Corona Chronicles 2

Cashewnüsse. Ich muss lernen, all diese Cashewbäume zu ernten, die auf den Nachbarsgrundstücken verwildern. Dunkelgelb baumeln die fermentösen Fruchtballen von den Ästen, einen kleinen harten Nusskokon als Kopf. Ich öffne meinen Wassertank und schätze die Reserven. Ausgangssperre Tag zwei. Meine hypothetische Einkaufsliste sagt: Hundefutter für die Hunde und die Katze und daal und Reis und Erdnüsse für meinen Magen. Und diese ekligen Thunfischdosen. Und mehr Kaffee.

Nach dem Frühstück versuche ich mich für das staatliche „Sofortprogram zur Unterstützung freischaffender Künstlerinnen und Künstler aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Krise“ anzumelden, aber wie, wenn all meine Unterlagen in Köln-Nippes sind? Was bedeutet sie jetzt noch, die andere Seite einer bewohnbaren Welt? Wie bezahlt man Miete, ohne Miete zu zahlen? Wie die Künstlersozialkasse erreichen, wenn ein gesamtes Land verschwunden ist.

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Ein Koan vielleicht: Wenn ich nicht in Deutschland bin, wo existiert dann mein Deutschland nicht mehr? Ich koche Kaffee. Dann stutze ich die alten braunen Blätter der Bananenstauden, gieße den Garten. Überall Tiere. Vögel baden und plantschen in der Wasserschüssel, die ich den Straßenhunden hingestellt habe. Ich lebe im Paradies und weiß es. Mehr als dies habe ich nie gewollt. Was könnte jetzt noch geschehen? Es riecht nach der dicken Hitze der Sommerfrüchte, nach gärenden Jackfruits und Mangos. Im Internet laufen dutzende Videos, in denen Polizisten jene Menschen mit ihren lathis (dünne Holzknüppel) zurechtstutzen, die sich nicht an die Ausgangssperre halten. Nein, sie werden nicht halb totgeschlagen, sie bekommen ein bis zwei prächtige Hiebe auf den Arsch oder vor die Brust, bevor sie einsichtig abdrehen. Der Humor des Internets ist neben diesen Gewaltszenen sofort zur Stelle, wenn man, auf die Auslosung der Schlag-Reihenfolge vor einem Cricket-Spiel verweisend, schreibt:

Indian Police has won the Toss. And choose to bat first.

Wie lange können wir noch schmunzeln über solch unschuldige Memes, die uns die gewaltigen Einschränkungen derweil noch etwas erleichtern? Ein tamilischer Freund aus Periyamudaliyarchavadi, nur einige Kilometer entfernt am Meer gelegen, ruft mich entsetzt an und berichtet, sein Haus nicht mehr verlassen zu dürfen – selbst nicht für den Einkauf von Lebensmitteln. Die Polizisten zwingen die Shopbesitzer, ihre Läden zu schließen. Er hat noch zwei Tüten Milch und drei Kinder zu füttern. Aus Edayanchavadi hingegen kommt die Nachricht, jaja, alles hat auf, daal kein Problem und Reis auch nicht und biskets und Milch für den Tee. Aber immer nur ein Kunde und immer mit Abstand. Umgehend rufe ich meinen Freund aus Periyamudaliyarchavadi an und erzähle ihm die Neuigkeiten. Es hilft ihm nichts. Man lässt in nicht aus seinem Dorf. „So ist es“, sagt er und lacht, „für mich ist Edayanchavadi gerade so weit weg wie Paris oder Kashmir.“

Da das Brunnenwasser seit einiger Zeit milchig-rosa ist, koche ich meine Nudeln mit Trinkwasser. Eine Maßnahme, die selbst in einem Trinkwasserüberflussleben fraglich wäre. „Paint“ (Streichfarbe) war die Antwort, als ich mich jüngst nach den Ursachen der seltsamen Verfärbung erkundigte. Ich benutze es nur noch zum Duschen. Auf der Veranda schaue ich den Nachbarn zu, die singend Wäsche aufhängen, und verfasse eine Liste mit allen Produkten, auf die ich nicht verzichten kann:

– Kaffee

– Erdnüsse

Ich skype mit meinen Eltern, Geschwistern, Freunden in Köln, Kalkutta, Jaipur, Ferrara. In einem Podcast höre ich den Comedian Duncan Trussell brüllen: „The only way that we can finally see how connected we all are, is some motherfucker eats a bat!“ Ich lese in den gesammelten Gedichten von Christoph Meckel. Wollte ich dieses mir heilige Buch nicht schon immer intonieren a la Internetsensation „Dennis Freischlad trinkt Whisky und liest Christoph Meckel vor“? Jeden Tag ein Gedicht, bis das Buch fertig ist und ich auch? Wäre denn jetzt nicht die Zeit für solche stets aufgeschobene Dinge? An meinem Stand-Up-Program arbeiten, Tamil lernen, jeden Tag Schattenboxen, nicht so viel fressen, Cashewpflücker werden? Ministerpräsident Modi hält eine Fernsehansprache, in der er nonchalant auf den großen Krieg hinweist, der im Mahabharata-Epos ausgetragen wird. Ein Krieg, der 18 Tage dauerte. Der Lockdown gilt für 21 Tage. Das seien nur drei mehr. Und Indien sei stark und kraftvoll und sowieso siegreich genug, auch diesen großen Krieg der Neuzeit zu gewinnen. Im Anschluss pathetische Durchhalteparolen. Ich setze mich in den Garten und erstelle eine Liste mit Dingen, ohne die ich nicht leben könnte.

– Kaffee

– Sonne

– warme Fußsohlen

– Meer

– Indien

– der Geruch frisch gedruckter Zeitungen

Ich schließe die Augen. Was ist, wenn der Virus die Großstädte und vor allem die Slums erreicht, in denen 80 Millionen Menschen so dichtgedrängt leben, dass noch nicht einmal Luft zwischen sie passt? Passend hierzu finde ich im Netz einige Fragen, die Anup Agarwal und Yogesh Jain aufwerfen: „What happens when it infects a tuberculosis survivor? In urban slums, what will be the average number of people who will catch a disease from an infected person? What public health measures could be applicable there? What could be an affordable alternative to hand sanitisers? How can accredited social health activists and auxiliary nurse midwives triage Covid-19 – or decide the order of treatment of patients – to prevent overwhelming health systems? How do we adapt to provide services for all other diseases while building capacity for Covid-19? How to engage the profit driven private health care partners to provide care in a people-centric manner?“

Ich füttere die Hunde mit den letzten Resten Pedigree. Die kleinen Bälle knacken wie Feuer in ihren Mündern. Die Katze bekommt Joghurt. Die Sonne brennt auf meiner Haut, sofort öffnen sich alle Poren. Ich weiß, ich verdunste und fühle mich großartig. Den Kauf einer Klimaanlage habe ich verpasst. Es sind wallend-schwüle 35 Grad. Noch 19 Tage. Und dann mal sehen, ob die Welt da draußen noch steht. Ich schreibe einem Kumpel, der vor zwei Wochen angefangen hat, Lebensmittel zu bunkern. 50 Kilo Reis. Konserven, so viel es ging. Achtzig Pack Nudeln. Ich schreibe ihm, dass ich weiß, wo er wohnt, und dass ich stärker bin als er, von einem entscheidenden Plus an Kampfkunsterfahrung ganz zu schweigen. Seine Antwort: lol. Dass es ein Scherz war, wissen wir beide, aber ich schwöre beim Leben meiner Mutter, dass er gerade Hochsicherheitsschlösser kauft und im Darknet nach „Fire weapons URGENT delivery“ googelt.

