts und der Himmel kann nicht mehr zeigen als das, was er ohnehin besitzt – das ist die ganze Kunst. Die Welt ist derart stumm, als sei sie gerade erst geboren worden, unbeschwert, vollkommen, ein Ort ohne die hanebüchene Zeit. Ein wahres Paradox dieser Nächte: Ich weiß, dass ich vollkommen alleine bin hier draußen, ein winziger Mensch auf einem riesigen Ozean, und doch fühle ich mich so aufgehoben und beheimatet wie seit einem Monat nicht mehr. Der Welt und meinem bekannten Planeten so fern und allen bekannten Bildern entschwunden, bin ich dieser Erde noch nie so nahe gekommen. Auch, wenn ich bei Sonnenaufgang hier aufwachen und zurückschwimmen werde zu Lula, zurück in mein Leben da drüben, zu Haus, Palme, Schreibtisch und den Gemeinsamkeiten von Schicksal und Leben, so weiß ich doch: Es wird unmöglich sein, von solchen Nächten vollständig zurückzukehren.

Corona Chronicles 6 – Teil 1/2

Es hatte sich angekündigt, eine Nacht lang, einen frühen Morgen. Zu der ohnehin bis zur eklatanten Sauerstoffarmut verdichteten Sommerluft, die uns seit Wochen nicht schlafen lässt, kamen der Nebel und die Feuchtigkeit und das ferne Rumoren über dem Meer. Als das Gewitter schließlich über unseren Köpfen hängt, frage ich mich, wann es das letzte Mal geregnet hat. Vor drei Monaten? Vier? Die Wirklichkeit des brüllend aus dem Himmel fallenden Wassers wirkt wie eine Auferstehung. Wir spüren es bis in die klammen Knochen: Dieser Regen ist vor allem eine Erinnerung an eine Zeit, die noch gar nicht so lange her ist und doch sehr weit hinter uns liegt. „B.C.“, sagte ein Freund kürzlich, „Now it means „Before Corona“. Forget Christ! We are entering a new era, and maybe this is the second coming.“
Der Himmel öffnet sein vollgesogenes Maul. Der erste Regen im Corona-Zeitalter ist kein milder. Der Sturm fegt den Staub über das ausgetrocknete Land und schwemmt das Wasser über eine vom Tropensommer ausgetrocknete Erde. Schwarzer Horizont. Ein verärgertes Biest, ein Segen, ein Notwendigkeit. Wir trainieren im Regen. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn, und hat nicht jener Allerheiligste, dieser seit jeher übers Firmament verankerte Jahwe seine Karriere als jüdischer Wettergott begonnen, bevor ihm die Erfindung des Monotheismus durch Echnatons ekstatische Sonnenverehrung den Weg frei räumte zur begehrtesten, höchsten und weißesten aller Wolken? Jene Wolke, aus der es nun blitzt und donnert?
Als das Gewitter vorbeigezogen ist, fahren wir zurück nach Kuilapalayam. Innerhalb weniger Stunden ist das Dorf um drei Straßensperren bereichert worden, alle an derselben Ecke und in einem Abstand von nur hundert Metern. Die üblichen über die Straße geworfene Baumstämme, vertrocknete Äste und mit Müll gefüllten Reissäcke, die nach spätestens einem halben Tag beiseite geschoben werden, da es für das indische Herz nicht schlimmeres gibt als Dinge, die mehr als einige Stunden im Weg liegen.
Warum diese Roadblocks? – Keiner weiß es. Alle, die ich fragen kann, schütteln den Kopf und versuchen, die Anwesenheit der Blockade mit der üblichen Missachtung aller weltlichen Angelegenheiten zu ignorieren. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Noch immer regnet es leicht. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Tag, höre ich mich flüstern, irgendetwas stimmt nicht.
Meinem verkrüppelter Kokosnussverkäufer, die leblosen und krummen Beine zu einem ordentlichen Haufen vor seine Hüfte zusammengestapelt, macht es nichts aus, im Nassen zu sitzen. Dass er ein Meister ist, habe ich schon lange gewusst. Doch heute winkt er mich etwas näher heran, überreicht mir die aufgeschlagene Kokosnuss und flüstert: I can fix bikes too. And get cigarettes and a tailor and chicken.
And booze?, frage ich.
Sorry Sir, very sorry. Me, I am only selling coconut.

