Corona Chronicles 3 ( Teil 1/2)

Ich packe den leeren Kanister aufs Motorrad. Lotta steht nun bereits seit zwei Tagen und ich habe Mühe, die alte Dame zu starten. Ein Dutzend Mal schwingt der Kickstarter ins Leere. Als ich schließlich mit ihr auf die Landstraße einbiege, ist alles bekannt und vorhanden. Die Hitze, der am eisblauen Himmel klebende Stern, die Königspalmen und Tamarinden, die an mir vorbeischnellen in ihrer selbstverständlichen Vertrautheit und alles wissen wie immer: Hier sind wir. Dies ist deine Welt, die Farben, die dich begleiten, dein Schoß und deine treue Erde. Wir blühen, mein Freund, egal, ob es euch allen an den Kragen geht oder nicht!

Es sind fünf Minuten Fahrt bis zur Trinkwasserausgabe, eine Strecke, auf der ich dank Ausgangssperre mehr Kühen als Menschen begegne. Das vollbepackte, beizend-lärmende und unaufhörliche Indien ist zum Stillstand gekommen. Ich parke Lotta und stelle mich mitten auf die Straße. Niemand. Nichts. Kein Geräusch außer der Mittagshitze und dem nassen Wind in den Ästen. Unwillkürlich muss ich an die dutzende Male denken, die ich von Indien nach Deutschland gereist bin. Plötzlich ist das Leben dann wie abgewürgt, die Lautstärke auf Null heruntergefahren und kaum sind Menschen zu sehen, von all der exorbitanten wie allgegenwärtigen indischen Tierwelt ganz zu schweigen; alles ist unendlich verlangsamt und ernüchtert. Niemand und Nichts und nur noch das Knirschen der eigenen Schritte in der deutschen Aufgeräumtheit. Und nun hier! Trotzdem bin ich kaum verwundert: Indien, diese große Allesmacherin, deren höchste Wirkweise die Paradoxie ist, kann selbst jenes Schauspiel, zu dem sie nicht imstande ist.

Tiefer im Herzen eines immergrünen Aurovilles und seiner rostroten Erdstraßen ahne ich bereits all die Tiere, die kurz davor sind, Herrscher dieser verlassenen Waldwege zu werden. Noch trauen sie dem Braten nicht und hocken gurrend in den Büschen. Die Ausgangssperre wird sie zu Jägern machen. Noch zwei oder drei Tage und sie marschieren durch die Gärten und stecken ihre Köpfe durch Fenster und Türen.

Ich fülle den Kanister auf, ich bin alleine. Gerade hier hätte ich Menschen vermutet, immerhin darf man raus, um Wasser zu holen und Essen einzukaufen. Zuhause schaue ich nach den Cashewnüssen, die zum Trocknen auf dem Dach ausgebreitet sind, und spähe den Baum für die heutige Ernte aus. Als der Anruf von Mohammed kommt, ahne ich bereits, dass irgendetwas nicht stimmt. Noch immer sei fast das gesamte Dorf abgeriegelt, all seine Einnahmen seien weggebrochen, die Bank erreiche er nicht. Nur das Meer funkelt am Ende der Straße, um drei Uhr wolle er mit den Kindern schwimmen gehen. Ob ich kommen möchte?

– Ja. Ich bringe etwas Bargeld mit, nur als Reserve, okay?

– Nein brauchst du nicht, alles ok!

– Ich bringe was mit! Bis gleich.

– Nein!

– Bis gleich …

– Bis gleich …

Das Dorf Mudaliyarchavadi wurde einst von einem Mann aus der Kaste der Mudaliyar regiert. Chavadi bedeutet Dorf. Mudaliyarchavadi dementsprechend das Dorf der Mudaliyar. Bevor der in meiner Vorstellung pompös aufgedunsene Mann starb, teilte er sein Reich in zwei Hälften auf und vermachte es seinen beiden Söhnen. Seitdem gibt es Chinnamudaliyarchavadi, das kleine-, und Periyamudaliyarchavadi, das große Mudaliyarchavadi. Warum ich jetzt auf dem Weg ins Letztere an diese Geschichtsschreibung denke? War es nicht Mohammed, der sie mir vor ein paar Jahren erzählt hat, zu einem Zeitpunkt, als es ähnlich heiß war und ich ebenfalls alle paar Tage diese Route nahm, um ihn und seinen Garten und das Meer zu besuchen? Obwohl die Straße frei ist, fahre ich langsamer als sonst. Auf halber Strecke fällt mir auf, dass ich zumindest ein Tuch hätte mitnehmen sollen, um es mir plakativ um Mund und Nase zu binden. Zwei Polizisten kommen mir auf ihren Motorrädern entgegen. Sie stoppen mich nicht und verschwinden wie kleine braune Tierchen im Rückspiegel. Hinter dem nächsten Dorf nehme ich die weniger befahrene, im Volksmund nur Mango-Hill-Road genannte Straße hinunter zum Meer. Kurz vor der letzten Kurve, wo ich endgültig sicheres Territorium verlasse würde, übermannt mich eine derart dunkle Vorahnung, dass ich von mir selbst gezwungen werde anzuhalten. Lotta rattert im Leerlauf weiter in die Stille, sie ruckelt unter meinem verschwitzten Arsch, während ich mich zu beruhigen versuche. Jede Zelle meines Körpers feuert instinktive Warnungen in mein Bewusstsein, aus den oberen Sphären eines wie auch immer gearteten Supra-Geistes folgen die intuitiven. Ich habe keinen Ausweis dabei, von einem Führerschein oder Fahrzeugpapieren, die ich noch nicht mal besitze, ganz zu schweigen. Ich bin nirgendwo registriert und auf keinen verdammten Virus getestet worden wie die übrigen Ausländer hier. Nein! Und ja: Als ich mit letzter Sicherheit merke, meine Fahrlässigkeit diesmal Ernst zu nehmen, erinnere ich mich gleichzeitig daran, dass ich eben fahrlässig bin und niemals behaupten würde, kein Volltrottel zu sein, der sich guten Gewissens seinen Dummheiten überlässt. Fuck it. Alle großen und unverzichtbaren Erlebnisse meines Lebens beruhen darauf, die Neugier und das Gottvertrauen über die Vernunft gestellt zu haben. Die meiste Zeit geht das schief. Jene Augenblicke aber, in denen tatsächlich gelingt, was nicht sein soll, haben bislang den Wert meines Lebens bestimmt.

Wie im Traum sehe ich mich in den ersten Gang schalten und nach Periyamudaliyarchavadi hinuntergleiten.

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