Corona Chronicles 4

Es ist genau eine Woche her, da rief Ministerpräsident Modi in gewohnt ernsten und zugleich hochsentimentalen Tönen sein milliardenstarkes Volk dazu auf, flammenumwoben im Dunkeln zu hocken. Um genau neun Uhr Abends sollte jeder Inder für neun Minuten den Lichtschalter umlegen und eine Kerze anzünden – oder, in Ermangelung einer Kerze, hochachtungsvoll mit der Taschenlampenfunktion des Handys herumwedeln. Ein Zeichen der Solidarität und des Gemeinsinns, staatsmännisch abgekupfert von fernen Ländern, wo man sich ob der Undurchführbarkeit real performbarer Solidarität für die tägliche Klatschparade, den Körper bereits schwerelos gemacht mit Gin und Chardonney, auf Balkonien einzufinden pflegt.
Böse Zungen werfen dem Ministerpräsidenten nun abermals vor, blinden Auges jene Maßnahmen zu kopieren, die der verherrlichte Westen umsetzt, und somit keinerlei Augenmaß dafür zu besitzen, wie viele Dimensionen die europäischen/chinesischen von den indischen Wirklichkeiten trennen. Andere oder dieselben bösen Zungen prangern die sprachlos machende Planlosigkeit an, mit welcher die hiesigen Lockdown-Lösungen erzwungen und somit die offensichtlichen Missstände fabriziert wurden, Probleme, die derart abzusehen waren wie der bestialisch ins Land einfallende Sommer. Hunderttausende an stillgelegten Bahnhöfen zusammengepferchte Tagelöhner, die aus den Städten in alle Winkel des Landes des Landes strömen, wären nicht einfach, aber in jedem Falle besser zu verhindern gewesen wären, wenn man schlichtweg die Existenz dieser Menschen überhaupt wahrgenommen und somit für die entsprechende Infrastruktur gesorgt hätte, sie nach Hause in ihre Dörfer zu holen. So führte die Ausgangssperre vor allem dazu, dass sich Millionen von Indern, buchstäblich aufeinandergestapelt und ungetested, auf monströse Wanderungen durchs ganze Land begaben. 1,3 Milliarden Menschen hatten genau vier Stunden Zeit, sich auf ihr neues Leben vorzubereiten, von dem niemand wusste, wie lange es andauern wird. Selbst an den Umstand, dass ein Zuhausebleiben zuallererst ein Zuhause benötigt, hat keiner der Verantwortlichen so recht denken wollen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Inder keine einzige Rupie auf der hohen Kante hat, um den Verlust ihrer Arbeit mal so eben ein paar Wochen absitzen zu können – wer schon kaum überlebt, wenn er einer Arbeit nachgeht und alles gut läuft, was wird dann mit diesem Menschen passieren, wenn es kein staatliches Sicherheitsnetz gibt, welches auch nur die ärgsten aller Nöte aufzufangen weiß?