Ich brauche einige Zeit, um zu bemerken, dass er fast der einzige ist, der draußen ist. Alle Läden sind geschlossen, obwohl die Lebensmittelgeschäfte und Apotheken am Vormittag öffnen dürfen. Die wenigen Wagemutigen, die verschwiegen im Dorf herumlaufen, tragen kein Lächeln hinter dem Mundschutz. Sobald es regnet, sind die Straßen normalerweise voller aufgeregter, durch die Pfützen planschender Kinder.
Aber es sind keine Kinder zu sehen.
Irgendetwas stimmt nicht.
Auf meinen Nachhauseweg sehe ich ein halbes dutzend Menschen, die ihre Scooter und Motorräder schieben anstatt zu fahren. Zwei Polizisten stehen am Straßenrand und diskutieren schreiend mit einigen Männern. Ich schaue gar nicht erst in ihre Richtung und gebe Gas. Ein gestrandetes Auto. Leer. Noch eine Frau, die ihr Moped schiebt. Ich habe Glück und erreiche Ramalingam. Erst, als ich Lotta abstelle, reicht meine Sinneswelt die wahren Ereignisse der letzten fünf Minuten nach. Die schwere Luft voller Eukalyptus, das Quaken der Frösche in den Pfützen, eine graue Sonne. Und der Geruch des dampfenden Asphalt, das Parfüm einer schwitzenden Erde. Erst kürzlich lernte ich das Wort, dass man für diesen einzigartigen Geruch gefunden hat: Petrichor. Das aus dem Stein tretende „Blut der Götter“.

Ramalingam sitzt an seinem Tisch und schaut sich die Nachrichten an. Ob er wüsste, was draußen vor sich gehe?
Nein.
Sagt das Internet irgendetwas?
Nein.
Was sagen die Nachrichten?
Ach, immer dasselbe.
Er steht auf, bricht einen Neemzweig vom Baum und legt ihn auf die Theke. Neem ist das tamilische Allerheilsmittel. Es hilft gegen Infektionen, Entzündungen, Bakterien, Viren, wahrscheinlich auch gegen Depressionen, pakistanische Kriegsgebärden oder die Trauer, die aufkommt, wenn eine komplette Cricket-Saison abgesagt wird. An allen Türen und Toren kleben seit Wochen vermehrt die zu buscheligen Bündeln zusammengebundenen Zweige, um die Eintretenden aus zwei Metern Abstand zu desinfizieren.
Ramalingam erzählt. Noch vor einer halben Stunde habe die Polizei direkt vor der Farm gewartet und jedem, der sein Essen abgeholt hat, die Schlüssel weggenommen, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ab da an musste geschoben werden. Warum, frage ich erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Und sie ist eindeutig. Er springt auf, greift einen Stock und spielt einen Polizisten, der einen Motorradfahrer vom Bike kloppt. Er lacht. Wir lachen. What to do, sagt er, die Regierung sagt und die Polizei macht, oder die Regierung sagt das eine und die Polizei macht das andere, sie haben ihre lathis (Stöcke) und wir nicht. Tsi Tsu Zack, Zack Tschusch!
Er packt den Stock und schmeißt ihn über die Mauer zu den Papayabäumen. It will be allright, sagt er, und klopft sich die Erde von den Händen. Ich muss an Ashok denken, mit dem ich vor ein paar Tagen all die Horrormeldungen durchgegangen bin, die der hiesige Lockdown verursacht. Abermillionen Arbeitslose, die astronomischen Fälle häuslicher Gewalt, Perspektivlosigkeit, bis ins Mark traumatisierte Kinder, Depression, Angstzustände, zehntausende Selbstmorde, die nicht rückgängig machende Vernichtung von Millionen Existenzen, eine Flut an psychologischen Erkrankungen, Hunderttausende, die der Krebs holen wird, ein unermessliches Stresslevel, endloser Hunger und taube, schier unermessliche Armut.
Todeszahlen durch Covid19 in einem Land, in dem sich fast niemand an den Lockdown und die Hygiene-Vorschriften hält: Unter 2000.
People are dying, sagte ich. It is clear by now that the Lockdown will kill a hundred times more people than Covid19. Strangely enough, nobody seems to care.
They will find a way, war die Antwort Ashoks.
To die? Yes, they found many ways already.
No, we will find a way to deal with the situation. We just stay at home and eat what we have.
Man people dont even have rice any more. And no home to stay in. Ort hey are caged in with violent lunatics?
They will find a way. They will live outside. It´s so hot, outside now is better than inside. And someone will come and feed them.
The government?
No, other people. Or nobody, I dont know. You will see, they will all survive, and others will die. There is just no other way.
Ich lasse mich in meinen Stuhl zurücksinken. Ich weiß, was Ramalingam meint und was Ashok hat sagen wollen. Ich weiß, dass er Recht hat. Dies ist die Realität, ob wir es wollen oder nicht. Viele sterben. Sehr viele sterben. Viele ertragen unermessliches Leid. Viele, das sind vor allem die Armen und die Ärmsten der Armen, mehrere hundert Millionen Inder. Sie ertragen das Leid und diese harte Zeit, weil sie, was Leid und Unrecht angeht, die großen Übenden sind. Sie kämpfen ihr ganzes Leben lang um jeden einzelnen Tag, wie schon ihre Mütter, Großmütter und alle Mütter und Väter vor ihnen Tag um Tag ums Überleben kämpfen mussten. Das ist das Leben: Überleben. Nichts wurde ihnen jemals geschenkt. Sie haben sich zurechtgestutzt am Ertragen-Von. Diese Lehre hat sie so stark gemacht, wie, um ein Bild Nietzsches zu benutzen, ein Baum, dem die gefährlichen Winde und Stürme nur dazu dienten, seine Wurzeln kräftiger ins Erdreich zu schlagen.
Ashok hat Recht.
Große, starke und mächtige Bäume, und morgen beginnt das Leben von neuem. Inder finden immer einen Weg, gerade dann, wenn sich von alleine keiner mehr auftut.