Im Bücherregal wartet Sri Aurobindos „The Life Divine“ darauf, erneut gelesen zu werden. Ich lege es zu dem Stapel zu lesender Bücher. Die Nachbarn gehen mit der ganzen Familie spazieren. Ich grüße von der Veranda. Niemand macht sich die Mühe, ein Gespräch über Corona und das alles zu beginnen. Hinter ihnen leuchten die rotgefleckten Cashewfrüchte wie dicke Tierchen im Grün. Ich koche mir einen Tusli Tee, lasse ihn abkühlen, schneide etwas Ingwer hinein und schütte das Ganze mit kaltem Wasser auf. Ein Sommergetränk aus Tee. So was wollte ich schon immer mal machen. Das Gefühl heißt Stolz. Ich weiß also, ich komme zurecht.

Auf eine meiner Listen schreibe ich: Darüber schreiben, wie romantisch es ist, so vollkommen verschwunden zu sein. Gibt es heutzutage noch Orte und Momente, denen es gelingt, der Welt und ihren Messdaten, Aktenbergen und Fahrrinnen fundamental zu entkommen? Gibt es einen Moment, wo sich nach einer kalten Tasse Sommertulsitee nichts mehr verändert, das rosa Brunnenwasser nicht, die schlafende Katze, das wilde Wachsen drumherum an allen Ecken und Enden? Weder der deutsche noch der indische Staat wissen, wo ich bin. Zwischen den Cashewbäumen hockend bin ich unregistrierbar geworden. Meine letzte nachvollziehbare Tat: Einreise nach Indien am vierten Dezember 2019. Ich könnte ewig hier bleiben und Nüsse essen, nur atmen, meditieren, dichten, onanieren, die Hunde füttern, ab und an mal richtig heulen, in der Sonne stehen glücklich und rein. Meine Steuern in Deutschland zahlt dann jemand anderes. Und dann der Gerichtvollzieher. Was kann ein Gerichtsvollzieher vollziehen, wenn es niemanden gibt, an dem etwas vollzogen werden kann? Das ist Buddhismus! Und überhaupt: haben die nicht alle bald ihren Job verloren? Wahrscheinlich arbeiten sie für den Staat, der pleite ist, sie arbeiten für gestrige Versprechen, die nichts mehr wert sind in einer neuen Weltordnung, die ohne sie auskommen wird. Manche werden nicht loslassen wollen und auf eigene Faust an den Türen klopfen, aus reiner Missgunst und Misanthropie. Aber Dennis Freischlad liest auf YouTube betrunken alle Gedichte von Christoph Meckel vor! Ich zücke meinen Stift und erstelle eine Liste mit Möglichkeiten, wie die Corona-Krise für Indien ausgehen kann:

– gut

– sehr sehr schlecht

Am späten Nachmittag erhebt sich der Himmel und strömt über die ausgetrocknete Erde. Die Katze ist aufs Dach geklettert und mault. Ich zähle meine Trinkwasserkanister, eineinhalb Stück. In neuen Facebook-Videos werden Ärzte und Krankenschwestern verprügelt, die sich auf dem Weg zur Arbeit befinden. Hyderabad, Coimbatore, Pune, Delhi. Zwei Männer werden derart niedergeknüppelt, dass sie nicht mehr laufen können. Mein Kumpel aus Periyamudaliyarchavadi ruft an und sagt, kein Problem, er hätte nun doch etwas einkaufen können, die Polizisten hätten ein Einsehen gehabt. Im Netz Artikel, welche die Handlungen der Regierung preisen, und Artikel, die auflisten, welche humanitären Katastrophen wann und wo und warum eintreffen werden. Ich schalte den Computer aus, greife zum Eimer und mache mich an die Arbeit. In einem „village vlog“ habe ich gelernt, wie es geht. Da ich keine Handschuhe habe, binde ich mir eine alte Stofftüte um die Hand, um vor der anscheinend fiesen Säure geschützt zu sein. Schade, dass ich nicht rauche. Mein erster Tag als Cashewfarmer beginnt.

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