Das, was nun letzten Sonntag unter holdem Kerzenschein geschah, befruchtete gute und böse Zungen gleichermaßen. Die Verehrer des Predigers Modi, der in ihren Augen gekommen ist, ein zielloses Arme-Leute-Land in ein revitalisiertes, mystisch-stolzes Hindustan zu verwandeln, priesen seine Erkenntnisse der vedischen Astrologie und rechneten auf, warum genau an diesem Datum um diese Uhrzeit für genau diese Länge unter dem Einfluss von Planet XY usw. usf. Es gab zudem Stimmen, die behaupteten, dass der von vielen als Demigod wahrgenommene Modi einen genialen Plan im Schilde führte, der zu groß war, um ihn dem gemeinen Volk zu offenbaren. Das Geheimnis: Durch das Ansteigen der Temperatur, die das gleichzeitige Anzünden von Millionen Kerzen verursacht, wäre dem hitzeanfälligen Virus ratzfatz der Garaus gemacht.
Indien wäre nicht Indien, hätten sich nicht sofort nach der Bekanntgabe des Kerzensolidaritätspaktes die Verantwortlichen der Stromwerke warnend zu Wort gemeldet: Das gleichzeitig Aus- und vor all wieder Anschalten des Stromes könnte zum Zusammenbruch des Netzwerks führen! Ironische Zungen behaupten, es könnte sich nun kein passenderes Schauspiel für das moderne Indien entwickeln als dieses viertel-hypothetische Szenario:
Man befehligt einen Lockdown, ohne über die Konsequenzen beratschlagt zu haben. Das halbe Land versinkt in Chaos. Um die Verzweifelten bei Laune zu halten, gibt es Durchhalteparolen und den Verweis auf die Gerechtigkeit Gottes. Weil man hilflos ist, schwört man sich auf das Nationalgefühl ein, indem sich um Kerzenschein versammelt wird. Durch die enorme Schwankung in Netz bricht die Stromversorgung zusammen. Da es keinen Strom gibt, braucht man Kerzen. Kerzen gibt es keine zu kaufen. Die Betreiber des Stromnetzes werden gelyncht. Modi weist die Inder an, das Mahabharata-Epos nachzuspielen, um den indischen Geist zu stärken. Er befiehlt auch die Anhänger anderer Religionen, sich dem Hindu-Spektakel anzuschließen. Während man die Schlacht von Kurukshetra nachspielt, sterben landesweit rund 63.000 Menschen an den Verletzungen durch Schwert- und Dolchwunden. Doch der Strom kommt zurück! Jubelnde Massen auf den Straßen trotz Ausgangssperre, woraufhin die Ausgangssperre verlängert wird usw. usf.

Nun denn. Pflichtbewusst stieg ich am Sonntag aufs Dach und zündete mir um neun Uhr eine Zigarette an, obwohl ich nicht rauche. Einige der Häuser waren dunkel, andere glühbirnenerleuchtet. Die Nachbarskinder rannten mit den Handys durch den Garten und jagten sich mit dem Lichtstrahl. Über Pondicherry sah man Feuerwerk aufsteigen, überall wurden Böller gezündet. Rumms. Rumms. Bumm! Die Nacht bebte und ich stieg bald wieder nach unten, um zu dieser glorreichen Stunde die Nachrichten zu verfolgen. Und tatsächlich, kaum hätte es ein größeres Geschenk geben können! Ich sah den Moderator von India Today, der in Delhi oder Mumbai auf den hellen Nachthimmel zeigt und ungläubig vor sich hin stammelte: „I don´t understand. People are suppose to light candles, not burst crackers. This is not Diwali. Do so many people have firework at home? They cant buy them now, how many crackers have they stored!? I really dont understand, this is not what Modi had in mind …“
Ich spürte eine immense Freude in mir aufsteigen. Dies sind die Momente, in denen man so vollkommen mit Indien versöhnt ist, als gäbe es überhaupt keine Entsöhnung. Trotz aller Katastrophen und trotz allem Horror, der hier so real ist wie die göttliche Liebe und die Zuversicht: Dies ist nicht Deutschland, nicht die USA oder China, dies ist das einzigartige, in seinen eigenen Ideen- und Wirkungskosmos versunkene Indien, beherrschbar nur durch die Sonnengleiche der Götter, ein Indien mit einem Herz so weit wie Kontinente, ein Supra-Herz, welches sich immer nur dem eigenen Supra-Herzen zu unterwerfen weiß, ob dunkel, ob lichtern, egal. Man tut, was man will und was man in jedem neuen Moment für richtig oder falsch hält, und das war´s. Ende der Story. Die Fernsehbilder sind geradezu himmlisch; ich sitze alleine im Haus und kann nicht anders, als schallend zu lachen und dieses Land zu lieben für immer und ewig. Ich bekomme nicht genug, und die Nachrichten servieren munter nach. Videos von Massenprozessionen, die Schulter an Schulter mit ihren Kerzen durch die Straßen laufen, das Anti-Social-Distancing hunderter Trommler und Tanzender, die sich, ihre Handylichter schwingend, in den Armen liegen und lachen und feixen. Irgendwo haben Jugendliche eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes angezündet und jubeln in die Kamera der schockierten Kameramänner, sie haben es geschafft, es gibt sie nun wirklich, die größte Kerze der Welt.
Ooh Modi, was für ein unerschöpfliches Land liegt in deinen Händen. Kein Mensch kann hier auftauchen, um Indien zu verhindern. Jai Hind! Es ist nicht nur das schlimmste und das beste, sondern auch das unabhängigste Land der Erde.