 

Bevor ich aufbreche, gehe ich zur Straße und schaue, ob die Luft rein ist. Lotta ist launisch. Ich brauche zehn Versuche, um sie zu starten. „She is a real bitch“, waren die wahren Worte der Vorbesitzerin, „and it takes a bitch to drive her!“ Unbeschadet gelangen wir nach Hause. Die kleine Pfütze vor dem Kühlschrank verrät, dass es erneut keinen Strom gibt. Der Stromausfall wird den gesamten Tag andauern, genauso wie letzten Sonntag und alle weiteren Sonntage von nun an, bis Juli, bis der Sommermonsun kommt. Niemanden erstaunt es, dass gerade jetzt im Sommer, bei 38 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 80%, den Menschen genau jener kostbare Strom abgesägt wird, der die lebenswichtigen Ventilatoren speist. Es ist einfach zu typisch für ein Land, das sich stets für das Folgenreiche und gegen die Folgerichtigkeit entscheidet.
Ich wische die Pfütze auf. Den wärmer werdenden Joghurt schabe ich mit einem Teelöffel aus der Packung. Draußen stelle ich den Verandastuhl in den glänzenden, perlreinen, frisch gewaschenen Garten. Covida geht auf die Jagd. Ängstlich vermeidet sie jede Pfütze, ja selbst das nasse Erdreich ist ihrer Reinlichkeit suspekt. Eine Killerin, die alles frisst, was sich bewegt, jedem lebendigen Ding dem Kopf abreißt, sich noch zuckende Geckoschwänze auf der Zunge zergehen lässt und doch peinlichst darauf achtet, bei ihren reptiloiden Säuberungen die samtenen Pfötchen nicht schmutzig werden zu lassen. Kurz, eine Katze.
Noch immer die grauen Wolken ohne ein Anzeichen von Blau. Ich telefoniere mit vier tamilischen Freunden, um zu erfahren, was los ist. Die harten Maßnahmen der Polizei, die alles absperrt, Motorradschlüssel konfisziert und wahllos verprügelt, gelten nur heute, sagt der erste. Das ganze dauert eine Woche, sagt der zweite. Der dritte: Es ist ein Drei-Tages-Shutdown, auch die Lebensmittelgeschäfte haben zu, alles, die Polizei schmeißt dein Fahrrad in den Wald oder den Fluss, wenn du draußen rumfährst. Der Lockdown wird auf den gesamten Mai ausgeweitet and we are all fucked. Stay at home!
Freund Nummer vier weiß nicht, wovon ich spreche, antwortet aber dennoch. Inder werden dem Fragenden lieber den Weg zur Hölle weisen oder ein nutzloses Märchen improvisieren, anstatt keine Antwort zu geben. Vom Kap Kanjakumari bis in den Himalaya gilt: Falsch ist nicht, auf eine Frage keine Antwort zu wissen, sondern nur, keine Antwort zu geben. Er sagt: Vier Tage!
Vier Tage was?
Naja, vier Tage, du weißt schon.
Nein, ich weiß nicht, deswegen ruf ich ja an.
Vier Tage … ja … der Prime Minister war im Fernsehen, er hat alles gesagt, aber die einzelnen Staaten können auch entscheiden, ähhh, wann die Shops wieder aufmachen … glaube ich. Meine Tante in Coimbatore hat auch erzählt, äh, naja, dass dort die Straßen zu sind, man munkelt, ob bald die Liquor Store wieder öffnen dürfen, das hat der Chief Minister von Pondy gesagt, gestern. Äh nein, sorry: heute!

Immerhin ahne ich, wo er die Information mit den vier Tagen her hat. Seit heute sind fünf große tamilische Städte in den totalen Lockdown geschickt worden. Der schlechten Laune halber hat man sich gedacht, die Schrauben, die keine Wirkung zeigen, noch ein wenig enger zu ziehen. Die horrende Sinnlosigkeit dieses vier Tage langem Extrem-Lockdowns ist mit keiner Sprache angemessen zu beschreiben. Am Beispiel von dem, was gerade in Chennai geschieht, lässt sich somit wunderbar illustrieren, wie Politiker Indiens und Tamil Nadus mit ihrer Verantwortung umgehen.
Alle acht Millionen Einwohner der Megacity hatten genau fünf Stunden Zeit, sich …



Fortsetzung folgt.