Am nächsten Tag stehe ich wie immer bei Ramalingam und seiner Farm-Kitchen auf der Matte. Als Stammkunde genieße ich herrschaftliche Privilegien, die mich in der wohltemperierten Restaurant-Hierarchie in der Mitte positionieren:
– Polizisten
– Ashok und Dennis
– Sonstige
Müssen die übrigen Kunden ihre Mahlzeit einpacken und mitnehmen, darf ich den curryfarbenen Reisberg vor Ort verspeisen. Die urindische Ausnahme von der Regel. Weiß Modi, dass jeder Inder lediglich in einem unverrückbaren Multiversum von Sekunde zu Sekunde neu verhandelbaren Ausnahmebedingungen und personalisierten Sondergenehmigungen beheimatet ist, dem kein Politiker zu Leibe rücken kann, weil alle Gegenwart so formlos ist wie der Wind? Weiß Modi, dass man nur sich selbst und jener Gottheit etwas schuldig ist, die sich uns bereits unzählige Male bekannt gemacht hat hinter dem ewigen Kreislauf von Leben und Tod? Weiß er, dass er sterben, die Welt aber ohne ihn weitergehen wird?
Ich war mit Peter verabredet. Die Autokorrektur seines Handys hatte aus seinem „Bei Ramalingam?“ ein „bei Ramabimbam?“ gezaubert, und ich bin froh, Rama seinen neuen Namen verraten zu können – er mag ihn nicht. Wirsch winkt er ab. Bimbam hört sich nach Bimbam an, Lingam aber ist der Lendenschatz des Mahadevas, das erste OHM der Schöpfungsfrühe und jene Idee, die Mutter Erde auszugestalten pflegt. Das ist besser als Bimbam. Ich bin einverstanden und wir essen. Peter gehört mit 74 Jahren und ernsthaften Herzproblemen zur coronalen Risikogruppe, aber ein Zuhausebleiben ist ihm unmöglich. Wir halten Abstand und reden und reden, froh, kein einziges Mal das Wort Corona zu erwähnen.

Auf dem Nachhauseweg gerate ich in eine Polizeikontrolle. Der Sommer bringt nicht nur die Jackfruits zum Platzen und schält die Mangos saftig aus ihren Kernen hervor, nein, er kleidet zudem die tamilische Erde mit riesigen gelben Flecken, grelle Blütenmeere, die von den Servicetrees regnen. Inmitten dieses grandiosen Gelbs stehen die beiden Beamten, begleitet von zwei Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums, die gebügelte blaue Hemden und bunte Ausweise um den Hals tragen.
Ich bin ehrlich und sage, ich habe meinen Mundschutz vergessen. Ich habe zwar keine Maske, aber es stimmt, wenn ich eine besäße, hätte ich sie bestimmt vergessen. Die Polizisten sind gnädig, winken ab und watscheln in den Schatten. Doch der Healthworker plärrt mich an, trotz dem er mir glaubt und mich schon fast hat weiterfahren lassen. Kaum ist alles okay und erledigt und jedes Versprechen doppelt versprochen, da erinnert er sich seiner Aufgabe und fährt fort mit seiner Motzerei, darauf ist er getrimmt, aufs Motzen und Rumschimpfen und Plärren, wenn er nicht schimpft und plärrt, arbeitet und existiert er nicht. So tief sitzt er in seinem Hamsterrad, dass nach ein paar Sekunden des Durchatmens seine Litanei wie von Geisterhand betrieben wieder anspringt. Ra-ta-ta-tat. Dieses Laufenlassen ist sein Gebet, sein Goldklumpen, der ihm die Kehle massiert, sein Rettungsring in einer Welt, in der niemand weiß, ob es noch einer Rettung bedarf. Ich höre zu, wackele mit dem Kopf, amma, yes, amma, sari, okay Sir, jaja. Versprochen, morgen!
Dann darf ich abzischen.

Zuhause erwartet mich Covida. Kaum auszudenken, was ich ohne sie machen würde! Wenn es in den letzten drei Wochen ein Geschenk gab, dann diese Katze. Genau einen Tag vor dem Lockdown tauchte sie Plötzlich auf und shcnurrte um meine Beine. Sie blieb und ich war froh, dass sie da war, verwöhnte sie mit Katzenfutter und Joghurt und Thunfisch. Covida und ich bewohnen nun gemeinsam das Haus. Wenn ich arbeite, legt sie sich auf die Tischplatte, magisch angezogen von der Tastatur meines Laptops, von der ich sie alle zehn Minuten herunterschieben muss. Abends schauen wir zusammen Tiger King. Als die Serie endet, beginnen wir von vorne.
Vollkommen alleine wäre es schwierig gewesen. Mit Covida aber habe ich nun eine Gefährtin, mit der ich reden und der ich auf die Nerven gehen kann, eine Vertraute, die schnurrend auf mich wartet, wenn ich von Ramabimbam zurückkomme und ihr das wabbelige Whiskas in die Schale drücke.
Ich erzähle ihr, dass essentielle Lebensmittel bereits zu „Luxusgütern“ werden, wie es die Economic Times ausdrückt, und erzählte weiter von meiner erfolglosen Jagd nach großen Glasbehältern und Hefe, Utensilien und Zutaten, die ich brauche, um aus den reifen Cashewfrüchten jenen Schnaps zu brauen, der hier feni genannt wird. Covida nickt und schleicht auf die Tastatur. Während ich sie wegschiebe, erzähle ich ihr, dass in der nationalen Hotline für Kindesmisshandlung und häusliche Gewalt in den letzten zwei Wochen 100.000 Anrufe eingegangen sind, und dass die Dunkelziffer wohl unermesslich ist, weil kaum jemand anruft bei so einer Hotline. Ich erzähle ihr von dem Klempner, der gestern verzweifelt vor der Haustür stand und Arbeit suchte und dem ich nicht helfen konnte; er war wohl der erste von vielen Verzweifelten, die sich bald auf den Weg machen von Haustür zu Haustür. Sie ist traurig. Dann aber zeige ich ihr ein Foto und erzähle dessen Geschichte. Vor einem Lebensmittelgeschäft hat man im Abstand von zwei Metern Kreise gezogen. Hier sollen die einzelnen Kunden abstandsgerecht warten. Das Foto jedoch zeigt nur Einkaufstaschen, die in den Kreisen platzhalterisch abgestellt worden. Die rund zwei Dutzend Eigentümer sitzen derweil dichtgedrängt am Bürgersteig, um sich vernünftig unterhalten zu können. Sie lacht. Ich erzähle ihr, dass es keine abgehärteten und leidgeplagteren Menschen als die Inder gibt, und dass auch dieses Desaster irgendwie gut ausgehen wird. Gleichzeitig versichere ich Covida, dass der Mob die Dörfer und Städte auseinanderreißen wird, sollte das Essen irgendwann aus den Regalen verschwunden sein. Die Angst vor dem Virus ist nur groß, wenn der Hunger gestillt ist. Wer am Verhungern ist und verzweifelt, schert sich nicht mehr drum, ob er sich womöglich mit einem beschissenen Virus anstecken wird. Covida nickt. Solange sie Whiskas und Joghurt und Milch bekommt, ist ihr ebenfalls alles egal. Ich denke an all das Futter für sie und die Hunde, dass ich gebunkert habe. Wer meinen Vorratsschrank aufmacht, wird staunen: Eine Packung Reis, eine Packung dhaal, fünf große Tüten Pedigree, 3 mal Drools und solange Whiskas, bis Joe Exotic aus dem Gefängnis entlassen wird.
Ich bekomme Hunger. Im Garten höre ich die reifen Cashews von den Ästen fallen. Plopp, Rumms. Es ist Zeit, die Ernte einzufahren.

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